Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Literatur

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Setzung bot, aber einen sehr zuverlässigen Kommentar gab.
Jedoch schon bei der Benutzung dieser Edition macht sich
ein unverkennbarer Übelstand bemerkbar. Der Kommentar
beginnt den edierten Text zu überwuchern. Gelegentlich
hat dieser Hang zur Erweiterung der Anmerkungen dazu ge-
führt, daß lange selbständige Untersuchungen an den Text
angefügt wurden. So findet man Neuausgaben, in denen
Dinge mitgeteilt werden, die kaum mehr in irgend einem
Zusammenhang mit dem zu interpretierenden Text stehen.
Dadurch wird die Benutzung einer solchen Ausgabe fast
unmöglich. Man darf wohl die Forderung aufstellen: Soll
eine kommentierte Neuausgabe ihren Zweck erfüllen, so
muß sie sich auf die Interpretierung des vom alten Autor
gegebenen beschränken.

Neben der Ergänzung und Korrigierung entstand bald
eine zweite wichtige Aufgabe für den Kommentator. Beim
Studium der Quellenschriften tauchte die Frage nach ihrem
wissenschaftlichen Wert auf, und es ergab sich die Pflicht,
zu untersuchen, auf welche Weise denn jene Autoren zu
ihren Nachrichten gelangt sind. Der Vergleich mit anderen
älteren Autoren, der Nachweis von benutzten Urkunden,
die Durchforschung des Textes auf Anhaltspunkte für die
Herkunft der Nachrichten, sowie die Heranziehung der
Lebensumstände des Künstlers für diesen Zweck waren
die hauptsächlichen Mittel für die Lösung dieser Aufgabe.
Als Beispiele kann man den »Arnold Houbraken« von
Hofstede de Qroot (1893) und die »Vasaristudien« von
Kailab (1908) nennen. Das sind selbständige Werke, keine
kommentierten Neuausgaben. Nachdem solche Unter-
suchungen den Weg gewiesen, kann aber auch eine kom-
mentierte Neuausgabe jene Aufgabe erfüllen, indem sie
bei einzelnen Stellen die Quelle nachweist, aus der der
Autor geschöpft hat.

Sehen wir uns unter den mitgeteilten Gesichtspunkten
die Neuausgabe von Carlo Ridolfis »Le Maraviglie delF
Artet an, die Freiherr Detlev von Hadeln herausgibt und
von der jetzt der erste Band vorliegt, so ergibt sich fol-
gendes. Der Text ist genau nach der Originalausgabe ab-
gedruckt und nur mit einer neuen Interpunktion versehen.
Die Sorgfalt in der Wiedergabe des Urtextes ist wohl im
Jahre 1914 selbstverständlich. Von den beiden anderen
Forderungen, die an einen brauchbaren Kommentar zu
stellen sind, ist die erste in mustergültiger Weise er-
füllt. Die Anmerkungen bringen ein sehr reiches Material.
Hadeln ergänzt oder bestätigt die Angaben Ridolfis
über Biographisches, wo das auf Grund sicherer Nach-
richten möglich ist. So sind z. B. häufig Ereignisse, die
ohne Datum berichtet werden, genau zu fixieren, Namen,
die fehlen, zu ergänzen, falsche Angaben zu korrigieren.
Im übrigen ist kurz auf die letzten größeren Arbeiten über
die betreffenden Künstler hingewiesen. Und bei den Bildern
bringt Hadeln Angaben über ihren Verlust oder ihren gegen-
wärtigen Aufbewahrungsort, Ergänzungen fehlender Daten,
Korrekturen zweifellos falscher Zuschreibungen und Da-
tierungen. All diese Angaben sind von der größten Kürze
und Präzision und beschränken sich streng auf die Inter-
pretation des Textes. Der Autor sagt dann auch selbst
im Vorwort, »daß man aus einer Quellenschrift nicht ein
Repertorium für die Geschichte des in der Quelle behan-
delten Stoffes machen soll«; und jeder, der erfahren hat,
wie sehr die Benützung einer Neuausgabe durch willkür-
liche Erweiterung des Kommentars erschwert wird, muß
ihm für diese Beschränkung Dank wissen. Auch darum,
weil bei Mitteilung nicht zum Verständnis des Textes be-
nötigter Forschungen in einem Kommentar wissenschaft-
liches Material an einer Stelle vergraben wird, wo es
niemand sucht, und so nur zu leicht für die Forschung
verloren geht.

