Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — 1.1885

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Bücherschau.

von Göthe im Nittersaale des königl. Schlosses
errichtetes Bnffet zu zicren: alles übrige ist von
Friedrich dem Großen währcnd der Kriegsjahre
eingeschmolzen, den Nest brachte Friedrich Wil-
helm III. dar, um die Not des Vaterlandes am
Begiun nnseres Jahrhunderts zu mindern. So
fehlte denn bis in unsere Tage ein dcr Bedeutung
der vergrößerten Mcichtstelluug des Königshauses
würdiger Tafelschmuck: wenn die Städte der
Monarchie heute dem königlichen Hause solch
würdiges Geschenk darbringen, so geben sie damit
im gewisseu Sinu nur zurück, was dieses er-
habene Haus in Zeiten der Not dem gemcinsamen
Baterland geopfert hat. Dnrch allerhöchste Ordre
ist vor kurzem das Tafclsilber des Prinzen Wil-
helm zum Fideikommiß des königl. Hauses der
Hohenzollern crklärt, das regierende Haupt zum
Gebrauche desselben berechtigt.
Der Entwurf des Ganzen rührt von
Adolf Heyden her, deni das Berliner Kunst-
gewerbe schon so mannigfache und rciche Förde-
rung verdankt. Er lehnte sich dabei möglichst an
die Formen der Schlllterschen Bauten an, Formen,
welche in ihrer Bedeutung für die ganze künftige
Entwickelung der Berliner Bau- und Klcinkunst
zwar langsani aber stetig in weiteren Krcisen er-
kannt werden. Daß es sich dabei übrigens nicht
etwa um ein Arbeiteu im alten Stile handelt,
sondern daß wir es hier mit durchans modernen,
nur unter dem Einfluß jener Formen stchendeu
Werken zu thun habeu, lehrt schou der sliichtigste
Blick auf die Tafeln des Werkes. Jm übrigeu
war bei der Ausführung den einzelnen Bild-
hauern, ModeNeuren, svwie den ausfllhrenden
Werkstätten doch möglichst freie Hand gelassen,
ihre Jndividualität zur Geltung zu bringen,
eigene Kunst walten zu lassen: durch die sort-
währcnde ivechselseitige Berührung zwischen dem
Erfinder und Leiter einerseits und den ausführen-
den Künstlern andererseits ist es möglich gewvr-
den, ein völlig harmvnisches Ganzc zn staude
zu bringen. Eine prächtigc Werktafel, welche
gleichfalls dem hohen Paar übergeben wurde
und der eine eingesetzte, von Siemering mo-
dellirte Medaille zur besouderen Zierde gereicht,
bewahrt die Namen der beteiligten Künstlcr uud
Werkslätten späteren Zciteu auf.
Das vorliegende Werk reproduzirt aus 25
Tafeln sämtliche in Silber ausgeführte Gegen-
stäude, sowie eineu Satz Gläscr: dcr dazugehörige
Tisch, sowie die Werktafel sind ausgeschlossen,

von letzterer ist eiu Abdruck gegcben, auch die
ebenerwähnte Bkedaille im Text. — Die An-
ordnuug des Ganzen ist hinreichend bekannt:
das Mittelstück der ganzen Tasel bildet das
„Glückhaste Schiff" mitseiuem prächtigenFiguren-
schmuck nebst zwei mächtigen Kandclabern; doch
ist bei der Einrichtung zugleich darauf RUcksicht
genommen, daß auch für kleinere Tafeln passende
Arrangements mit den Aufsätzen getroffen werden
können. An solchen Aussätzen sind noch vor-
handen: zwei mächtige Wcinkühler mit Schalen,
durch reichen figürlichen Schmuck besonders aus-
gezeichnet, zwei Schmuckkannen, ebenfalls auf
Ikutersätzeu, vier Blumeuschalen und endlich,
lediglich als Tafelschmuck gedacht, die Gruppen
der vier Hauptflüsse des Königreichs Preußen:
Rhein, Elbe, Oder und Weichsel. Zehn kleinere
Kandelaber gcstatten endlich, auf der Tafel cincn
rhythmischen Wechsel von hohem und niedrigem
Schmuck eintrcten zu lassen. Alle diese größercn
Stücke, bei denen durchweg ein reicher figürlicher
Schmuck zur Verwcndung gekommen ist, sind auf
einzelnen Tafeln in genllgender Größe zur An-
schauung gebracht: von den wichtigerenTeilen sind
Detailausichten gegeben. Das große Mittelstück
hat dieBerlagshandlung außerdem noch in beson-
derem Abdruck auf großem Kupferdruckpapier
einzeln abzulassen sich entschlossen, um einen
passenden und lehrreichcn Wandschmuck für Gold-
schmiede- und Ciselirwerkstätten, Läden ic. abzu-
geben. Die übrigen Teile, das eigentliche Ge-
brauchsgerät, als Tcllcr, Schüsseln aller Art,
Weinkanuen, Kompot-, Salat- uud Gemüsc-
näpfe rc., sind auf dcn Taseln 14—23 zum
Teil in Gruppen zusanimeugestellt.
Der treffliche knappe Text von Juliuö
Lessing giebt über die Entstehung des Ganzeu,
die Aussllhruug im einzcluen Auskunft; cr
würdigt das ganze Unternehnien in seiner Be-
deutung sür uuser modernes Handwerk und als
„Dcnkmal der höchsteu künstlerischen Leistungs-
fähigkeit des arbeitenden Bürgertums". Der
hoheu Bedeutung des Tafelsilbers selbst ist der
Vcrlcger durch die Ausstattung des Werkes ge-
recht geworden; die Tafeln vvn Albert Frisch,
zum Teil untcr sehr schwierigen Verhältnissen
und mit nicht unerheblichen Opsern in Lichtdruck
hergestellt, sind von hoher Vollendung; sie geben
auch die kleinsten Details mit größter Schärfe,
so daß sie als Unterrichts- uud Vorbildcrmate-
rial ohne weiteres Berwenduug finden können.
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