Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVI. Jahrgang 1914/1915 Nr. 24. 12. März 1915

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ERKLÄRUNG

Der Pariser »Marin« hatte vor mehreren Wochen
einen Artikel über die Entführung berühmter Kunst-
werke aus Belgien nach Deutschland veröffentlicht;
danach sollten alle Teile des Genter Altars der Brüder
van Eyck, die sich in der Kathedrale zu Gent und
in der Brüsseler Gemäldegalerie befinden, nach Berlin
gebracht worden sein, ebenso die Werke Hans Mem-
lings aus Brügge und die Bilder von Dirk Bouts
(Erasmus-Martyrium und Abendmahl) aus Löwen.
Daß diese Behauptungen des »Matin« freie Erfindung
sind, war durch die in deutschen und ausländischen
Zeitungen veröffentlichten Berichte der Kaiserlichen
Zivilverwaltung über die Revision der Kunstdenkmäler
in Belgien schon längst erwiesen. Da indessen der
Matinbericht trotzdem später auch von italienischen
Zeitungen (Stampa, Tribuna) übernommen und weiter-
getragen wurde, so mögen noch einmal die folgenden
Tatsachen festgestellt werden:

1. Die beiden Flügelbilder vom Eyckschen Genter
Altar haben die Brüsseler Gemäldegalerie seit Kriegs-
ausbruch nicht verlassen und sind, da die Galerie im
Januar wieder eröffnet worden ist, an derselben Stelle
zu sehen, wo sie immer waren.

Daß aus den Brüsseler Museen, die nach einer
Meldung des Pariser »Journal« durch die Deutschen
bis auf geringe Reste ausgeraubt worden sein sollten,
kein Stück entfernt worden ist, kann von den bel-
gischen Beamten dieser Sammlungen bestätigt werden.

2. Die vom »Matin« angeführten Bilder des Dirk
Bouts sind aus der Peterskirche von Löwen, da sie
durch den Dachstuhlbrand gefährdet waren, nebst dem
ganzen Kirchenschatz von St. Peter durch das deutsche
Militär in das Löwener Rathaus übertragen worden,
wo sie sich noch heute unter der Aufsicht des Bürger-
meisters von Löwen befinden.

3. Der Eyck-Altar aus der Genter Kathedrale und
die Bilder Memlings in Brügge sind vor der Be-
setzung der beiden Städte von den kirchlichen und
städtischen Behörden in Gent und Brügge verborgen
worden und in deren Obhut verblieben.

Im Auftrage des
Kaiserlichen General-Gouvernements
DR. v. FALKE.

* *
*

FRIEDRICH DÖRNHÖFFER
UND DIE K. K. STAATSGALERIE IN WIEN

Mit Ende des Jahres 1914 legte Friedrich Dörn-
höffer die Direktion der k. k. Staatsgalerie in Wien
nieder, um in München den Posten eines General-
direktors der Kgl. bayrischen Staatsgalerien anzutreten.
Im neunzehnten Jahrhundert hatte in Wien die Kaiser-
liche Gemäldegalerie im Belvedere mit die Aufgabe
übernommen, Werke lebender Künstler Österreichs zu
sammeln. Da aber die programmlose wenig ersprieß-
liche und wahllose Art des Sammeins in diesem Kunst-
institut allgemein verstimmte und es namentlich an
jedem Zusammenarbeiten mit dem wirklich leben-
digen Zweig des Wiener Kunstlebens absolut mangelte,
so entstand um die letzte Jahrhundertwende in öster-
reichischen Künstlerkreisen, die aus dem Ephemeren
der Wiener Kunstausstellungen ein bleibendes Gebilde
gestalten wollten, der Gedanke der Gründung einer
selbständigen von der Hofsammlung freien modernen
Galerie. Der Staat, das Land Niederösterreich und die
Stadt Wien beteiligten sich an diesem Unternehmen,
das ursprünglich an das Programm Wiener Kunst-
ausstellungen gebunden war. Eine Kommission —
der immerhin Männer wie Robert von Schneider und
Carl Moll angehörten — wählte aus diesem Material
jene Werke heraus, deren Werte sie für bleibend hielt,
und es darf nicht verhehlt werden, daß so neben vielem
Mittelmäßigen auch manches hervorragende Werk er-
worben wurde. Als zeitliche Grenze wurde die Re-
gierungszeit Kaiser Franz Josefs I. bestimmt; in erster
Linie wurden wohl Werke österreichischer Künstler
angekauft, aber auch von Reichsdeutschen und Aus-
ländern sollten Gemälde und Skulpturen erworben
werden, da man sich davon eine Belebung des Wiener
Ausstellungslebens erhoffte. Als Gebäude wurde der
neuen Schöpfung vom Hofe großmütig das untere Bel-
vedere zugewiesen. Als im Jahre 1903 diese moderne
Galerie in den herrlich schönen, aber für diese Zwecke
in ihrem Prunk und in ihren Beleuchtungsverhältnissen
wenig geeigneten Räumen eröffnet wurde — Moritz
Dreger hatte einen provisorischen Katalog verfaßt —
da nahm die Öffentlichkeit namentlich im Deutschen
Reich vor allem nur Kenntnis von der Aufstellung
der beiden großen Monumentalgemälde Max Klingers,
des Parisurteils, das der jüngst verstorbene Triester
Architekt Alexander Hummel gestiftet hatte, und des
Christus im Olymp. — Die Unzulänglichkeit des
Programms zeigte sich zuerst an den zu äußerlich ge-
stellten zeitlichen Grenzen. Es wurde die Altwiener
Kunst des Vormärz mit ihrem großen Führer Wald-
müller einbezogen. Land und Stadt zogen sich bald
von der Schöpfung zurück, der Staat allein nahm sie
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