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Kasseler Brief
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genössischer hessischer Malerei gerechnet werden kann.
Ein koloristisch feines Kinderköpfchen von H. Giebel
in Marburg, eine delikate Zeichnung — Porträtstudie
— des ausgezeichneten Radierers H. Kätelhön in Wil-
lingshausen gehören zu der Gruppe lokalhessischer
Kunst, während ein sonniges, warm durchglühtes Bild
»Siesta« von dem aus München hierher berufenen
Osnabrücker Curt Witte und eine schöne italienische
Landschaft von R. Siegmund die Gruppe der verjüngten
Akademie glücklich vertritt.
Aber über dieses Etatmäßige hinaus hat die Stadt
sich bereit gefunden, in dieser Zeit kunstfördernd auf-
zutreten. Der Tod einer um Kassel hochverdienten
Frau, der Witwe des Großindustriellen Henschel, bot
die Veranlassung zu einem größerem Preisausschreiben.
Der Platz vor dem »Roten Kreuz-Krankenhaus«, in
dem sich der hohe Wohltätigkeitssinn dieser Frau das
beste Denkmal gesetzt hat, soll künstlerisch ausge-
staltet und in Anlagen verwandelt werden, in deren
Mitte als Erinnerungszeichen ein Werk der Skulptur
gesetzt werden soll, jedoch kein Denkmal der Verstor-
benen, weil dies deren schlichtem Sinn widersprochen
haben würde. An dem Wettbewerb, der im November
zur Entscheidung kommt, nehmen auf Einladung Hahn-
München, Klimsch-Berlin und Wrba-Dresden teil;
ferner steht der freie Wettbewerb allen kurhessischen
Künstlern offen. Daß der bisher an guten öffentlichen
Denkmälern recht armen Stadt auf diese Weise ein
Kunstwerk von bleibendem Wert beschieden werden
möge, ist sehr zu hoffen.
Endlich wurde beschlossen, noch ein weiteres
Zeichen öffentlicher Kunstpflege in dieser Zeit zu er-
richten, nämlich einen Brunnen in der Altstadt. Hier-
für steht die anläßlich der Jahrtausendfeier gemachte
Stiftung eines hiesigen Bankhauses in Höhe von
10000 Mark zur Verfügung. Die Entscheidung der
städtischen Kunstkommission, den Lehrer an der Kunst-
akademie, Professor Bernewitz, mit der Herstellung
eines Entwurfs zu beauftragen, hat ebenso wie der
gewählte Platz — eine malerisch reizvolle Abzweigung
des Altmarktes — scharfe Kritik in der hiesigen Presse
gefunden, deren Echo auch in der »Werkstatt der
Kunst« sich vernehmen ließ. Jedoch weiß der in die
Verhältnisse Eingeweihte, wie weit Persönliches bei
dieser Polemik mitgesprochen hat: zumal die Her-
stellung eines Entwurfs noch nicht mit dem definitiven
Auftrag gleichzusetzen ist.
Noch ein weiterer bedeutender Wettbewerb, den
die Stadt ausgeschrieben hatte, ist in den letzten Wochen
zu einer vorläufigen Entscheidung gekommen. Eben-
falls anläßlich der Jahrtausendfeier hatte der jetzige Chef
des Hauses Henschel der Stadt ein namhaftes Kapital
gestiftet zur Errichtung eines städtischen Schwimm-
bades, für das in möglichst zentraler Lage, unweit des
Rathauses, ein zwar großes, jedoch etwas bizarr ge-
formtes Grundstück gefunden wurde. Die durch die
angrenzenden Straßenzüge bedingte Form hat den
Künstlern, die sich beteiligten, offenbar große Schwierig-
keiten bereitet; erschwerend trat hinzu, daß die Stadt
neben dem Schwimmbad ein Verwaltungsgebäude er-
richten will1), dessen Entwurf gleichzeitig mit vorgelegt
werden sollte. Eine Lösung, die völlig befriedigt, wurde
nicht geboten, so daß von der Verleihung des ersten
Preises abgesehen wurde. Dafür wurden die zur Ver-
fügung stehenden Preise zu gleichen Teilen an die
Architekten Mannhardt - Kiel, Stumpf - Darmstadt und
Uhlit-Kösen vergeben, und außerdem die Entwürfe
von Hettinger-Heidelberg und Pfeiffer-Erfurt angekauft.
Bei der Durchsicht der Einsendungen, die die statt-
liche Zahl von 110 erreichten, läßt sich eine gewisse
Monotonie sowohl in der Lösung des Grundrisses —
was durch die ungewöhnliche Form der Baufläche er-
klärt sein mag —, als in den für die Fassade ge-
wählten Stilarten nicht verkennen. Als ein fernerer
Mangel trat hervor, daß eigentlich bei keiner Lösung
der besondere Zweck des Gebäudes in der äußerlichen
Erscheinung erkennbar hervortrat; vielmehr hielten alle
Entwürfe zwischen Warenhaus und Bahnhof die Mitte,
oder ließen nur oberflächlich erkennen, daß es sich
um ein öffentliches Gebäude schlechthin handelte.
