Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Literatur

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des deutschen Barocks und Rokokos hinwegzugehen be-
liebte, Findet man, daß die »Rettung« dieser Kunst kein
ganz leichtes Unterfangen sein kann. Keine noch so um-
fassende Ausstellung von Werken der Malerei beispiels-
weise wird über den auffallenden Mangel an großen
führenden Persönlichkeiten hinwegtäuschen, in denen das
deutsche Kunsttemperament erfolgreich mit den Meistern
der gleichzeitigen französischen Kunst sich Geltung schafft.
Die eindruckvollsten Werke der Malerei stecken in dem
Gesamtkunstwerk der barocken Dekoration — herausge-
rissen aus ihrer Umgebung, verschweigen sie ihr Bestes,
und auch die effektvolle Bildnismalerei von fürstlichen
Gnaden entfaltet ihren vollen Reiz nur im Rahmen einer
prunkenden, festlichen Umgebung. Entwicklungsgeschicht-
lich bedeutsame und auch künstlerisch wertvollere Arbeiten
finden sich gewiß im Umkreis höfischer Kultur, aber viel
mehr — was auch im Text hervorgehoben wird — in der
weniger fremdtümelnden bürgerlichen Malerei und in Neben-
ämtern der großen Kunst, in der Miniaturmalerei, in der
Fächerkunst, in der Dosenmalerei, im Buchschmuck.

Günstiger gestaltet sich das Bild, wenn man den Blick
auf die Skulptur der Zeit richtet. Auch hier viel Bombast,
viel Nachahmung fremder Weise, viel Effekthascherei und
rustikale Unfeinheit — aber hat nicht das süddeutsche
Barock und Rokoko eine in ihrer frischen Keckheit und
dekorativen Sicherheit bodenständige Plastik hervorgebracht
und in der Kleinplastik der Nymphenburger und anderer
Manufakturen meisterhafte Werke geschaffen, die immer
als Zeugnisse eines feinen künstlerischen Geschmackes
gelten werden? Aber von dieser Kleinkunst und der nicht
minder reizvollen Kunst Meißens, die im Bunde mit den
Kostbarkeiten und Niedlichkeiten höfischer Schmuckkunst
so vielfältig die Verfeinerung und Genußsucht höfischer Kultur
widerspiegelt, hatte die Darmstädter Ausstellung fast ganz
absehen müssen und damit auf einen wichtigen Trumpf ver-
zichtet, mit dem ein Nachweis bodenständig deutscher
Kunstart leicht zu liefern gewesen wäre. Auch abgesehen
von der Porzellanplastik, die das Ausstellungsprogramm
aus Rücksicht auf die vielen Sonderausstellungen der letzten
Jahre von vornherein ausgeschlossen hat, war die bildne-
rische Fähigkeit der Zeit nur aus wenigen Stichproben zu
würdigen. Die Goldschmiedekunst war vertreten, doch
nicht so, daß die einst weit über die Grenzen Deutschlands
hinausgehende Wertschätzung deutscher Goldschmiede-
arbeiten hätte klar gemacht werden können. Auf allen
diesen rühmlichen Gebieten deutschen Kunstfleißes, auch
auf dem der Miniaturmalerei, war der Eindruck des Ge-
botenen, trotz einzelner guter Stücke, mehr zufällig als im
Interesse einer »Rettung« befriedigend. So blieb die Un-
menge von Gemälden und Handzeichnungen übrig, denen
in zwei Abteilungen — dem süddeutschen und öster-
reichischen Kunstkreis und dem norddeutschen Kunstkreis
— die schwere Bürde einer Repräsentation deutscher Kunst-
art übertragen war. Als Anhängsel erschien noch — zum
ersten Male wohl in größerem Aufgebot — die Silhouette,
derAntonKippenberg sorgsame Pflege zuteil werden ließ.

Nach Kriegsausbruch wurde im Herbst die im groß-
herzoglichen Schloße zu Darmstadt vorgeführte Ausstellung
geschlossen, und bereits zu Weihnachten konnten dem
hohen Protektor zwei starke Großquart-Bände als bleiben-
des Erinnerungsmal an die Ausstellung überreicht werden.
Prof. Georg Biermann, der rührige Veranstalter der
Ausstellung, hat dieses Werk im Leipziger Verlag der
Weißen Bücher erscheinen lassen. Über 1300 Abbildungen,
meist in Autotypie, vereinigen, was die Ausstellung an

irgendwie bemerkenswerten Werken zusammengebracht
hatte — ein ohne Frage für die Beschäftigung mit der
Kunst des Barocks und des Rokokos nützliches Sammelwerk.

