Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Nekrologe

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die Einflüsse italienischer Kunst veröffentlichte, die bei
Rembrandt auftreten, bringt diese Lieferung einen Aufsatz
über »Rembrandt und die italienische Kunst«. Die zahl-
reichen Beispiele von Anlehnungen an italienische Motive
sind durch die vielen beigegebenen Illustrationen sehr be-
quem zu prüfen. Entlehnungen sind es nicht, aber, wie
der Verfasser deutlich hervorhebt, haben gewisse Haltungen
(z. B. von Bildnissen des Moretto und des Francesco Fer-
rucci, von Einzelfiguren aus Raffaels Transfiguration und
der Schule von Athen) den Meister beeinflußt. Rembrandts
Sibylle der Sammlung Davis in Newport bringt Veth mit
der bekannten Sibylle Domenichinos im Palazzo Borghese
in Zusammenhang.

Auf festerem Boden steht Hofstede de Groots Aufsatz
über ein Bildnis von Frans Hals, das ohne jeden Zweifel
Jacob van Campen darstellt. Es befindet sich als Bildnis
eines Unbekannten im Museum zu Amiens und stimmt
genau zu dem Kopf des Bildnisses van Campens, das in dem
1661 erschienenen Buche von Vennekool über das Amster-
damer Rathaus, dessen Erbauer van Campen war, vor-
kommt. Es gibt im Amsterdamer Kupferstichkabinett eine
Zeichnung, der dasselbe Bild zugrunde liegt. Diese Zeich-
nung wird dem Jan Lievens zugeschrieben, jedoch, nach
der Meinung de Qroots, mit Unrecht. Das Bild, der Stich
und die Zeichnung sind bei dem Aufsaiz abgebildet.

Dr. A. Bredius publiziert zwei von ihm aufgefundene
Testamente des Jacob van Ruisdael. Nach einem Aufsatz
von Dr. H. E. van Gelder über Wollebrandt Geleynsz de
Jongh bringt die Lieferung sehr interessante Mitteilungen
von Professor Six über die letzten Lebensjahre des Seiden-
webers Paschier Lamertijn, von dessen Hand prachtvolle
Tischtücher erhalten sind. Eines davon, 1622 datiert und
jetzt in der Kaiserlichen Schatzkammer zu Moskau befind-
lich, ist als Ganzes abgebildet; von einem zweiten, datiert
1621, jetzt auf Schloß Rosenborg in Dänemark, bringt die
Lieferung die Abbildung eines Details. Dr. J. de Hullu
schreibt über den Porzellanhandel der Ostindischen Com-
pagnie und Cornelis Pronk als deren Zeichner, während
endlich kleine Archiv-Notizen verschiedener Art die reiche
Lieferung beschließen.

In der 6. Lieferung des »Bulletin« des holländischen
Oudheidkundigen Bond« widmet der in Rom ansässige
Holländer Dr. G. J. Hoogewerff einen schönen, reich illu-
strierten Aufsatz der Villa Borghese und deren Erbauer,
Jan van Santen, der ein Holländer war. Die Lieferung
bringt ferner Referate über die Jahressitzung des Bundes,
einen Aufsatz von Dr. Elisabeth Neurdenburg über per-
sische Keramik, die für das »Nederlandsch Museum«
in Amsterdam erworben wurde, Mitteilungen von Professor
Martin über Neuerwerbungen des Mauritshuis im Haag
(Knabenbildnis des Jacob Baeker 1634, aus der Sammlung
Steengracht; M. van Musscher 1687, Bildnis des hollän-
dischen Residenten in Tripoli, Thomas Hees), und endlich
Mitteilungen von Dr. E. Haslinghuis über die neuen Denk-
malschutz-Gesetze in England und Frankreich. Den Schluß
der Lieferung bilden Rezensionen, Referate und kleine
Nachrichten. v

NEKROLOGE
Madrid. Ganz unerwartet starb hier der Maler und
Unterdirektor am Pradomuseum D. Salvador Viniegra im
Alter von 52 Jahren. Er stammte aus Andalusien und
genoß seine Ausbildung vornehmlich an der Akademie in
Cadiz. Er war einer der letzten talentierten Vertreter der
Historienmalerei älteren Schlages. Durch seine großen genre-
haften Darstellungen aus dem Stierkämpferleben, besonders
aber durch die vielfach reproduzierte »Segnung der Fluren«
hat er sich auch in Deutschland bekannt gemacht. m.

