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Personalien — Funde — Ausstellungen
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auf der Berliner Bauakademie, später der Kunstgeschichte
an der Universität. 1883 habilitierte er sich als Privat-
dozent an der technischen Hochschule in Hannover, um sechs
Jahre später in gleicher Eigenschaft nach Charlottenburg
überzusiedeln. Er wurde hier zugleich zum Dozenten für
Kunstgeschichte an der Kgl. Kunstakademie ernannt und
zog sich im Jahre 1907 ausschließlich auf dieses Lehramt
zurück. Seine architektonische Ausbildung befähigte ihn
besonders zu Forschungen auf dem Gebiete der älteren
Baukunst. Während seiner Tätigkeit in Hannover beschäf-
tigte er sich mit der dortigen Holzarchitektur und den
Grabdenkmälern. Seine Hauptarbeit war der Geschichte
der Renaissance in Holland gewidmet. Das umfangreiche
Werk, das er veröffentlichte, wird für lange Zeit die Grund-
lage aller weiteren Studien bleiben.
Der Bildhauer Professor Wilhelm Widemann ist in
Berlin verstorben. Bekannt wurde Widemanns Name durch
seine dekorativen Arbeiten am Reichstagsgebäude, zu dessen
Ausschmückung Wallot ihn gemeinsam mit August Vogel
heranzog. Widemann hatte seine Ausbildung in München
als Kunsthandwerker erfahren und hat sich auch weiterhin
insbesondere auf diesem Gebiete betätigt. Goldschmiede-
arbeiten im Stile der Renaissance waren seine besondere
Spezialität. Der modernen Bewegung auf dem Gebiete des
Kunsthandwerks stand er fremd gegenüber. Seine Schulung
wurzelte in einer überwundenen Epoche, und so fanden
auch seine Werke in späterer Zeit nur geringes Interesse.
PERSONALIEN
Adolf Oberländer, der große humoristische Zeichner
und Maler, vollendete am 1. Oktober sein 70. Lebensjahr.
Sein Vater war der Regensburger Organist Adam Ober-
länder, der später Professor am Münchener Konservatorium
wurde. Auf der Münchener Akademie der bildenden Künste
genoß dann Adolf Oberländer seine Ausbildung als Schüler
Pilotys. Erst nach einer Reihe von Jahren wandte er sich
der Karikatur zu und fand so das Feld für seine geniale
Begabung. Was er in langen Jahren für die »Fliegenden
Blätter« geschaffen hat, ist allbekannt; auch seine köstlichen
kleinen Gemälde zieren die deutschen Galerien.
Prof. Dr. Franz Weinitz vollendete am 15. September
sein 60. Lebensjahr. Im Jahre 1882 promovierte er mit
einer Dissertation über ein Thema aus der Geschichte des
Dreißigjährigen Krieges. Drei Jahre später wurde er Hilfs-
arbeiter an der Berliner Nationalgalerie und bearbeitete im
folgenden Jahre gemeinschaftlich mit Max Jordan die histo-
rische Abteilung der Berliner Jubiläums-Kunstausstellung.
Weinitz' kunstgeschichtliche Studien galten dem Zeichner
Theodor Hosemann und dem Erzgießer Johann Jacobi.
Nebenher gingen Forschungen zur Geschichte des Feuer-
löschwesens, die ihn befähigten, auf der Internationalen
Feuerwehrausstellung zu Berlin im Jahre 1901 eine muster-
gültige Kunst- und Literaturabteilung einzurichten. Weinitz
ist geborener Berliner, und als Mitglied des Vereins für die
Geschichte Berlins hat er sich um die Erforschung der Kunst-
und Kulturgeschichte seiner Vaterstadt mannigfache Ver-
dienste erworben.
Der bekannte Berliner Maler Max Pechstein, der sich
bis Kriegsausbruch auf den deutschen Südseeinseln aufhielt,
ist nach mancherlei Fährlichkeiten kürzlich glücklich in
Deutschland angelangt. Bei der Besitzergreifung von Pa-
tau durch die Japaner geriet Pechstein in Gefangenschaft
und wurde nach Nagasaki verbracht. Von dort freigelassen,
kam er nach Manila, wo er gezwungen war, auf einem
deutschen Frachtdampfer zu leben. Nach längerer Zeit
gelang es ihm dann, nach Amerika zu kommen. Mit vieler
Mühe vermochte Pechstein endlich als Kohlentrimmer auf
einem holländischen Dampfer unterzukommen und so un-
bemerkt von den Engländern nach Deutschland zu ge-
langen. Hier stellte er sich der Militärbehörde zur Ver-
fügung und erwartet seine Einberufung zum Heeresdienst.
