Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — 1.1885

Seite: 11
DOI Seite: Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstgewerbeblatt1885/0016
Lizenz: Freier Zugang - alle Rechte vorbehalten Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile

Beiträge zur Geschichte der Kunsttöpferei.

?. Das erwachende Jnteresse für die
Werke der Kleinkunst hat sich niit Vorliebe
dcn Erzengnisscn der Kunsttöpfcrei zugewendct:
die Schönheit und der eigentümlichc Rciz dieser
Arbciten, das noch relativ reichlich vorhandene
Material, und die auch dem weniger Bemittelten
gewährte Möglichkeit, seinen Sammeleifer zu
besriedigen, lassen diese Bevorzugung keramischer
Gegenstände erklärlich erscheincn. Mit dcm
wachscndcn Jntcresse hat jedoch dic Fachlittcra-
tur, aus welchcr sich der Laie Rats erholen
könnte, nicht glcichcn Schritt gehalten: fehlt es
dvch in crster Linic an cinem zusammenfassendcn
Werk, welches die historische Entwickelung der
Knnsttöpferei kurz und übersichtlich darsteltt.
Nicht mindcr ausfallend ist der Mangcl au
Monographien, obwohl gerade hier der Lokal-
sorschung noch cin weites, fast unbeackertes Feld
der Thätigkeit vffen liegt. Endlich sind die vicl
benutztenMarkenbücher wenigstens fürdie deutschen
Marken durchweg unzuverlässig und völlig
ungenügend.
Anders steht die Sache in Frankreich und
England. Hier ist das Kunstinteresie fast möchte
man sagen zum Kunstbedürfnis gewvrden; lange
bevor man in Deutschland die Werke der Kunst-
töpserei Uberhaupt beachtete, hat man hier ge-
sammclt, ganze Sammlungen aus Deutschland
herausgeschleppt: ich erinnerc nur an das rhei-
nische Steinzeug. Allerdings gehört die Kenntnis
keramischer Produkte in dcn besseren Gesellschasts-
kreiseu jener Länder sv gut zur allgemeinen
Bildung wie die Kenntnis der Litteratur, und
es würde derjcnige für ungebildet gelten, der
eine svlche Kenntnis ablehnte. Hand in Hand
mit diesem Sammeln ist seit Jahrzehnten die
keraniische Litteratur gegangen. Die Arbeiten
von Brogniart sind bekannt genug, und mag
auch die treffliche „Listoirs äs la ooraiuigirs"
von Jacquemart heutc für praktische Zwecke
ihre Bedeutung verloren haben, so ist sie doch
eine ganz vorzügliche Lcistung, ein epochemachen-
des Werk von bleibendcm Wert. Gewiß war

eine solche zusammenfassende Arbeit nur auf
Grund der zahlreichen französischen nnd engli-
schen Monographien möglich: Dcutschland ist
dabei schlecht weggekommen, da es hier an
Borarbeiten fehltc. Wirkliche Verdienste ni»
die Geschichte dcr Kunsttöpferei, namcntlich dcr
deutschen, erwarb sich August Denimin, dessen
Ouiäs äs I'anrateur äs ls.ien668 st porss-
luinss hente noch das brauchbarste Buch auf
dicsem Gebiet ist. Allerdings steht die letzte (5.)
Auflage (1877) nicht auf der Höhe, insvfern die
neueren Forschungen zu wenig bcrücksichtigt sind.
Auf den Arbeiten von Jacqucmart und Demmin
beruheu durchaus dasMarkenbuch von Grässe
(Ouiäs äo I'ainatour äo poroolainos ot äo
potsrio) und Jännicke, „Grundriß der Kera-
mik". Letztercr hat auch andere Wcrke zu Rate
gezogen und die Marken in einem Heste am
Schluß vereinigt. Jn beiden Büchern sind
die Markcn übrigens sv wenig übersichtlich ge-
vrdnet, daß die Benutzung außerordcntlich cr-
schwert ist; beide geben ohne jede Kritik die
Marken ihrer Borgänger, so daß auch alle
Fehler aufgenommen. Und dieser Fehler sind
nicht wenige. Man kann annehmen, daß ein
Viertel aller deutschen Marken falsch gclöst sind:
vhne strenge Prüfung, auf ganz unsichere Mit-
teilungen hin, sind Marken in die Sammlungen
aufgenoinmeu, die sich nun von Buch zu Buch
schleppen; dcn Sammlern längst bekanntc Mar-
ken fehlen, eben weil sie noch nicht gedruckt sind;
kurz das ganzc Gebiet bedarf dringeud der
Reformation. Eine solche ist nicht anders durch-
zusühren, als durch Sichtung des vorhandencn
Materials und durch Veröffentlichuug nur sicherer
Marken. Hier wird hauptsächlich die Lokal-
fvrschung einzusetzen haben, der dabei die Haupt-
thätigkeit zufällt; ferner wird in den noch heute
bestehenden Fabriken jedenfalls handschriftliches
Material genug vorhanden sein, deffen Publika-
tivn manchen dunklcn Punkt aufklären dürfte;
endlich liegt in gewissen Büchern des vorigen
Jahrhunderts ein reiches Material verstrcut.

2*
loading ...