Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Friedrich Dörnhöffer und die k. k. Staatsgalerie in Wien

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der momentanen Situation trefflich herausarbeitet. Von
Ludwig Schnorr von Carolsfeld wurde eine Wald-
partie mit Rehen erworben, ein Bildchen, das sich
wegbewegt von der etwas langweiligen Korrektheit der
großen Landschaftskompositionen dieses Malers und
an Schwindsche Naturfeinheiten gemahnt. Weniger
reich vertreten sind dagegen die an künstlerischer Be-
deutung allerdings zurückstehenden Stilisten des Vor-
märz wie Rahl, und die Klassizisten und Porträtisten
vom Beginn des Jahrhunderts fehlen noch ganz.

Von den österreichischen Malern der sechziger,
siebziger und achtziger Jahre erwarb Friedrich Dörn-
höffer eine recht erkleckliche Bilderzahl. So ist jetzt
Pettenkofen, dessen malerisches Können ihm seiner-
zeit internationalen Ruf verschaffte und der nun
bei Sammlern — allerdings fast ausschließlich in
Wien — wieder sehr beliebt zu werden scheint,
durch eine große Anzahl kleiner Bildchen aus der
Pußta und dem Zigeunerleben und Studien aus Italien
vertreten, die alle den diesen Malereien eigenen schwer-
mütigen Reiz des Undefinierten, leicht Angedeuteten,
fast Unwesentlichen aufweisen. Klarer noch als diese
späten Sachen zeugt von dem großen Talent Petten-
kofens das frühe Bild mit österreichischen Soldaten,
die eine Furt durchschreiten. Bei ganz durchsichtiger
Klarheit der Farbe und großem Reichtum im Terrain
und in Wolkenbildung eint das Ganze die Kraft der
malerischen Stimmung. Von dem Tiermaler Otto
von Thoren, der in seinen großen Kompositionen
konventionell und unlebendig wirkt, sind drei kleinere
Bildchen vorhanden, die in der Kraft der Bewegung
zwar nicht an Teutwart Schmitson heranreichen, in
der Behandlung von Licht und Atmosphäre aber
bereits den Impressionismus vorbereiten und in dem
geschickt und einfach gewählten Bildsujet und Aus-
schnitt eine Natürlichkeit atmen, die an die Maler der
heimatlichen Scholle von der letzten Jahrhundertwende
gemahnt. Beinahe noch vorgeschrittener ist ein Bild
mit Kühen auf der Weide, die in starken Kontrast
von Sonne und Schatten gestellt sind, von Rudolf
Ribarz. Ein Hof von diesem Künstler zeugt dann
von seinem Sinn für Tonabstufungen und liebesvolles
Versenken ins Detail. Die Größe der Form des
erstgenannten Werkes ist freilich hier nicht erreicht.
Stilisierter als diese reinen Naturalisten wirkt Ro-
mako, sein groß gesehenes Gasteiner Tal ist in die
erste Reihe seiner Werke zu zählen. Jakob Emil
Schindler, Eugen Jettel und Theodor von Hör-
mann, die diesen Kreis von Malern schließen, waren
bereits vor dem Dienstantritt Dörnhöffers, wenn auch
freilich nicht mit ihren allerersten Werken, in der
Galerie vertreten. Dagegen erwarb dieser erst von
Franz Rumpier eine sehr große Zahl gutgesehener
Skizzen und Studien und die reiche Sammlung von
Aquarellen Rudolf Alts, die ein bißchen zu sehr
auf das rein Vedutenhafte zugeschnitten war, wurde
durch einige Landschaften vermehrt, in denen sich
das feinsinnige, allerdings auch recht kleinliche Talent
dieses Malers am gefälligsten zeigt, namentlich wenn
es gilt, feines Geäst hoher Baumriesen sich von der
Himmelsbläue abheben zu lassen und die klare Zer-

klüftung ferner Kalkberge herauszuarbeiten oder die
Durchsichtigkeit venezianischer Luft zum Ausdruck
zu bringen.

Den Titanen deutscher Monumental kunst, einem
Böcklin, Feuerbach, Marees hat Österreich auch im
Entferntesten nichts zur Seite zu stellen. Der glänzende
Repräsentant der Wiener Kultur in dieser großen Zeit
ist Hans Makart, in dem wie in Lenbach wirk-
liches eigenes Können, eine fabelhafte Anempfindungs-
gabe und an Kitsch oft hart streifende Effekthascherei
eng nebeneinander wohnen. Bisher war er mit mehr
konventionellen Werken in der Galerie vertreten: mit
den fünf Sinnen von allzu stark betonter Absicht, durch
stärker bewegte schöne Frauenleiber zu wirken, mit
einem Plafond von venezianischem Farbcharakter und
mit einigen malerisch interessanten Skizzen zu Decken-
bildern und Theatervorhängen. Diesen Bestand ver-
mehrte Dörnhöffer durch die Studie einer in reiner
Rückenansicht gesehenen Dame am Klavier, die mit
breitem Pinsel und zarten Farben auf die Wirkung des
herrlich braunroten Haarknotens hin gemalt zu sein
scheint und durch das große Porträt der schönen
Frau Plach, das kompositioneil die Pose genuesischer
van Dycks mehr in der Art sehr geschmackvoller
Photographen variiert, aber in der Wirkung des vielen
altmeisterlich gemalten Weiß und der lebensvollen
Wiedergabe der reichen Fülle blonden Haarschmucks
von der großen Malkultur Makarts Zeugnis ablegt.
Leider ist Makarts etwas älterer Zeitgenosse Canon,
der ähnlichen Zielen wie dieser zuschreitet und ihn
in seinen besten Werken, die ein vielleicht allzu-
starkes Versenken in die Kunst des Rubens verkünden,
an kräftiger Natürlichkeit übertrifft, in der Galerie
noch nicht ausreichend vertreten, da das ungeheuer
wirkungsvolle lebensgroße Bildnis eines Rüdenmeisters,
das im vorigen Sommer als Leihgabe des Grafen
Wilczek ausgestellt war, wieder an den Besitzer
zurückwandern mußte. Von lebenden Österreichern
ist vor allem Klimt zu nennen, der vorher nur durch
den allzu kunstgewerblichen Kuß vertreten war, der
freilich in der Zeichnung der nackten Teile und in
dem psychologischen Herausarbeiten des Typischen
aus dem Individuellen des Gegenstands charakteristisch
für den Maler ist. Nun können wir daneben noch
ein weibliches Bildnis (als Leihgabe des Landes-
museums) und zwei Landschaften bewundern. Der
helle blumige Duft des Kolorits in dem Bauernhaus
hinter den Obstbäumen erhebt dieses Bild über die
etwas süßliche und verschwommene Seeansicht. Die
Süßlichkeit in der Farbstimmung teilt mit Klimt auch
Andri, der in der Wahl seiner Motive aber mehr
an Egger-Lienz erinnert und dessen Holzfäller und
Mutter und Kind durch die klare Zeichnung und die
gute Erfassung des Hochgebirgscharakters auffallen.
Auch von slawischen Künstlern wurden versprechende
Talentproben angekauft, wenn freilich noch einige
wichtige Tschechen wie Manes, Slaviczek, Filla fehlen.
Dafür istSvabinsky sehr ausreichend vertreten. An
Plastiken ist die große Marmorfigur eines kauernden
weiblichen Aktes von Jan Stursa zu nennen, die von
der römischen Ausstellung 1911 rühmlichst bekannt ist.
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