Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Ausstellungen

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erwähnt. Sie haben im Stil noch gar nichts von dem auf
malerische Wirkung ausgehenden Charakter des bekannten
großen Gebhardt-Porträts von 1896, sondern bevorzugen
eine viel intimere Auffassung und eine Technik, die noch
an den Linienstich erinnert. Besonders geglückt sind
P. v. Cornelius und Schadow, sowie ein außerhalb dieser
Folge entstandenes wirklich reizvolles kleines Blatt, das
Ludwig Knaus in ganzer Figur, vor der Staffelei sitzend,
darstellt. Diese Radierungen verdienen die Beachtung
unserer Kabinette und der Sammler. Unbekannt geblieben
war auch eine größere Radierung nach einer Gewitter-
landschaft Andreas Achenbachs, überraschend durch die
kraftvolle Strichführung und fast impressionistische Wir-
kung. Das letzte Blatt Forbergs war wiederum eine
Bildnisradierung, das in den Maßen ungewöhnlich große
(60X47) Porträt des Geheimrats Dyckerhoff in Biebrich
am Rhein, an dem er in den Jahren 1913 und 1914 ge-
arbeitet hat. Die Ausstellung der Pastell-Landschaften aus
dem Engadin wäre besser unterblieben. c.

Die Leitung des Schleswig-Holsteinischen Provin-
zial-Museums in Altona hat seit jeher den Standpunkt
vertreten, daß es erste Pflicht des Museums sei, dem Leben
und den Lebensinleressen der engeren Heimat zu dienen.
Es war auch nur in diesem Sinne gehandelt, wenn sie
eine Ausstellung dessen veranstaltete, was weibliche Hände
aus den Eingängen der Reichs-Wollwoche an Bedarfs-
erzeugnissen für unsere im Felde stehenden Tapferen her-
gestellt haben. Der Anblick der Flickendecken, der aus
Zeitungspapier angefertigten Westen und Jacken, der aller-
lei sinnreich zusammengesetzten Wärmeerzeuger und -Be-
wahrer usw., die bei diesem Anlaß gezeigt wurden, mag
ja manchem Museumsfreunde der alten Schule auf die
Nerven gefallen sein, doch wer die Liebe mit in Betracht
gezogen, die diese Werte geschaffen, der wird leicht zu
der Erkenntnis gekommen sein, daß das Museum schwer-
lich eine bessere Brücke zu den Herzen seiner Besucher
hat schlagen können, als durch die Veranstaltung gerade
dieser Ausstellung.

Und jetzt, da die Kunst als eines der ersten Opfer
der Kriegsfurie zur Beute gefallen und die bildenden
Künstler die ersten waren, von denen sich die Uberängst-
lichen losgesagt, hat Direktor Professor Lehmann in dem-
selben Altonaer Museum Reihen-Ausstellungen veranstaltet,
die nicht so dem Verkaufe als der Aufgabe dienen sollen,
das Publikum überhaupt mit der bildenden Kunst in Fühlung
zu erhalten. Die erste derartige Ausstellung führte Werke
von F. Kall morgen, die zweite Studien und Gemälde
von Carl Rahtjen, Vorsitzenden der Altonaer Künstler-
genossenschaft , vor. Kallmorgen ist vor Jahrzehnten aus
Altona nach Berlin verzogen, Rahtjen hat e^ umgekehrt
gemacht. Er hat vor mehr als zwei Jahrzehnten Berlin
verlassen und sich an der Wasserkante niedergelassen.
Trotz seines Aufenthaltswechsels und trotz seiner Bereit-
heit, sich malerisch den Anforderungen jeder Ortlichkeit
anzupassen, an die ihn sein stets reger Wandertrieb hin-
geführt, ist Kallmorgen in seiner künstlerischen Handschrift
unverkennbar der Sohn seiner niedersächsischen Heimat
geblieben. In seiner Linienführung nicht frei von Härte,
neigt er in seinen Naturschilderungen zu einer gewissen
erdigen Schwere, die dort, wo sie im Gegenstande Unter-
stützung findet — wie in den Alt-Hamburger Architek-
turen, dem Hafen usw. — den Eindruck der Boden-
ständigkeit vertieft.

