Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Eine dringende Forderung — Bartholome el Vermejo in Zaragoza

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EINE DRINGENDE FORDERUNG

Zu den dunkelsten Punkten in der öffentlichen Kunst-
politik Österreichs gehört die Gemäldegalerie in der
Wiener Akademie der bildenden Künste. Daß das
Haus am Schillerplatz sehr große Schätze der holländischen
und der vlämischen Malerei des 17. Jahrhunderts und
manche Perle, manches historisch höchst interessante Stück
der altniederländischen und deutschen, der venezianischen,
florentinischen und spanischen Schulen aufbewahrt, weiß
fast jeder Kunstfreund. Wer aber zum ersten Male sich
anschickt, die Schwelle der Oalerieräume zu betreten, der
steht vor der unliebsamen Überraschung, in die schlechtest
gehängte Galerie Europas zu gelangen. Dem Unterzeich-
neten wenigstens sind zwar in französischen Provinzgalerien,
in Spanien und Italien Sammlungsräume bekannt, die ähnlich
ohne jedes Empfinden für eine dekorative Hängung mit
Bildern bepflastert sind, aber ein solches wüstes Tohuwabohu
von Originalen und Kopien hat er sonst nirgendwo an-
getroffen. Dabei hängen Kopien an den best beleuchteten
Plätzen und Originale an schlecht beleuchteten Stellen, wo
sie kaum betrachtet werden können. Gibt es doch sogar
Ausstellungsräume, in die nie ein direkter Lichtstrahl fällt
und die doch vollgehängt sind mit Bildern, die gesehen zu
haben sich freilich kaum ein Lebender rühmen darf. In
einem langen Korridor ferner sind prismatische Gebilde
aufgestellt, deren Wände gleichfalls als Behangfläche zu
dienen haben. Der naive Besucher muß durch einen Kun-
digen erst aufmerksam gemacht werden, daß diese Prismen
drehbar sind und auch ihre Rückseite mit Bildern tapeziert
ist. An der lichtabgekehrten Seite hängen ebenso Haupt-
stücke altdeutscher und niederländischer Malerei, wie Bilder
dritter, vierter und fünfter Qualität an den Vorderseiten.
Daß außerdem Kopien nicht als solche erkannt sind, wäh-
rend wirkliche Originale an den Rahmen als Kopien be-
zeichnet werden, erschwert die Betrachtung noch mehr.
Recht lästig ist auch der Unfug, wertvolle Bilder zu Kopier-
zwecken monatelang von ihrem Hangort zu entfernen und
in einem Kopiersaal fast Staffelei an Staffelei aufzustellen,
so daß es dem Studierenden oder Genießenden unmöglich
ist, zu diesen Bildern hinzuzukommen. Der Galeriekatalog
ist seit Jahren vergriffen. Die letzte Auflage von 1900 war
ein nur wenig veränderter Neudruck des Kataloges von
1889, der Carl von Lützow zum Verfasser hat. Dem-
jenigen, der sich heute über den künstlerischen Bestand
der Galerie, wie er sich nach den Forschungen der letzten
fünf Lustren darstellt, orientieren will, bietet er eine
höchst ungenügende Hilfe. Die wenigen Ankäufe, die
an Werken alter Meister in letzter Zeit gemacht wurden,
bleiben durchweg hinter der qualitativen Höhe des alten
Bestandes weit zurück.

Die Kustodenstelle an dieser Sammlung ist jetzt frei
geworden. Es geht das Gerücht, daß die Professoren der
Akademie sich mit dem Gedanken trügen, die entstandene
Lücke wieder mit einem Maler-Restaurator auszufüllen.
Obwohl der Unterzeichnete nicht in der Lage ist, zu unter-
suchen, wieviel Wahrheit sich hinter diesem Gerücht, dem
er viel lieber keinen Glauben schenkte, verbirgt, so er-
scheint es ihm doch dringend geboten, auch einmal öffent-
lichen Ortes Abhilfe der vielen an der Akademie herr-
schenden Übelstände zu fordern. Über die unablässige
Notwendigkeit, die Galerie endlich einem zünftigen Kunst-
historiker als unabhängigen Leiter zu unterstellen, dürfte die
gesamte wissenschaftliche Welt Österreichs und Deutsch-
lands einig sein mit allen Kreisen, die sich für bildende
Kunst interessieren und die der eigene Sammeleifer oder
die bloße Freude an den alten Meisterwerken in die Museen
führt. An dieser Stelle braucht wahrlich über die Nach-