Martin Brandenburg, der bekannte Berliner Maler,
der seit zwei Monaten als Feldwebel beim Heere steht,
ist an der Ostfront schwer verwundet worden. Er erhielt
einen Schuß durch das linke Auge, das verloren ist. Die
Sehkraft des rechten Auges ist in keiner Weise geschwächt,
so daß der vortreffliche Künstler seinem Berufe erhalten
bleibt. Brandenburg liegt zurzeit im Virchow-Krankenhaus;
sein Befinden ist verhältnismäßig gut.
FUNDE
Römerfunde in Nordafrika. In der durch die Aus-
grabung eines römischen Theaters, eines Forums und eines
Triumphbogens des Caracalla berühmt gewordenen Stadt
Dschemila bei Constantine in Algerien, die in der Römer-
zeit Cuicul hieß, wurden — wie dieser Tage ein Mitglied
der Pariser Akademie der Inschriften berichtete — zwischen
dem Forum und dem Platze, wo einst das Kapitol stand,
neue wichtige Funde gemacht. Man fand zahlreiche Ruinen
und Steine mit wichtigen Inschriften, die mancherlei aus
der Zeit der Kolonisation Nordafrikas unter Antoninus Pius
in neuem Lichte erscheinen lassen. Am wichtigsten unter
den Funden ist die Trümmerstätte eines römischen Marktes,
dessen Erbauer einer der gefundenen Inschriften zufolge
Lucius Cosinius Primus war. Von besonderer Wichtigkeit
unter den auf diesem Marktplatze ausgegrabenen Bauten
sind ein »Ponderarium«, wo die zum Verkauf gestellten
Flüssigkeiten zugemessen wurden, und eine Art Wartehalle,
die wohl den Marktleuten bei UnwetterSchutz gewähren sollte.
Weitere Funde im Fritzlarer Dom. Bei Fortsetzung
der Erneuerungsarbeiten am Fritzlarer Dom wurden aber-
mals wertvolle Altertumsfunde zutage gefördert. Es handelt
sich um mehrere Kissen aus kostbaren, mittelalterlichen
Geweben. Ferner fand man mittelalterliche Priesterge-
wänder mit kostbaren Brokatstickereien und wertvolle
Kirchengeräte.
AUSSTELLUNGEN
Von Berliner Ausstellungen war an dieser Stelle
seit längerer Zeit nicht die Rede. Der Krieg gab Anlaß,
die Sommerferien ausgiebiger zu nutzen als in anderen
Jahren, und auch wo unentwegt weiter ausgestellt wurde,
reizte die Art des Gebotenen kaum zu eingehender Be-
schäftigung. Man kann im Zweifel sein, ob daran etwas
geändert wurde, seitdem die Tage herbstlich zu werden
begannen. Immerhin spürt man ein leises Sichregen, hie
und da findet sich eine Ausstellung, die doch schon etwas
längeres Verweilen lohnt. Und das Ergebnis im ganzen:
daß bisher der Krieg an unserem künstlerischen Leben spur-
los vorübergegangen ist. Wer alle die großen Worte ge-
hört hat, mit denen der Beginn einer neuen Ära angekündet
wurde, hat Grund, sich enttäuscht zu fühlen. Wer ruhige
Überlegung bewahrte, wird finden, daß es nicht anders
sein konnte. Oder sollte Franz Marc seine Vergangenheit
verleugnen, der alte Christian Rohlfs noch einmal umlernen,
Ernst Liebermann ein großer Künstler werden, weil draußen
die Kriegsfurie rast? Nichts von alledem ist eingetreten.
