Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — 1.1885

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Bücherschau.

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von 400 Seiten, mit nahe an 20 Heliograviiren
nnd llber 50 Abbildungen im Text gilt einem
Künstlergeschlecht, von dem sich nur einer, Clodion,


KarylUide vom Kllmin im Boudoir der Marquise de Serilly.
Arbcit twii Clodion. Sonty-Kensington-Museum.
zu bleibendem Ruhnie auf seinem Gebiete, der
delvrativen Plastik, durchgekampft hat.
Bei uns Deutschen rnht die Aufgabe, die
Meister der Vorzeit dem Liebhaber und Kiinstler
vvn heute zu vermitteln, in den Händen der
Gelehrten. Der „gebildete" Leser verlangt viel
Räsonnement, historische und kulturgeschichtliche
Seitenblicke, vor nllcm — und daS mit Recht —

den Vergleich mit gleichzeitigen Meistern, die
Sonderung von Tradition und individueller That,
kurzum kunsthistorische Kritik. Zn knrz komnit
aber dabei das Auge. Gestehen wir es uns:
die sorgfältigsten Beschreibungen, die treffendsten
Vergleiche, die meisterlichsten Gleichnisse ersetzen
nie und nimmer eine einzige geniigende Abbil-
dung. Wer hätte denn stets Gelegenheit, eine
Photographie oder einen Abguß der so laut ge-
Priesenen Herrlichkeit zu Rate zu ziehen? Jch
habe mich an manchen mit Kenntnis und Ge-
schmack geschriebenen Abschnitten unserer knnst-
geschichtlichen Litteratur gefragt, ob sie schon mehr
als ein Dutzend persönlich unbeteiligter Leser ge-
funden haben. Der Schriftsteller und der Ver-
leger niögen bedenken, daß es dem Publikum
nicht an Teilnahme, aber an Anschauung
fehlt. Wer sehen und verstehen lehren Ivill, der
trete hinter, nicht vor das Bild. Gelehrsamkeit
und Takt wird er in vollem Umfange auch in der
Wahl und Anordnung der Darstellungen erpro-
ben können.
Jn allem Äußeren kann Herrn Thirions
Buch als Muster gelten. Jedes geschichtlich be-
deutende Werk seiner Meister wird abgebildet,
von den gleichartigen Arbeiten des Clodion eine
stattliche Reihe, die auch den Umfang seiner
Thätigkeit darstellt. Und es ist ein gutes Stück
der französischen Kunst, über hundert Jahre, das
sich in der Geschichte dieser Familie von Bild-
hauern widerspiegelt.
Die drei Brüder Adam sind um den Anfang
des 18. Jahrhunderts geboren; ihr Neffe, Claude
Michel, genannt Clodion, geboren 1738, starb
erst im Jahre 1814. Er ist der unübertroffene
Meister der bildnerischen Kleinkunst, der die
Koketterie des Rocoeo zur unbefangenen Grazie
mildert; jeder Zeitgenosse der jüngeren attischen
Schule hätte ihm die Hand gedrückt. Seine
Oheime gehen uns Deutsche deswegen an, weil
Friedrich der Große sich durch Kauf, Geschenk
und eigenen Auftrag mit ihren Werken umgeben
hat. Man muß nach Sanssouci gehen, um
ihre Art zu studiren.
Schon der Vater der drei Brüder war Bild-
hauer, nicht groß an Kunst oder Ruhm, aber
in seiner Heimat Nancy inmitten eines kräftigen
Kunstbetriebes. Die Souveräne von Lothringen
begannen mit dem Pomp ihres mächtigen Nach-
barn zu wetteifern. Wer vorwärts wollte, hatte
damals nur zwei Stationen, Paris und Rom.
Alle drei Brüder, der älteste um 1700, die an-
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