Der erste Band bringt nach einem Vorwort aus der
Feder des Herausgebers einen Aufsatz über die Malerei,
der allgemein gehalten versucht, auf Grund der ausge-
stellten Werke die deutsche Malerei von 1650 bis 1800 zu
würdigen. Der Verfasser ist sich der Schwierigkeit, ein
Gebiet zu beurteilen, das noch wenig in wissenschaftlicher
Arbeit aufgehellt ist, bewußt, und wenn er sich in seinen
Verallgemeinerungen, die geistesgeschichtliche, ästhetische
und andere Fragen berühren, auch in der Erretter- und
Entdeckerfreude zu hochgestimmten Lobeserhebungen des
Zeitalters verleiten läßt, so mag das dem frohen Wagemut
zugute gehalten werden, ohne den wohl diese Ausstellung
nicht so schnell zustande gekommen wäre. So sollen auch
die »lediglich aus subjektiven Empfindungsmomenten« ge-
wonnenen entwicklungsgeschichtlichen Hinweise auf die Zu-
sammenhänge der Kunst des Barocks und Rokokos mit der
Kunst des 19. Jahrhunderts nicht weiter nachgeprüft werden.
Die deutsche Malerei des Barocks namentlich ist nach
ihren Einflüssen und Schulzusammenhängen noch so wenig
untersucht, daß es noch schwer hält, die Triebkräfte der
einzelnen Richtungen aufzudecken und ihren Wert im Ver-
hältnisse zu der allgemeinen Entwicklung der Barockkunst
selbst festzustellen, geschweige schon weitergehende Folge-
rungen zu ziehen. Es wird noch langer geduldiger Einzel-
arbeit bedürfen, ähnlich wie sie für die Architekturgeschichte
mit Erfolg unternommen worden ist, ehe man dieser gewiß
zu sehr mißachteten Periode deutscher Kunst nach Gebühr
gerecht werden wird.

Etwas besser liegen die Verhältnisse auf dem Gebiete
der Plastik, die Adolf Feulner auf Grund einer umfassen-
deren Denkmälerkenntnis, als sie die Ausstellung zu geben
vermochte, in den Hauptlinien einleuchtend skizziert hat.
Albert Brinckmann hat die Miniaturen besprochen und
Uhde-Bernays im zweiten Teil des Werks, das den Kata-
log der Ausstellung in »revidierter« Fassung abdruckt, die
dankenswerte Sondergruppe »Das Porträt des künstlerischen
und geistigen Deutschlands« bearbeitet.

So bietet das Werk vor allem eine umfängliche Bilder-
sammlung, die zwar die Kunst des deutschen Barocks und
Rokokos nicht in vollem Glänze aufstrahlen läßt, weil sie
auf vieles verzichten mußte, was ihr zur Zierde gereicht
hätte, die aber doch der allgemeinen wie der Sonderforschung
bekanntes und bisher unbekanntes Studienmaterial in hand-
licher Form und großer Fülle darbietet. r. q.

Meisterwerke der Plastik Bayerns, herausgegeben von
Dr. Fritz Burger. Band 1. Der Meister der Skulpturen
von Blutenburg und seine Schule. Riehn & Tietze, Buch-
und Kunstverlag, München.

Eine systematische Publikation der plastischen Meister-
werke Bayerns in geschlossenen Gruppen ist ein lang-
gehegter Wunsch der Kunstfreunde Deutschlands. Die
dankbare Aufgabe, diesen Wunsch zu erfüllen, hat sich der
Münchener Privatdozent Dr. Fritz Burger gestellt. Mit einem
Essay über den Meister der Skulpturen von Blutenburg und
der ersten vollständigen Wiedergabe der Werke der Bluten-
burger Klosterkirche, von der zwei Lieferungen vorliegen,
beginnt der Herausgeber seine Veröffentlichung, die, wenn
sie dermaleinst vollendet sein wird, wohl einen hervor-
ragenden Platz in der einschlägigen Literatur beanspruchen
darf. Wir behalten uns vor, nach Erscheinen weiterer
Lieferungen ausführlich auf das Werk einzugehen. b.

Inhalt: Neue spanische Kunstliteratur; Über die baugeschichtlichen Dissertationen der Hochbauabteilung der Technischen Hochschule zu Dresden; Joh.

Sieveking, Die Bronzen der Sammlung Loeb; Oeorg Biermann, Deutsches Barock und Rokoko; Fritz Burger, Meisterwerke der Plastik Bayerns.

Verantwortliche Redaktion: Gustav Kirstein. Verlag von E. A. Seemann, Leipzig, Hospitalstraße IIa
Druck von Ernst Hedrich Nachf., g. m. b. h., Leipzig
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