Bei Herwarth Waiden im Sturm zeigt man dieselben Bilder
wie zuvor, in dieser Marc-Ausstellung sogar sehr wörtlich
genommen, denn man kennt fast alles schon, was jetzt hier
steht, und wenn sich etwas geändert hat, so sind es zu-
meist wir Beschauer. Nicht daß wir die Bilder heut besser
oder schlechter finden als vor zwei Jahren. Aber die
Personalien — Funde — Ausstellungen
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auf der Berliner Bauakademie, später der Kunstgeschichte
an der Universität. 1883 habilitierte er sich als Privat-
dozent an der technischen Hochschule in Hannover, um sechs
Jahre später in gleicher Eigenschaft nach Charlottenburg
überzusiedeln. Er wurde hier zugleich zum Dozenten für
Kunstgeschichte an der Kgl. Kunstakademie ernannt und
zog sich im Jahre 1907 ausschließlich auf dieses Lehramt
zurück. Seine architektonische Ausbildung befähigte ihn
besonders zu Forschungen auf dem Gebiete der älteren
Baukunst. Während seiner Tätigkeit in Hannover beschäf-
tigte er sich mit der dortigen Holzarchitektur und den
Grabdenkmälern. Seine Hauptarbeit war der Geschichte
der Renaissance in Holland gewidmet. Das umfangreiche
Werk, das er veröffentlichte, wird für lange Zeit die Grund-
lage aller weiteren Studien bleiben.
Der Bildhauer Professor Wilhelm Widemann ist in
Berlin verstorben. Bekannt wurde Widemanns Name durch
seine dekorativen Arbeiten am Reichstagsgebäude, zu dessen
Ausschmückung Wallot ihn gemeinsam mit August Vogel
heranzog. Widemann hatte seine Ausbildung in München
als Kunsthandwerker erfahren und hat sich auch weiterhin
insbesondere auf diesem Gebiete betätigt. Goldschmiede-
arbeiten im Stile der Renaissance waren seine besondere
Spezialität. Der modernen Bewegung auf dem Gebiete des
Kunsthandwerks stand er fremd gegenüber. Seine Schulung
wurzelte in einer überwundenen Epoche, und so fanden
auch seine Werke in späterer Zeit nur geringes Interesse.
PERSONALIEN
Adolf Oberländer, der große humoristische Zeichner
und Maler, vollendete am 1. Oktober sein 70. Lebensjahr.
Sein Vater war der Regensburger Organist Adam Ober-
länder, der später Professor am Münchener Konservatorium
wurde. Auf der Münchener Akademie der bildenden Künste
genoß dann Adolf Oberländer seine Ausbildung als Schüler
Pilotys. Erst nach einer Reihe von Jahren wandte er sich
der Karikatur zu und fand so das Feld für seine geniale
Begabung. Was er in langen Jahren für die »Fliegenden
Blätter« geschaffen hat, ist allbekannt; auch seine köstlichen
kleinen Gemälde zieren die deutschen Galerien.
Prof. Dr. Franz Weinitz vollendete am 15. September
sein 60. Lebensjahr. Im Jahre 1882 promovierte er mit
einer Dissertation über ein Thema aus der Geschichte des
Dreißigjährigen Krieges. Drei Jahre später wurde er Hilfs-
arbeiter an der Berliner Nationalgalerie und bearbeitete im
folgenden Jahre gemeinschaftlich mit Max Jordan die histo-
rische Abteilung der Berliner Jubiläums-Kunstausstellung.
Weinitz' kunstgeschichtliche Studien galten dem Zeichner
Theodor Hosemann und dem Erzgießer Johann Jacobi.
Nebenher gingen Forschungen zur Geschichte des Feuer-
löschwesens, die ihn befähigten, auf der Internationalen
Feuerwehrausstellung zu Berlin im Jahre 1901 eine muster-
gültige Kunst- und Literaturabteilung einzurichten. Weinitz
ist geborener Berliner, und als Mitglied des Vereins für die
Geschichte Berlins hat er sich um die Erforschung der Kunst-
und Kulturgeschichte seiner Vaterstadt mannigfache Ver-
dienste erworben.
Der bekannte Berliner Maler Max Pechstein, der sich
bis Kriegsausbruch auf den deutschen Südseeinseln aufhielt,
ist nach mancherlei Fährlichkeiten kürzlich glücklich in
Deutschland angelangt. Bei der Besitzergreifung von Pa-
tau durch die Japaner geriet Pechstein in Gefangenschaft
und wurde nach Nagasaki verbracht. Von dort freigelassen,
kam er nach Manila, wo er gezwungen war, auf einem
deutschen Frachtdampfer zu leben. Nach längerer Zeit
gelang es ihm dann, nach Amerika zu kommen. Mit vieler
Mühe vermochte Pechstein endlich als Kohlentrimmer auf
einem holländischen Dampfer unterzukommen und so un-
bemerkt von den Engländern nach Deutschland zu ge-
langen. Hier stellte er sich der Militärbehörde zur Ver-
fügung und erwartet seine Einberufung zum Heeresdienst.