Unter allen Umständen verdient es aber besondere
Beachtung und Anerkennung, daß eine Stadt wie Kassel,
trotz aller Schwierigkeiten, die gegenwärtig zu über-
winden sind, die künstlerischen Aufgaben nicht bei-
seite stellt, daß vielmehr in dieser Zeit bedeutende
Projekte der Lösung näher gebracht werden. Eine rück-
schauende Betrachtung des großen Krieges wird solche
Erscheinungen gewiß ihrer hohen Bedeutung nach zu
würdigen wissen. —
Unter den Veranstaltungen des Kunstvereins vom
letzten Frühjahr darf eine wenigstens an dieser Stelle
nicht übergangen werden. Angeregt durch die ur-
sprünglich für dieses Jahr in Aussicht genommene
»Jahrhundert-Ausstellung westdeutscher Kunst«, die in
Düsseldorf hatte stattfinden sollen, wurde das gleiche
Thema für Kassel gestellt und auf die Zeit von den
Ausläufern des Tischbeinschen Kreises bis zu der Er-
neuerung der Kunstakademie unter L. Kolitz (1800—
1880) begrenzt. Ein unerwarteter Reichtum an wert-
vollen Bildern kam aus Privatbesitz ans Licht; nichts
ganz Großes zwar, und das war auch nicht zu er-
warten gewesen, aber vieles, das durch die Solidität
des handwerklichen Könnens, den feinen Geschmack,
der der Epoche zu eigen war, oder auch durch das
ihm innewohnende kulturgeschichtliche Interesse sich
empfahl. Und es ergab sich ferner, wie im Kleinen
sich auch hier die großen allgemeinen Bestrebungen
widerspiegelten; die Sentimentalität vom Ausgang
des 18. Jahrhunderts, die Romantik, die Italienbe-
geisterung, die Nüchternheit bürgerlicher Enge, die
Freude am Genre, endlich das Erstarken des Natur-
sinnes und das Hervortreten naturalistisch-malerischer
Tendenzen. Neben den frühen Meistern Böttner und
Nahl ragte mit italienischen Landschaften Rohden her-
vor; trefflich vertreten war August v. d. Embde mit
zahlreichen Bildnissen; als tüchtige Nazarener erschienen
Friedrich Müller und Ihlee. In der zweiten Hälfte des
Jahrhunderts zeichnete sich Katzenstein mit ein paar treff-
1) Hiervon ist, auf Orund des Gutachtens der auswärti-
gen Sachverständigen, Abstand genommen worden.
Kasseler Brief
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genössischer hessischer Malerei gerechnet werden kann.
Ein koloristisch feines Kinderköpfchen von H. Giebel
in Marburg, eine delikate Zeichnung — Porträtstudie
— des ausgezeichneten Radierers H. Kätelhön in Wil-
lingshausen gehören zu der Gruppe lokalhessischer
Kunst, während ein sonniges, warm durchglühtes Bild
»Siesta« von dem aus München hierher berufenen
Osnabrücker Curt Witte und eine schöne italienische
Landschaft von R. Siegmund die Gruppe der verjüngten
Akademie glücklich vertritt.
Aber über dieses Etatmäßige hinaus hat die Stadt
sich bereit gefunden, in dieser Zeit kunstfördernd auf-
zutreten. Der Tod einer um Kassel hochverdienten
Frau, der Witwe des Großindustriellen Henschel, bot
die Veranlassung zu einem größerem Preisausschreiben.
Der Platz vor dem »Roten Kreuz-Krankenhaus«, in
dem sich der hohe Wohltätigkeitssinn dieser Frau das
beste Denkmal gesetzt hat, soll künstlerisch ausge-
staltet und in Anlagen verwandelt werden, in deren
Mitte als Erinnerungszeichen ein Werk der Skulptur
gesetzt werden soll, jedoch kein Denkmal der Verstor-
benen, weil dies deren schlichtem Sinn widersprochen
haben würde. An dem Wettbewerb, der im November
zur Entscheidung kommt, nehmen auf Einladung Hahn-
München, Klimsch-Berlin und Wrba-Dresden teil;
ferner steht der freie Wettbewerb allen kurhessischen
Künstlern offen. Daß der bisher an guten öffentlichen
Denkmälern recht armen Stadt auf diese Weise ein
Kunstwerk von bleibendem Wert beschieden werden
möge, ist sehr zu hoffen.
Endlich wurde beschlossen, noch ein weiteres
Zeichen öffentlicher Kunstpflege in dieser Zeit zu er-
richten, nämlich einen Brunnen in der Altstadt. Hier-
für steht die anläßlich der Jahrtausendfeier gemachte
Stiftung eines hiesigen Bankhauses in Höhe von
10000 Mark zur Verfügung. Die Entscheidung der
städtischen Kunstkommission, den Lehrer an der Kunst-
akademie, Professor Bernewitz, mit der Herstellung
eines Entwurfs zu beauftragen, hat ebenso wie der
gewählte Platz — eine malerisch reizvolle Abzweigung
des Altmarktes — scharfe Kritik in der hiesigen Presse
gefunden, deren Echo auch in der »Werkstatt der
Kunst« sich vernehmen ließ. Jedoch weiß der in die
Verhältnisse Eingeweihte, wie weit Persönliches bei
dieser Polemik mitgesprochen hat: zumal die Her-
stellung eines Entwurfs noch nicht mit dem definitiven
Auftrag gleichzusetzen ist.
