Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

Seite: 361
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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVI. Jahrgang 1914/1915 Nr. 29. 16. April 1915

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BERLINER AUSSTELLUNGEN

Die Ausstellung der Königlichen Akademie der
Künste steht in diesem Jahre im Zeichen des Krieges.
»Kriegsbilder aus dem Westen und Osten« füllen
zwei Säle, und es ist begreiflich, daß das Haupt-
interesse dieser Veranstaltung gebührt, zumal sie die
erste ihrer Art ist. Es war bei Kriegsausbruch viel
die Rede von einer Erneuerung der nationalen Kunst
durch das gewaltige Erlebnis. Aber es wurde nicht
recht klar, ob man an den unmittelbaren Eindruck
dachte oder an die ferne Spiegelung einer welt-
historischen Begebenheit im Geiste der kommenden
Generation. Jugendliche Menschen, die in solcher
Zeit heranwachsen, müssen in Denken und Fühlen
die Spuren dessen, was heute auf jedes empfängliche
Empfindungsleben mit unerbittlicher Gewalt wirkt, für
immer eingeprägt tragen. So scheint es uns heute.
Die Zukunft muß lehren, ob die Prophezeihung recht
behält. Der Blick in die Vergangenheit gibt Zweifeln
Raum. Denn nirgends bestätigt sich die Regel, daß
Zeiten nationaler Erhebung auch Blüteperioden einer
innerlich gesteigerten Kunst folgen. Das schwierige
Problem des nationalen Gedankens in der Kunst
braucht in diesem Zusammenhang nicht angerührt zu
werden. Es handelt sich hier nur um den neuen In-
halt, die Bedeutsamkeit, die das künstlerische Schaffen
dadurch über seinen spezifisch ästhetischen Gehalt hin-
aus zu gewinnen vermag, daß es dem Gestalt verleiht,
was aller Herzen bewegt. Um es mit einem banalen
Worte zu sagen, wer Kriegsbilder malt, darf heute
des Interesses auch derer sicher sein, die sonst kaum
um Kunst sich kümmern. Niemand kann gleichgültig
vorübergehen an Bildern von den Schlachtfeldern dieses
Krieges, der uns allen so unmittelbares Erlebnis ist.
Kein Zweifel, daß hierin auch der Erfolg von Dett-
manns Studienblättern vom östlichen Kriegsschau platze
begründet ist. Darüber hinaus hat er es verstanden, in
virtuoser Beherrschung seiner Mittel starke Eindrücke un-
mittelbar lebendig werden zu lassen. Er hat viel gesehen
von den Greueln des Krieges hinter der Front und bis
in die vordersten Schlachtreihen, Schützengräben und
Sterbende, Verwundete und Tote, Lazarette und zer-
schossene Häuser, Flüchtlinge und Kolonnen. Die
Titel der 11 o Blätter geben ein ganzes Wörterbuch
der Begriffe, die in allen Kriegsberichten jetzt wieder-
kehren. Und Dettmann verstand es, den vielfach
wechselnden Eindrücken immer neue formale Lösungen
zu finden. Das ist eine Stärke und eine Schwäche
zugleich. Es beweist eine seltene Anpassungsfähigkeit,
sich so vom Gegenstand bestimmen zu lassen. Aber
so überzeugend jedes einzelne Blatt wirken mag, so
wenig bleibt doch im' Beschauer der Eindruck eines

ganz großen und überwältigenden Erlebnisses, das den
Menschen mit sich fortgerissen hätte. Es ist die Frage
aufgeworfen worden, ob die fürchterlichen Gescheh-
nisse eines Krieges überhaupt noch künstlerischer Be-
handlung zugänglich seien. Sie sind es ganz ge-
wiß, wo die Formung sie über den Tatsachenbericht
hinaushebt. Ansätze dazu finden sich in manchen von
Dettmanns Studien. Und man wird sich nicht wun-
dern, daß sie auf der Linie anderer künstlerischer
Äußerungen unserer Zeit liegen, in denen ein starker
Erlebnisgehalt Gestaltung fand. Denn es kann nicht
anders sein, als daß auch die neuen Inhalte in den-
jenigen Formen sich verkörpern, die von der jüngsten
Vergangenheit geschaffen wurden, und gerade hier
hatten Bemühungen eingesetzt, diean Stelle des passiven
Augenerlebnisses die aktive Gestaltung starker Gemüts-
eindrücke zum Inhalte der Kunst machen wollten.
Wenn aus den Studien Bilder werden, muß es sich
zeigen, ob Dettmann der Mann ist, in diesem Sinne
das Bild des Krieges zu schaffen, das nicht mehr eine
Fülle von Einzelmotiven ist, sondern ein gewaltiges
Symbol. Denn was sonst neben diesem Kriege ent-
steht, wollen wir uns hüten, als Kunstwerk um seines
Inhaltes willen zu ernst zu nehmen. Kriegsillustrationen
gibt es zur Genüge. Ob viele unter ihnen sind, die
über den Tag hinaus standzuhalten vermögen, muß
die Zukunft erweisen. Ob etwas von dem, was jetzt
in der Akademie ausgestellt ist, dazu gehört, wollen
wir hier nicht zu entscheiden versuchen. Aber weder
Max Fabians elegante Soldatenbilder noch Fritz Rheins
sachlich trockene Bleistiftnotizen vermögen davon zu
überzeugen, daß ihre Urheber zu Schlachtenmalern
berufen sind. Alle, die draußen waren, erzählen, wie
wenig vom Charakter alter Kriegsdarstellungen in
modernen Kämpfen sich wiederfindet. Aber es ist die
Frage, ob die Voraussetzung richtig ist, ob unsere
Übung photographischer Treue überhaupt an derartig
komplizierte Vorgänge heranreichen kann. Wenn das
Bild der modernen Schlacht entstehen soll, so muß
es — wie das der Alten — aus der Phantasie ge-
boren werden, — das lebendige Schauen natürlich
vorausgesetzt.

Genau das gleiche, was für das Kriegsbild gilt, ist
von den Porträts berühmter Zeitgenossen zu sagen.
Nur selten kam durch besonderen Glücksfall eine große
Persönlichkeit vor die Staffelei eines großen Meisters.
Und wie viele Bildnisse verschwanden vor dem Urteil
der Nachwelt, das nicht Ähnlichkeit im banalen Sinne,
wohl aber das glaubhafte, das unmittelbar schlagende
Sinnbild des Helden verlangt. Auch das Porträt ist
Neuschöpfung aus der Phantasie. Sind doch nicht
wenige der Bildnistypen, unter denen große Männer
im Gedächtnis der Menschheit weiterleben, erst nach
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