Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Friedrich Dörnhöffer und die k. k. Staatsgalerie in Wien

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Durch diese Vervollständigung der Wiener Schule
ist in der Staatsgalerie nun ein Gebilde entstanden,
das zwar gelegentlich von Dörnhof fers Nachfolger
durch glückliche Einzelerwerbungen vermehrt werden
mag, das aber in seiner Gesamtheit bereits ein so
klares Bild des künstlerischen Schaffens in dieser
deutschen Kunstprovinz gewährt, wie es durch die
vorbildliche Sammlertätigkeit Lichtwarks und Tschudis
für die Hamburger und Berliner Maler erzielt wurde.
Gerade diese reiche Vergangenheitsschau der Staats-
galerie beweist wieder klar, daß es sich in Österreich
auch im 19. Jahrhundert nur um provinzielle Kunst-
richtungen handeln kann, die für eine künftige ent-
wicklungsgeschichtliche Darstellung von größtem In-
teresse sein werden, die aber niemals selbst anregend
und belebend auf die großen künstlerischen Genie-
taten gewesen sind und denen selbst Persönlichkeiten
wie Berlin sie in Schadow und Menzel besitzt, ver-
sagt geblieben sind. So gewinnt diese große Sonder-
sammlung erst dann allgemeine Bedeutung, wenn sie
angegliedert ist an ein Museum, in dem die großen
und führenden Meister in Deutschland eine reiche Ver-
tretung gefunden haben. Erst dann wird man die
vielen Ansätze, die Wiener Künstler zur Erreichung
neuer Ziele gemacht haben, deren letzte Folgerungen
zu ziehen ihrer Natur aber versagt blieb, in richtigem
Lichte würdigen können. Auch auf diesem Sammlungs-
gebiet traf Dörnhöffer nur äußerst unvollkommene An-
sätze vor. Die Vertretung Böcklins und Thomas war
weniger als mittelmäßig, die Liebermanns nicht aus-
reichend, die von Marees direkt kläglich; ein früher
Uhde und der Kopf von Leibis zerschnittenem Bauern-
mädchen waren die einzigen wirklich guten deutschen
Bilder. Wenn Dörnhöffer von den großen Deutschen
numerisch keine annähernd so große Zahl erwerben
konnte wie von den Altwienern, so lag es daran, daß
er zu einer Zeit an die Spitze der Staatsgalerie, der
er so kurz vorstand, berufen wurde, in der das Beste
von Leibi oder Menzel, von Feuerbach oder Marees
bereits in festen Händen war und in der auch Meister-
werke eines Thoma oder Trübner nur mehr mit
Summen bezahlt werden können, für die man zehn
und mehr österreichische Bilder erhält. Immerhin ist
jetzt auch auf diesem Gebiete die Staatsgalerie um
einige Perlen reicher, wenn freilich auch der absolute
Mangel an vor 1870 entstandenen Bildern sich sehr
unangenehm fühlbar macht. Feuerbachs großes und
einfaches Brustbild seiner Stiefmutter hängt nun dem
Bildnis der Gräfin Treuberg von Leibi gegenüber, in
dem der strenge zeichnerische Umriß einen so pikanten
Gegensatz ergibt zu der hellen malerisch freien Be-
handlung des Kleides. Von Leibi wurden ferner die
Skizze zu den berühmten Kritikern und eine ganz
hervorragende Studie zweier Bäuerinnenhände von fabel-
haftem Schmelz des Inkarnats erworben, und der junge
Trübner ist durch einen Buchenwald vertreten, der
mit seiner duftigen Lichtführung zu den reizvollsten
Kabinettstücken des Meisters gehört. Schließlich ist
ein später Liebermann zu erwähnen, ein stark ge-
spachtelter Jäger mit Hunden, hinter dem sich die
weite Düne erstreckt, die mit großem Tonreichtum

und mit ungeheuer charakteristischer Wiedergabe der
schweren Erdmaterie gemalt ist. Dagegen fehlen die
jüngeren Maler vollständig. Die deutsche Bildhauer-
kunst repräsentiert Lederers Strauß-Büste.

Einer Ehrenpflicht glaubte Dörnhöffer Genüge
zu leisten, als er von Karl Schuch, dessen Wiege
in Wien stand und der hier seine erste künstlerische
Ausbildung genoß — mag er künstlerisch auch zu
dem ganz unprovinzionellen Münchner Kreis Leibis
und Trübners gehören —, eine Kollektion zusammen-
brachte, die gegenwärtig unter allen deutschen Gale-
rien wohl die reichhaltigste sein dürfte. Den Reigen
beginnt eine Ansicht des Gosau-Sees, die in Wahl von
Bildthema und -ausschnitt und in der lockeren Tech-
nik an Schuchs ersten Lehrer Halauska erinnert, aber
bereits ein viel energischeres, zielbewußteres Talent
bekundet. Zeitlich folgen einige kleine Landschafts-
studien, von denen zwei Motive aus italienischen
Bergen behandeln und durch große Klarheit des De-
tailstudiums hervorragen und die nicht so ganz ge-
lungene Studie eines Schimmels. Die Münchner Zeit
ist durch das berühmte Selbstbildnis vertreten, über
das Hagemeister das Urteil fällt, daß es in der Cha-
rakteristik dem Schuchbildnis Leibis nur um ein Ge-
ringes nachsteht, im Ernst der Auffassung und der
Ausführung ihm aber gleich sei. Aus den venezia-
nischen Jahren ist das Hauptwerk des Künstlers da,
das große, unendlich reiche Küchenstilleben, das trotz
eingehendster Erfassung der Materie, jedes einzelnen
Gegenstands doch so wundervoll harmonisch im Ge-
samtton ist, als wäre er von einem der großen Nieder-
länder gemalt. Dabei kenne ich kein Stilleben, das
im Gesamtaufbau so monumental wirkt wie dieses,
so daß der Beschauer über der Freude an der Wieder-
gabe der tausend Einzelheiten, nie die Größe in der
Wirkung des Ganzen aus dem Auge verliert. Aus
den Sommern in Ferch und Kähnsdorf sehen wir
eine Havellandschaft von sehr gelungenem Aufbau
und ein Moorbild, das durch tonige Reichheit erfreut.
Eine große Landschaft von Doubs mit einem ganz
hellen, sonnig beleuchteten Wald ist ein wenig im
Flächenhaften stecken geblieben und von nicht ganz
einheitlicher Wirkung in der Lichtverteilung, gehört aber
zu den verhältnismäßig besten dieser späten Landschafts-
bilder Schuchs. Der Pariser Zeit gehören schließlich
zwei Stilleben an. Auf dem einen sind der Metall-
becher und der Teller mit Camembert mit grandioser
Virtuosität gemalt, während der etwas branstige Hinter-
grund leider zu wenig zurückgeht; das andere mit
einer gespaltenen Melone und sam metweichen Pfirsichen
und Trauben darf als schlechtweg vollendet bezeichnet
werden.

Von Franzosen erwarb Dörnhöffer neben weniger
bedeutenden Kleinigkeiten von Daumier, Monet
und Pissarro das große Hauptwerk aus Manets
früher spanischer Zeit, die malerisch sehr reizvollen
wenn auch etwas mangelhaft komponierten Bettler
von 1861 und von Renoir einen späten weiblichen
Akt, der zum Leichtesten, Duftigsten, Farbenreichsten
gehört, was dieser schöpferischeste aller Impressionisten
geschaffen hat. Rod in ist nun als Bronzekünstler
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