Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — 1.1885

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Grvße Glasfabriken benutzen auch die Kraft
des Dampfes zu allerlei Operationen, die frllher
dom Arbeiter mit der Hand gemacht wurden.
Wir haben z. B. eine Maschine gesehen, welche
die Höhlungen der Gefäßböden hervorbrachte,
die man sonst mit der Hand durch die Auf-
treibschere erzeugte.
Wenn nun solche Einrichtnngen die Leistungs-
fahigkeit der Glasfabriken sehr bedeutend gegen
frllher erhöhen, so erfordern sie daftir auch ein
weit größeres Anlagekapitel. Unvermeidlich ist
dnmit sllr die Glasbereitung der Übergang zur
Großindustrie gegebeu. Die kleinen Leute, die
frllher bei der großen Zerteilung des Gebietes,
bei den vielen Zollschranken und bei der er-
schwercnden Unsicherheit desHandels undVerkehrs
im Glasfach prosperiren und selbständig werden
konnten, sind jetzt, wo wir über Eisenbahn und
Telegraph verfllgen, und wo Europa zusammen-
geschmolzen ist in einige wenige große Staaten-
komplexe, nicht mehr möglich.
Einst konnten die Glasmacher von Stein-
schönau und Haida in Nordböhmen mit Ge-
winn es unternehmeu, wie uns Vvn Kreybich
(1662—1736) berichtet wird, mit ihren Schub-
karren und Wägcn ausznziehen, und den euro-
päischen Kontinent damit zu Fuß zu durch-
wandern, ja selbst nach England llberzusetzen.
Jetzt geht das nicht mehr an, und alle diese
kleinen Leute, deren Unternehmungsgeist sich
noch gegen die Erkenntnis sträubt, daß die Zeit
des Kleiubetriebs vollkommen vorbei ist, sie
sinken samt und sonders herab zu der großen
Armee der Fabrikarbeiter. Das ist die Kehr-
seite der Massenproduktion; sie zeigt uns das
Medusenhaupt der sozialen Frage. —
Übrigens mllssen auch die größeren Hütten

heutzutage vorsichtig sein uud die jetzt wirksamen
großen allgemeinen Verhältnisse in Betracht
ziehen. Die früher ausschlaggebendeu Mvmeute,
daß eine Fabrik iu einem waldreichen Distrikt
angelegt war, und an einem abgelegenen Orte,
wo die Leute einfacher, genllgsamer lebten und
daher billiger arbeiteten, ferner an einem Platze,
wo Quarz in der Nähe sich vorfand, diese
Momente sind zwar immer noch von hervor-
ragender Bedeutung, aber sie werden von andern
doch sehr im Schach gehalten. Einen Beweis
liefert der Umstand, daß am ordinaren Glase
nicht mehr viel zu verdicnen ist, ferner z. B. die
Thatsache, daß Belgien, begllnstigt durch seine ge-
ographische Lage, im Fensterglas den Weltmarkt
dominirt. Als Folge der eben geschilderten Ver-
hältnisseist es zubetrachten,daß seiteinigenJahren,
was früher nicht der Fall gewesen, unter den
Auswanderern Tafelglasmacher und Bouteillen-
bläser erscheincn ^).
Nur fllr dic Kunstglasmachcr unter den
Arbeitern winkt wieder ein tröstliches Licht mit
dem Emporwachsen des Kunstverständnisses und
Kunstbedürfnisses in uuserer Nativn.
Wenn die schöne Form wieder hochgeschätzt
wird, so kommt nicht nur die Hütte, welche
Stiicke von kllnstlerischem Wert zu fabrizireu
vermag, in Flor, auch der Arbeiter, den man
dazu brauchen kann, wird besonders geschätzt,
gesucht und hoch bezahlt.
Wie aber gerade beim Kunstglas von der
Geschicklichkeit des Glasarbeiters schließlich alles
abhängt, das soll in unserer nachfolgendeu
zweiten Abhandlung dargelegt werden.

1) Sprechsaal, Zeitschrift für den Verband
keramischer Geiverbe in Deutschland. 1883. Nr. 47.


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