Noch ein weiterer bedeutender Wettbewerb, den
die Stadt ausgeschrieben hatte, ist in den letzten Wochen
zu einer vorläufigen Entscheidung gekommen. Eben-
falls anläßlich der Jahrtausendfeier hatte der jetzige Chef
des Hauses Henschel der Stadt ein namhaftes Kapital
gestiftet zur Errichtung eines städtischen Schwimm-
bades, für das in möglichst zentraler Lage, unweit des
Rathauses, ein zwar großes, jedoch etwas bizarr ge-
formtes Grundstück gefunden wurde. Die durch die
angrenzenden Straßenzüge bedingte Form hat den
Künstlern, die sich beteiligten, offenbar große Schwierig-
keiten bereitet; erschwerend trat hinzu, daß die Stadt
neben dem Schwimmbad ein Verwaltungsgebäude er-
richten will1), dessen Entwurf gleichzeitig mit vorgelegt
werden sollte. Eine Lösung, die völlig befriedigt, wurde
nicht geboten, so daß von der Verleihung des ersten
Preises abgesehen wurde. Dafür wurden die zur Ver-
fügung stehenden Preise zu gleichen Teilen an die
Architekten Mannhardt - Kiel, Stumpf - Darmstadt und
Uhlit-Kösen vergeben, und außerdem die Entwürfe
von Hettinger-Heidelberg und Pfeiffer-Erfurt angekauft.
Bei der Durchsicht der Einsendungen, die die statt-
liche Zahl von 110 erreichten, läßt sich eine gewisse
Monotonie sowohl in der Lösung des Grundrisses —
was durch die ungewöhnliche Form der Baufläche er-
klärt sein mag —, als in den für die Fassade ge-
wählten Stilarten nicht verkennen. Als ein fernerer
Mangel trat hervor, daß eigentlich bei keiner Lösung
der besondere Zweck des Gebäudes in der äußerlichen
Erscheinung erkennbar hervortrat; vielmehr hielten alle
Entwürfe zwischen Warenhaus und Bahnhof die Mitte,
oder ließen nur oberflächlich erkennen, daß es sich
um ein öffentliches Gebäude schlechthin handelte.
Unter allen Umständen verdient es aber besondere
Beachtung und Anerkennung, daß eine Stadt wie Kassel,
trotz aller Schwierigkeiten, die gegenwärtig zu über-
winden sind, die künstlerischen Aufgaben nicht bei-
seite stellt, daß vielmehr in dieser Zeit bedeutende
Projekte der Lösung näher gebracht werden. Eine rück-
schauende Betrachtung des großen Krieges wird solche
Erscheinungen gewiß ihrer hohen Bedeutung nach zu
würdigen wissen. —
Unter den Veranstaltungen des Kunstvereins vom
letzten Frühjahr darf eine wenigstens an dieser Stelle
nicht übergangen werden. Angeregt durch die ur-
sprünglich für dieses Jahr in Aussicht genommene
»Jahrhundert-Ausstellung westdeutscher Kunst«, die in
Düsseldorf hatte stattfinden sollen, wurde das gleiche
Thema für Kassel gestellt und auf die Zeit von den
Ausläufern des Tischbeinschen Kreises bis zu der Er-
neuerung der Kunstakademie unter L. Kolitz (1800—
1880) begrenzt. Ein unerwarteter Reichtum an wert-
vollen Bildern kam aus Privatbesitz ans Licht; nichts
ganz Großes zwar, und das war auch nicht zu er-
warten gewesen, aber vieles, das durch die Solidität
des handwerklichen Könnens, den feinen Geschmack,
der der Epoche zu eigen war, oder auch durch das
ihm innewohnende kulturgeschichtliche Interesse sich
empfahl. Und es ergab sich ferner, wie im Kleinen
sich auch hier die großen allgemeinen Bestrebungen
widerspiegelten; die Sentimentalität vom Ausgang
des 18. Jahrhunderts, die Romantik, die Italienbe-
geisterung, die Nüchternheit bürgerlicher Enge, die
Freude am Genre, endlich das Erstarken des Natur-
sinnes und das Hervortreten naturalistisch-malerischer
Tendenzen. Neben den frühen Meistern Böttner und
Nahl ragte mit italienischen Landschaften Rohden her-
vor; trefflich vertreten war August v. d. Embde mit
zahlreichen Bildnissen; als tüchtige Nazarener erschienen
Friedrich Müller und Ihlee. In der zweiten Hälfte des
Jahrhunderts zeichnete sich Katzenstein mit ein paar treff-
1) Hiervon ist, auf Orund des Gutachtens der auswärti-
gen Sachverständigen, Abstand genommen worden.