Der Bildhauer Josef Hoff ler ist am 28. März 1915 in Berg-
zabern einem langjährigen Leiden erlegen, in seinem eben
begonnenen 37. Lebensjahre. Damit erleidet die_ deutsche
Bildnerei einen besonders schweren Verlust. Denn Höffler
war einer der wenigen Künstler, denen ein durchaus
eigenartig empfundenes Ideal klar vor der Seele schwebte,
und er besaß die Kraft, seinen Vorstellungen einen ihnen
voll entsprechenden Ausdruck zu geben. Er vertrat da-
mit die echte deutsche Art, sich von allen Tagesströmungen
und Überlieferungen frei zu halten. Ist auch sein Werk
nicht groß an Umfang, so wird es mit Ehren seine Stellung
innerhalb der deutschen Kunst bewahren. Und die Nach-
folgenden werden gut tun, an das von ihm Geleistete an-
zuknüpfen, da es ihnen den Weg für ein weiteres Auf-
steigen weist.

Vor sieben Jahren konnte ich in der Zeitschrift für
bildende Kunst (1908, S. 255) zum erstenmal auf ihn hin-
weisen; Dr. H. Börger hat dann in der Zeitschrift »Die
Plastik« (1912, S. 69) Näheres über ihn mitgeteilt. An der
ersten Stelle finden sich vier Abbildungen seiner Werke,
an der zweiten deren achtzehn. Man kann sich daraus eine
weitreichende Anschauung von der Eigenart seines Wesens
bilden. Von öffentlichen Sammlungen besitzt die Ham-
burger Kunsthalle seinen Hagenbeck und die Büste des
Grafen Götzen; das Dresdner Albertinum den Kopf eines
Jünglings; Herr Rump in Hamburg besitzt einen ausge-
zeichneten lebensgroßen weiblichen Akt in kauernder Stel-
lung; in Berliner Privatbesitz wird ein Jünglingskopf (nur
von der Stirn bis zum Kinn reichend) mit Recht als ein
Werk gepriesen, das sich den kraftvollen Schöpfungen
Griechenlands vergleichen läßt. Die meisten dieser Arbeiten
sind in Lindenholz von dem Künstler selbst geschnitzt.
Einige davon, sowie einige Gipsabgüsse befinden sich noch
im Besitz der Witwe.

Hat er auch bereits frühzeitig die Holzbildhauerei er-
lernt, so konnte Höffler doch erst spät zur Ausübung seiner
Kunst gelangen, da eine lange Wanderzeit, dann der Be-
sucji der Münchener Akademie und endlich das Hand-
werk des Möbeltischlers, dem er bis zuletzt oblag, um sich
seinen Lebensunterhalt zu erwerben, ihm den größten Teil
seiner freien Zeit nahmen. Eigentlich hat er erst in den
letzten acht Jahren seines Lebens für sich arbeiten können,
und auch da nur abends nach des Tages Mühe, und Sonn-
tags. Daß sich unter den etwa drei Dutzend Werken, die
er geschaffen hat, mehrere nahezu lebensgroße ganze Fi-
guren und viele vollkommen durchgeführte Büsten befinden,
muß unter solchen Umständen wundernehmen: es wird
dadurch der rastlose Eifer seines Schaffens bewiesen.

Am 18. März 1879 war er in Kaiserslautern geboren,
erlernte dort die Holzbildhauerei; nach langen Wander-
jahren entschloß er sich zum Besuch der Akademie; der
Anblick der Werke Rodins bei einem kurzen Aufenthalt in
Paris scheint ihm den entscheidenden Anstoß gegeben zu
haben, ohne ihn von seiner Eigenart abzubringen; von
1905 an war er durch eine Reihe von Jahren Meister in
einer Hamburger Möbelfabrik; dort schuf er, auf Licht-
warks Veranlassung, der sich väterlich seiner und seiner
Familie annahm, 1908 die Büste des Grafen Götzen und 1909
die Hagenbecks. Während der letzen Jahre seines Lebens
verhinderte ihn eine tückische Krankheit am Arbeiten.

Neben seinen Bildnissen sind auch seine Tierfiguren,
wie seine meisten Arbeiten in Lindenholz geschnitzt, hervor-
zuheben; sie zeichnen sich durch ein außerordentliches
Verständnis für die Bewegungen des Tierkörpers aus und
erreichen vielfach eine wahrhaft monumentale Erscheinung.
Größte Lebendigkeit bei höchster Vereinfachung bildeten
sein Streben, dem er bis an sein Ende treu blieb.

W.v.SeidUtz.
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