Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — 1.1885

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Zur Ersindungsgoschichte des europäischen Porzellans.

heißt, dc>ß ihm diese Gegenstände der Alchimist
Meister Antonio sende; derselbe hcibe sie mit
großer Vvllkoinnienheit gemcicht, denn er habe
trcinspcirentes und sehr hlibschcs Porzellcin mit
ciner gcwissen guten Erde erhcilten, wclche ihm
der Frcnnd in Padua vcrschafft habe. Dank
der Glasur, schrcibt cr weiter, bilden diese Por-
zellane cine so wundervolle Arbeit, daß sie aus
der Barbarei gekommen zu scin scheinen.
Diese Gefciße werdcn nun allerdings Por-
zellan genannt und waren auch orientalischen
Vorbildcrn nachgearbeitet. Allein dcr Ausdruck
xorcoliann beweist nichts, dcnn damals bezeich-
nete er nicht bloß das vstasiatische, wirkliche
Porzellan, man benannte damit auch eine ge-
wisse Art von Majvliken, ja auch wohl allgc-
mein alle Majoliken und Faiencen. Es kvnnen
also, da von Kaolin nicht die Rede ist, mit
jenen Arbeiten aus der Barbarei auch die wciß-
glasirten rhodischen, persischen, kleinasiatischen
Faicncen gemeint sein, die gewiß in Venedig
nicht unbekannt waren. Und wcnn auch jcne
Gefcißc des Meisters Antvniv cchtes Pvrzellan
gewesen, so sind sie dvch vhne alle Folge gc-
blicben; eine Fabrikativn ist aus seiner Erfindung
nicht hervorgcgangen, man hört nichts weiter
davon.
Erst in den Jahren 1518 und 1519 ist
wicderum in .Venedig vvn erneuter Erfindnng
des Porzellans die Nedc, cö verhält sich aber
damit gerade wie mit dem, wovon dcr Pater
Wilhelm schreibt. Jm Jahre 1518 rnhmt sich
ein gewisser Leonardo Peringer, spoobiarius in
Llsrroria, „alle Artcn Pvrzcllan wie die trans-
parenten der Levante machen zu kvnnen." Ob
das richtig ist, müssen wir dahingestellt sein
lassen, erhaltcn ist nichts von seinen Arbeiten;
eine Fabrikativn knüpft sich auch nicht an seine
Entdecknng. Möglicherweise ist cs derselbe Vcr-
snchskünstler, vvn dcm im nächstcn Jahre 1519
die Rede ist.
Herzog Alfons I. von Ferrara ncimlich er-
hielt damals vvn seinem Gesandten in Vcnedig
Jacopo Tebaldo einen Teller und eine Schüsiel
von nachgemachtem Pvrzellan (poroollang. Lota)
zngesendct, die er bei cineni dortigen Meister be-
stellt hattc. Jn dem begleitcnden Schreibcn
heißt es, daß der Mcister diese Arbeiten nicht
sür gelungen erkenne, daß er sich auch weigere
weitere zu machen, denn er wolle in keiner Weise
mehr Zcit nnd Ware verderben; nur wenn man
die Kvsten tragen wvlle, wcrde er sich zu iveiteren

Bcrsuchcn herbeilassen. Vvn Ivciteren Vcrsuchen
aber erfahren wir nichts; dicse aber, von denen
die Rede ist, waren, wie der Künstler selber ge-
stand, nicht gelungen.
Dcmnach kann Venedig wohl nicht denRuhm
der Erfindnng des Porzellans in Anspruch neh-
men. Selbst wenn die erwähnten Nachrichten
sich in dcr That auf echtes Porzellan bcziehcn,
was noch zweifelhaft ist, so ist es ebcn bci den
Versuchen geblieben. Jn Venedig ist nicht weiter
davon die Rede, wohl aber an anderen Orten.
Fünfzig Jahre später war cs Herzog Al-
svns II. von Ferrara, der sich neuerdings nm
die Erfindung des Porzellans bemühte, wie er
sich auch der bereits sinkenden Majolikafabrika-
tion annahm. Er hatte in seinem Dienste
zwei Majolikakünstler, Camillo und Battista von
Urbinv aus der Familie Gatti, die im Besitz
des Geheimnisses der Porzellanfabrikation ge-
wesen sein sollen. Es ist mehrfach davon die
Rede, nnd der einc der Brüder, Battista, sührte
auch den Titel Nnesbro äelln poroellana äi
8na ^lte/.na. Allein wir kennen weder ihr
Rezept, nvch ist von ihrcn Arbeiten irgend ctwas
erhalten, wvraus man den Bcweis liefern könnte,
daß ihr Porzellan wirklich cchtes, kaolinhaltiges
gewesen, denn, wie schon gesagt, die bloße Be-
zeichnnng poroellann entschcidet nichts. Camillo
Gatti kam 1567 durch eincn nnglücklichen Zu-
fall ums Leben. Sein Bruder, der im Besitz
dcs Geheimnisses war, schcint die Arbcitcn fort-
gesetzt zu haben, doch auch nur kurze Zeit, denn
sein Tod mnß schon etwa in das Jahr 1570
fallen. Dann war es auch damit zu Ende.
Ziemlich gleichzeitig gab sich auch der
Großherzog Franz von Toskana mit der Er-
findung des Pvrzellans ab, nnd bei ihm handelte
es sich wirklich nm die Entdeckung und Nach-
ahmung des echten Porzellans. Etwa 1566,
noch bevor er zur Negiernng gekommcn, bc-
gannen seine Versuche und führten auch zu
einem gewissen Nesultat, über das wir genan
urteilen können, denn von diesen Versuchcn oder
Arbeiten sind in der That eine Anzahl Gegen-
stände crhalten. Als Meister wird in Florenz
beim Großherzog Franz ebenfalls ein Camillo
von Urbino genannt, es mnß aber ein anderer
gewesen sein als jener Camillv Gatti in Fcrrara.
Jndesien heißt es auch vom Großherzog selber,
der an künstlerischen Dingen viel mehr Geschmack
fand, als an der Negierung, daß er mit eigener
Hand Porzellangcgcnständc sabrizirt habe. Wir
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