Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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515 »Costruzione legittima« oder »Distanzkonstruktion« bei Alberti?

Fig. vi. Zeichnung von Paolo Uccello (Aus: Kern, der Mazzocchio
des Paolo Uccello, im Jahrb. d. k. preuß. Kunstsamrai. xxxvi)

struktionslinien bilden16) (Fig. VI). Es scheint nicht
unmöglich, derartige Versuche zur Erklärung zweier
schwer deutbarer Diirerzeichnungen17) heranzuziehen,

16) Auch Piero wendet, wenn auch in geringerem
Umfang, dieses Prinzip an, indem er sich Kreise als Poly-
gone vorstellt (besonders charakteristisch die Linien eines
Kreuzgewölbes, a. a. O. Fig. 43), ja (in Fig. 51) einen ring-
förmigen Wulst (genau dem Mazzocchio entsprechend) aus 12
achtseitigen Prismen zusammensetzt. Über die Identität dieser
letzteren Konstruktion mit der Uccellos cf. Kern, a.a.O. p.33.

17) Das Skizzenbuch von Albrecht Dürer in ... Dresden.
Ed. R. Bruck, 1905, Tafel 125.

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Fig. vii. Zeichnung Dürers (Aus: r. Bruck, Das Skizzenbuch von
Albrecht Dürer in d. k. öff. Bibl. in Dresden, Tafel 125)

auf denen ebenfalls die Oberfläche sphärischer Kör-
per — nämlich menschlicher Köpfe und Büsten —
in eine große Anzahl von Polygonen umgesetzt er-
scheint (Fig. VII), so daß sie in einigen Tageszeitungen
schon als Vorläufer des Kubismus in Anspruch ge-
nommen werden konnten. Es ist wohl denkbar, daß
Dürer — angeregt vielleicht durch ein italienisches
Blatt von der Art der Uccello-Zeichnungen, und
stets heftig bemüht, gerade die Formen des Menschen
einer »begründeten«, d. h. geometrisch-rationalen Dar-
stellungsweise zugänglich zu machen — den Versuch
unternommen hat, sich den menschlichen Kopf so
vorzustellen, wie Uccello sich seinen Kelch vorstellt,
um dadurch die perspektivische Aufnahme desselben
zu erleichtern. Wenn auch dieser Versuch — wahr-
scheinlich deshalb, weil die Vielecke doch zu un-
regelmäßig gewesen wären, und weil namentlich die
Winkel, in denen sie zusammenstoßen, sich der ratio-
nalen Bestimmung so gut wie ganz entzogen hätten —
ohne Nachwirkung geblieben ist, so erscheint doch
die Tatsache, daß er unternommen wurde, nicht nur
bezeichnend für Dürers kunsttheoretische Absichten,
sondern wäre auch ein weiterer Beleg für seine viel-
fältigen Beziehungen zur Kunstlehre der Italiener.

»COSTRUZIONE LEGITTIMA«
ODER »DISTANZKONSTRUKTION« BEI ALBERTI?
Von O. J. Kern

Der vorstehende Aufsatz von E. Panofsky greift
im Anschluß an meine Darlegungen über den Mazzoc-
chio des Paolo Uccello nochmals das Problem der
Distanz und ihrer Verwendung bei Alberti an. Ich
glaube gezeigt zu haben, daß die beiden in Frage
stehenden Konstruktionsmethoden dasselbe Ziel er-
streben und erreichen, und daß es im Vergleich zu
dieser Tatsache nur von untergeordneter Bedeutung
ist, ob die Beschreibung bei Alberti sich auf die
»costruzione legittima« oder die sogenannte »Distanz-
konstruktion« (Konstruktion mittels des Distanzpunktes)
bezieht. Durch Richard Müller, Darmstadt, auf be-

sondere Schwierigkeiten hingewiesen, die der Janit-
schekschen Interpretation im Wege stehen, habe ich
die Stelle bei Alberti abermals untersucht und bin
jetzt zu denselben Ergebnissen wie Panofsky ge-
kommen. Nach meiner heutigen Überzeugung ist
demnach die Deutung von Staigmüller und Panofsky,
der ihm folgt, die richtige. Die Interpretation des
Mazzocchio, dessen Konstruktion ich selbst auf die
costruzione legittima zurückführte, bleibt mit ihren
Folgerungen für die Kunstgeschichte und Geschichte
der Perspektive von der Deutung der Albertischen
Stelle unberührt.
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