Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Das perspektivische Verfahren Leone Battista Albertis

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Fig. III

Schnittpunkte bezeichnet die Abfolge der gesuchten
Transversalen (Fig. III).

Was den Sinn der soeben vollzogenen Kon-
struktion angeht, so sehen wir keine Möglichkeit, sie
anders zu deuten, als Staigmüller es getan hat: eine
Vertikale, auf der die proportionierten Intervalle der
gesuchten Transversalen durch ein in einem Punkte
konvergierendes Strahlenbüschel abgeschnitten wer-
den — questa cosi perpendiculare linea, dove dall'altre
sara tagliata, cosi mi darä la successione di tutte le
traverse quantitä —, kann schlechterdings nichts
anderes sein, als ein Schnitt durch die Bildebene:
Die Konstruktion, die in Figur III vorgenommen wurde,
Ist nur verständlich — dann freilich sehr leicht ver-
ständlich — als ein Aufriß der Sehpyramide, in dem die
Bildebene als Vertikale die quadrierte Grundebene als
eingeteilte Horizontale, das Auge als der Punkt B und die
Sehstrahlen als die Linien Bg, Bh usw. erscheinen.10)

Wir müssen erwähnen, daß Alberti (vielleicht unbewußt)
die Voraussetzung macht, daß das Lot gerade in einen
Teilpunkt der Linie g s falle. Geschieht das nicht, so
bleibt die Konstruktion zwar durchaus richtig, arbeitet aber
mit einer Distanz, die größer ist, als die eigentlich dafür
angenommene Entfernung B C.

10) Als zweiten und letzten Einwand'gegen die Staig-
müllersche Deutung des von Alberti mitgeteilten Verfahrens
macht Kern eine Tatsache geltend, die freilich weniger
gegen die Richtigkeit der Interpretation als gegen die Aus-
führlichkeit des Textes zeugen würde: daß bei Alberti hier
»weder mit Bezug auf die Bildebene noch in Hinsicht auf
die Orundebene« von einem Querschnitt die Rede sei.
Allein man wird das entschuldigen können: da Alberti zu
Anfang der ganzen Darstellung von vornherein mitgeteilt
hatte, daß er zeigen wolle, wie der Durchschnitt durch die
Sehpyramide herzustellen sei (p. 79,1.10), so hatte er, der
hier ganz als Praktiker spricht (»diro quello fo io, quando
dipingo«) keine Verpflichtung, die angegebenen Konstruk-
tionen jedesmal ausdrücklich zu begründen, sondern durfte
sich billig mit der nicht mißzuverstehenden Beschreibung
derselben begnügen.

c) Endlich sind die durch diese Aufrißkonstruktion
erhaltenen Werte (m v, v w, w x, x y, y z) in die
Bildfläche zu übertragen, und das in gewünschter
Weise eingeteilte Bodenquadrat ist konstruiert. Da
die Konstruktion ohne Zuhilfenahme einer Diagonalen
durchgeführt worden ist, darf diese jetzt mit Recht
zur Kontrolle der Richtigkeit verwendet werden.
Ebenso kann auch der Horizont, der auf der Bild-
tafel bis jetzt noch nicht benötigt wurde, nach Albertis
Vorschrift nun nachträglich hinzugefügt werden
(Fig. IV). -

Während also diejenigen, die Albertis perspek-
tivische Methode mit dem Distanzpunktverfahren
identifizieren wollen, sich mit den wichtigsten Be-
stimmungen seines Textes in Widerspruch setzen und
diejenigen, die ihm wenigstens die Kenntnis des-
selben zusprechen möchten, seine Kontrollkonstruktion
in einer zum mindesten unbegründbaren Weise inter-
pretieren müssen, finden wir, die wir, nichts ver-
leugnend und nichts hinzusetzend, Albertis Angaben
in ihrem ganzen Umfang aufrecht erhalten, bei ihm
eine perspektivische Konstruktion, die nicht nur un-
bestreitbarrichtig
ist, sondern auch
— im Gegensatz
zu der Distanz-
methode — den
anderen italie-
nischen Theore-
tikern des 15. und
beginnenden 16.
Jahrhunderts nicht
unbekannt war: die
vereinfachte Form
der »costruzione
legitima«"), wie

11) Dieser Name
sollte nur für die-

Fig. IV
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