Carl Rahtjen, von Geburt halb Bremer, halb Ham-
burger, war in der Zeit seines Berliner Aufenthaltes lite-
rarischen Neigungen unterworfen. Eine im kaiserlichen
Post-Museum in Berlin aufgehängte mehrfächerige Bild-

tafel, die frei nach Lenau die Poesie des Reisens in der
alten Postkutsche verherrlicht, ist hierfür der sprechendste
Beweis. In seiner nunmehrigen Heimat hat Rahtjen sich
ganz dem Zauber der nordischen Wald- und Heideland-
schaft ergeben. Namentlich in seinen großlinig geführten
Waldbildern hat er sich eine auf seelischer Verinnerlichung
beruhende Sonderstellung geschaffen. /,. e. „,

Hamburg. Eine anläßlich des Sechzigsten Geburts-
tages des Grafen Leopold von Kalckreuth von der Galerie
Commeter veranstaltete Ausstellung von Gemälden und
Schwarz-Weiß-Arbeiten bietet eine ziemlich umfassende
Übersicht über das Lebenswerk dieses Künstlers innerhalb
des für seine Entwicklung wichtigsten Abschnittes. In der
Zeit bis in den Anbeginn der neunziger Jahre zurückgreifend,
führen die ausgestellten Arbeiten bis in die Gegenwart
hinein. Diese Zeitenverschiedenheit ergibt sich indes nicht
so aus Jahresziffern, die der Künstler ja nur selten an seinen
Arbeiten anzubringen pflegt, als vielmehr auf Grund der
wechselnden Arten der Farbenführung. Hier klingen alle
Wandlungen getreu mit und wieder, die die deutsche Kunst
seit dem Einsetzen der Freilichtmalerei durchgemacht hat.
Wichtigste Dokumente für das Verständnis der Persönlich-
keit Kalckreuths als Künstler sind auf unserer Ausstellung
vornehmlich einige in der letzten Zeit gemalte Landschaften
und Innenraumbilder, die bei stärkster Farbigkeit (so im
»Weg durch die Saat«, in einem gelbwandigen »Interieur
mit Christbaum« usw.,) weder hart noch bunt wirken. Die
Bildnisse, die bei dem lebhaften Interesse, das die Ham-
burger Gesellschaft dem Grafen — und diesem vielleicht
mehr als dem Künstler — von vornherein zugewendet
hat, einen wichtigsten Teil seiner künstlerischen Tätigkeit
ausmachen, schildern ohne leisesten Versuch, das Geistige
mehr als es der Gegenstand verlangt, in den Vordergrund
zu drängen (auch die in ihrer Empfindung sehr fein er-
faßte, Geige spielende junge Dame in Blau macht hiervon
keine Ausnahme), Menschen von gesunder Art in gelassenen
Bewegungszuständen. Die Hände sind zuweilen nicht ganz
durchgearbeitet und wirken dann brettartig. (So im Bild-
nis des Grafen K. und der Handschuh knöpfenden Dame.)
Das Hauptgewicht ist auf die Gesichtsbildung gelegt, hier
aber zumeist mit solchem Nachdruck, daß die »innere
Ähnlichkeit« der Dargestellten den Beschauer geradezu
augenfällig anspringt.

Und gleich wie unter den farbigen, so kommen auch
unter den Schwarz-Weiß-Arbeiten die Bildnisradierungen
für das Erkennen der dem Künstler in unserem Kunstleben
zukommenden Geltung an erster Stelle in Betracht. Hier
wächst auch die von Hause aus strenge Kalckreuthsche Linie,
die sich zuweilen bis zur steindruckartigen Umrißfoim ver-
dichtet, ins geistvoll Graziöse, ohne an Kraft Einbuße zu
erleiden.

In einer kurz vor seinem Eintreten in sein sechzigstes
Lebensjahr niedergeschriebenen brieflichen Äußerung be-
kannte sich Graf L. v. Kalckreuth als Gegner von solchen
kunstkritischen Betrachtungen, die an Geburtstagsgelegen-
heiten anknüpfen. »Das Alter darf nicht der Anlaß sein,
über die Kunst etwas zu sagen, das hat bis zu meinem
Tode Zeit. Bis dahin will ich ein Lebender sein, auch in
meiner Kunst.« So heißt es an der betreffenden Briefstelle.
Es ist zu verstehen, daß die deutsche Tages- und Fach-
presse, soweit sie sich mit Kunst beschäftigt (allerdings
ohne davon Kenntnis zu haben), sich durch diese Abwehr-
gebärde des Künstlers von der Abfassung von Betrachtungen,
wie über sein Lebensalter, so auch über sein Werk nicht
hat abhalten lassen. Sie hätte das auch gar nicht können,
selbst wenn sie es gewollt hätte. Denn wir leben in einer
Zeit — Gott sei Dank, daß sie gekommen! — in der über
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