Martin Brandenburg, der bekannte Berliner Maler,
der seit zwei Monaten als Feldwebel beim Heere steht,
ist an der Ostfront schwer verwundet worden. Er erhielt
einen Schuß durch das linke Auge, das verloren ist. Die
Sehkraft des rechten Auges ist in keiner Weise geschwächt,
so daß der vortreffliche Künstler seinem Berufe erhalten
bleibt. Brandenburg liegt zurzeit im Virchow-Krankenhaus;
sein Befinden ist verhältnismäßig gut.
FUNDE
Römerfunde in Nordafrika. In der durch die Aus-
grabung eines römischen Theaters, eines Forums und eines
Triumphbogens des Caracalla berühmt gewordenen Stadt
Dschemila bei Constantine in Algerien, die in der Römer-
zeit Cuicul hieß, wurden — wie dieser Tage ein Mitglied
der Pariser Akademie der Inschriften berichtete — zwischen
dem Forum und dem Platze, wo einst das Kapitol stand,
neue wichtige Funde gemacht. Man fand zahlreiche Ruinen
und Steine mit wichtigen Inschriften, die mancherlei aus
der Zeit der Kolonisation Nordafrikas unter Antoninus Pius
in neuem Lichte erscheinen lassen. Am wichtigsten unter
den Funden ist die Trümmerstätte eines römischen Marktes,
dessen Erbauer einer der gefundenen Inschriften zufolge
Lucius Cosinius Primus war. Von besonderer Wichtigkeit
unter den auf diesem Marktplatze ausgegrabenen Bauten
sind ein »Ponderarium«, wo die zum Verkauf gestellten
Flüssigkeiten zugemessen wurden, und eine Art Wartehalle,
die wohl den Marktleuten bei UnwetterSchutz gewähren sollte.
Weitere Funde im Fritzlarer Dom. Bei Fortsetzung
der Erneuerungsarbeiten am Fritzlarer Dom wurden aber-
mals wertvolle Altertumsfunde zutage gefördert. Es handelt
sich um mehrere Kissen aus kostbaren, mittelalterlichen
Geweben. Ferner fand man mittelalterliche Priesterge-
wänder mit kostbaren Brokatstickereien und wertvolle
Kirchengeräte.
AUSSTELLUNGEN
Von Berliner Ausstellungen war an dieser Stelle
seit längerer Zeit nicht die Rede. Der Krieg gab Anlaß,
die Sommerferien ausgiebiger zu nutzen als in anderen
Jahren, und auch wo unentwegt weiter ausgestellt wurde,
reizte die Art des Gebotenen kaum zu eingehender Be-
schäftigung. Man kann im Zweifel sein, ob daran etwas
geändert wurde, seitdem die Tage herbstlich zu werden
begannen. Immerhin spürt man ein leises Sichregen, hie
und da findet sich eine Ausstellung, die doch schon etwas
längeres Verweilen lohnt. Und das Ergebnis im ganzen:
daß bisher der Krieg an unserem künstlerischen Leben spur-
los vorübergegangen ist. Wer alle die großen Worte ge-
hört hat, mit denen der Beginn einer neuen Ära angekündet
wurde, hat Grund, sich enttäuscht zu fühlen. Wer ruhige
Überlegung bewahrte, wird finden, daß es nicht anders
sein konnte. Oder sollte Franz Marc seine Vergangenheit
verleugnen, der alte Christian Rohlfs noch einmal umlernen,
Ernst Liebermann ein großer Künstler werden, weil draußen
die Kriegsfurie rast? Nichts von alledem ist eingetreten.
Bei Herwarth Waiden im Sturm zeigt man dieselben Bilder
wie zuvor, in dieser Marc-Ausstellung sogar sehr wörtlich
genommen, denn man kennt fast alles schon, was jetzt hier
steht, und wenn sich etwas geändert hat, so sind es zu-
meist wir Beschauer. Nicht daß wir die Bilder heut besser
oder schlechter finden als vor zwei Jahren. Aber die