Größer noch als das Verdienst dieser sorgfältigen Kom-

mentierung des Inhaltlichen ist das der quellengeschicht-
lichen Kritik des Textes. Hadeln hat die »Maraviglie«
sorgfältig mit allen in Betracht kommenden älteren Kunst-
schriftstellern verglichen und dabei feststellen können, daß
sehr viele der von Ridolfi mitgeteilten Nachrichten auf
Exzerpten beruhen. Man findet in den Anmerkungen über-
all auf Parallelstellen bei Vasari, Sansovino, Scardeone (De
antiquitate urbis Patavii), Rossi (Elogi historici), Baglione,
Aretino und anderen Autoren hingewiesen. Außerdem
stellt Hadeln gelegentlich die Benutzung von urkundlichem
Material, sowie auch von Manuskripten älterer Schriftsteller
fest. Und in einigen Fällen ist es ihm sogar gelungen,
noch weiter zu gehen, und mit überzeugender Wahrschein-
lichkeit die Benutzung uns nicht mehr bekannter Quellen
anzunehmen. Lückenlos kann eine derartige Interpretation
eines Textes natürlich nicht sein. Soweit wir sehen, ist
aber das Mögliche geleistet. Und alle diese Mitteilungen
sind mit der Umsicht und Vorsicht abgefaßt, die auch
die früheren Arbeiten Hadelns auszeichnen. Zweifelhafte
Nachweise sind mit der entsprechenden Einschränkung mit-
geteilt, sichere mit deutlicher Entschiedenheit ausgesprochen.
Der unschätzbare Vorteil, der aus einem derartigen sorg-
fältig durchgeführten quellenkundlichen Kommentar für jeden
Benutzer erwächst, wird ohne weiteres deutlich. Er scheidet
für den Forscher alle sicher nicht originalen Mitteilungen
aus und weist ihn um so entschiedener auf alles, was
der Beachtung und Erforschung nun um so wichtiger er-
scheinen muß.

Zusammenfassend kann man sagen, daß ein Kommentar
zustande gekommen ist, der auf fast alle bei der Lektüre auf-
tauchenden Einzelfragen eine klare Antwort erteilt. Als be-
sonders angenehm ist zu bemerken, daß die Anmerkungen
alle unter dem Text angebracht sind, so daß man sie leicht
übersehen kann und nicht erst an verschiedenen Stellen
des Buches suchen muß. Und eine Erleichterung bei der
Benutzung bietet auch die in Klammern im Text eingefügte
Originalpaginierung.

Um die Bedeutung der Maraviglie als Ganzes klar-
zustellen, war eine zusammenfassende Kritik seiner Arbeits-
weise erforderlich. Hadeln hat sie in einer knappen Ein-
leitung dem Text vorangeschickt. Er gibt in ihr zuerst einen
kurzen Überblick über die Vorgänger Ridolfis, die in Venedig
über Kunst geschrieben haben und teilt das Nötige über
die Herausgabe der Maraviglie im Jahre 1648 mit. Dann
entwickelt er an der Hand deutlicher Beispiele die Arbeits-
weise Ridolfis und teilt die in Betracht kommenden Quellen
in der Ordnung nach primären (Urkunden, Inschriften) und
sekundären (Autorenmanuskripte, Bücher verschiedener Art)
Schriftquellen und graphischen Quellen (d. h. Reproduktions-
stiche) mit. Es folgt eine Untersuchung über die Kennt-
nisse, die Ridolfi von den besprochenen Kunstwerken aus
eigener Anschauung hatte, die ergibt, daß er außerhalb
Venedigs und der venetianischen Terra ferma nicht viel
gesehen hat. Mehrfach kann dabei vermutet werden, daß
er briefliche Mitteilungen auswärtiger Freunde benutzte.
Zum Schluß teilt noch Hadeln mehrere Fälle mit, in denen
mündliche Überlieferung anzunehmen ist. Als zusammen-
fassendes Urteil ergibt sich, daß die »Maraviglie« Ridolfi als
keinen sehr sorgfältigen Arbeiter erscheinen lassen. Vor
allem scheint er wenig Sinn für Systematik und Kritik ge-
habt zu haben. Sein Werk enthält aber trotzdem eine
Fülle wichtiger Nachrichten, die bei vorsichtiger Benutzung
von größtem Wert für die Kunstgeschichte Venedigs sein
können. Daß Hadelns Neuausgabe die Benutzung der
»Maraviglie« in richtiger Schätzung ihres Wertes sehr er-
leichtern wird, dürfte sich aus allem Gesagten klar er-
geben. Es schließt sich hieran der Wunsch, daß der zweite
Band in nicht allzulanger Zeit erscheinen möge.

K- Zoege von Manteuffel.

Inhalt: Theodor Raspe f. — Wiederherstellungsarbeiten an der Kirche s.Zaccaria in Venedig. — Die Zukunft der Münchner Sezessionsgalerie;

Die Sammlung Hertz in Rom. — Florenz, Kunsthistorisches Institut. — Ein Werk des Juan Correa. — Selbstbildnis Max Liebermanns. — Literatur.

Verantwortliche Redaktion: Gustav Kirstein. Verlag von E. A. Seemann, Leipzig, Hospitalstraße IIa
Druck von Ernst Hedrich Nachf., o. m. b. h., Leipzig
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