teile der meist als Sinekure geschaffenen Malerdirektionen
nicht mehr gesprochen zu werden. Liefert doch die Wiener
Akademiegalerie, die nicht etwa einem einzelnen Maler,
sondern einem ganzen Konsortium bildender Künstler unter-
stellt ist, das krasseste Beispiel. Wie sollte auch ein Maler
der wissenschaftlichen Leitung der Sammlung gewachsen
sein, wie sollte er die nötige Vorbildung zur Arbeit eines
kritischen Kataloges, zu einer wirklich systematischen, nicht
bloß dekorativ gefälligen Hängung der Bilder besitzen.
Beides aber wird nach dem ungeahnten Aufschwung des
Museumswesens in den letzten zwei Generationen auch
von gebildeten Laienkreisen allgemein verlangt. Ist der
Maler-Kustos außerdem noch Restaurator und aus peku-
niären Gründen gezwungen, außerhalb der Dienststunden
für Sammler und Händler Bilder zu restaurieren, wie soll
er diesen Faktoren des Kunstlebens gegenüber die Inter-
essen der Galerie unparteiisch vertreten? Er stünde auf
einer Stufe mit dem kunsthistorischen Direktor, der für
Geld gewerbsmäßig Bilder expertisierte. Und daß sich
das mit der Verantwortlichkeit eines Museumsleiters nicht
vereinen läßt, weiß jeder. Sollte das Gerücht recht behalten
und die Wahl des Professorenkollegiums der Akademie
wirklich auf einen Maler fallen, so ist nur zu hoffen, daß
das Ministerium, das die Gelder bewilligt, ein energisches

Veto einlegt. Ludwig von Baldass.

BARTHOLOME EL VERMEJO IN ZARAGOZA

Wiederholt schon durfte ich in diesen Blättern darauf
hinweisen, wie sehr sich in den letzten Jahren dank der
gründlichen und unermüdlichen Publikation spanischer
Gelehrter aus dem schier unerschöpflichen Born der
spanischen Archive unsere Kenntnis der frühen spanischen
Malerei erweitert und geklärt hat. Seit vergangenem Jahr
veröffentlicht D. Manuel Serrano y Sanz in der »Revista de
Archivos, Bibliotecas y Museos« eine große Anzahl von
Dokumenten aus dem bisher noch fast gar nicht berück-
sichtigten Archivo de Protocolos zu Zaragoza, die uns eine
ungeahnte Fülle höchst erwünschter Aufklärungen zur
Geschichte der Quattrocentomalerei in Aragon bringen.
Wenngleich Serranos Publikation noch nicht abgeschlossen
ist, möchte ich doch heute schon einige besonders wichtige
Resultate mitteilen, die wir aus diesen überaus dankens-
werten Veröffentlichungen bereits gewonnen haben.

Vor allem erfahren wir daraus, daß einer der größten
spanischen Künstler des 15. Jahrhunderts Bartholome Ver-
mejo in den siebziger Jahren in Zaragoza ansässig war und
dort auch für Kirchen verschiedener kleiner Provinzstädte
arbeitete. Er wird »maestre Bartholomeu el Bermexo,
Meister Bartholomäus der Rote« genannt, woraus klar her-
vorgeht, daß Vermejo-rubeus wirklich nur ein Beiname des
Künstlers ist, was schon früher verschiedentlich vermutet
wurde. Er hatte im November 1477 ein Retablo für S. Domingo
zu Daroca in Arbeit, scheint aber damals versucht zu haben,
die weitere Ausführung Schülern «der Gehilfen zu überlassen.
Deshalb wurde in einem neuen Vertrag ausdrücklich fest-
gesetzt, daß er zunächst die Predella eigenhändig zu voll-
enden habe, ebenso später stets die beiden Hauptfiguren
der fünf verschiedenen Historias; besonders wird noch auf
die Malerei der Karnation hingewiesen, »da es sich um Akte
handelt«. Es soll alles ebenso vollendet werden wie die
Tafeln, die Joan Lopezuelo für ein Franziskuskloster zu Daroca
hat malen lassen. (Daraus scheint man entnehmen zu dürfen,
daß Bartholome Vermejo jene Tafeln gemalt hat.) Die Arbeit
ist in Zaragoza auszuführen, die Zahlungen werden von
dem Juristen Ramon de Mur, einem Verwandten des be-
rühmten kunstsinnigen Zaragozaner Erzbischofs, angewiesen
und gehen zunächst durch die Hand eines Bürgen, des
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