Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — 1.1885

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Der neus Katalog des Grünen Gewölbes.

Jn der Voraussetzung, daß die Erbsteiusche
Stilkritik eine richtige ist, finden wir denn auch
in der That Spuren unseres Meisters in der
Schatzkammer zu München wieder, wo ihm die
schvn gefaßte zweihenkelige Krystallvase 39
zngeschriebcn werden müßte. Wir stellcn hier
den Henkel eines i:n Grünen Gewvlbe Gipsel
zngeschriebenen Stückes (Pretiosen-Saal 306)
dem Henkel der Münchener Vase gegenüber, um
den Leser selbst zum Richter zu machen ttber die
Zusammengehvrigkeit dieser beiden Stücke. Es
wcire ein großer Gewinn, wenn es wirklich
einmal gelänge, einem der tüchtigen Goldschmiede,
die in Goldemaille arbeiten, beizukommen. Da
sie keine Marken führen und unser Auge für diese
Art Arbeit noch so wenig geschärft ist, daß wir
kaum zwischen italienischen und deutschen Werk-
stätten unterscheiden können, so kann der Wert
der Erbsteinschen Entdeckung nicht hoch genug
angeschlagen werden. Gabriel Gipfel sinden wir
in der „Hof-Silberkammer" mit der Jahreszahl
1002—1611, ferner auch in den DresdenerGold-
schmiedezunft-Akten mit der Jahreszahl 1607
erwähnt. Ein Andreas Gipfel liefert dem säch-
sischen Hof 1608 unter anderem ein in Gold ge-
saßtes Trinkgeschirr („Hos-Silberkammer"). Vicl-
leicht sind Andreas und Gabriel Svhne des 1555
zünftig gewordenen und vor 1600 verstorbenen
Nürnberger Goldschmiedes Gabriel Gipfel?
Für die späternDresdenerJuwelier-Arbeiten
eines Dinglinger, Kvhler:c. wird das Grüne
Gewvlbe immer die Hauptguelle bleiben, und
es erscheint nur wichtig zu bcmerken, daß in
deu Zuschreibungen an diese Meister der neue
Katalog andere Wege geht als sein Vorgänger;
es ist also wohl eine erneute Prüfung aus den
Stil dieser Meister vvrgenommen worden.
Schade, daß man das Resultat dieser llnter-
suchung nicht in gleichmäßigen Abbildungen vor
sich hat, dann könnten auch Fernstehende ihren
Stil studiren und nach verwandten Arbeiten
in andern Sammlungen suchen, was bisher so
gut wie gar nicht geschehen ist. Für Dinglinger
beispielsweise weiß ich außer den Notizen über
scine Arbeiten in Gotha nur ganz unzuverlässtge
Zuschreibungen in Auktionskatalvgen wie Löwen-
stein 1860, Jitta 1880, Paul 1882 anzuführen.
Jm Stadtarchiv zu Dresden fand ich einige
interessante Schriststücke über Melchior Ding-
linger. Er war bei den Goldschmieden in
Dresdeu nicht zünftig und sie reichen 1693 eine
Klage gegen ihn ein, wcil er außerhalb der

Jnnung arbeitet. Da er indessen ein kurfürst-
liches Patcut besitzt, können sie ihm nichts an-
haben. Ähnlich wird auch die Stellung Köhlers
gewesen sein. Außer seinen Arbeiten in Dresden
geben Leitner und Luthmer in den von ihnen
cdirten Sammlungen Beschreibungen. Er hat
auch viel Elfcnbeinarbeiten geliefert, dercn
Charakter wir wiedererkennen in eincm Stücke,
das der ehemaligen Sammlung Landesborongh
angehört hat und in deren Katalog auf dem
Titelblatt abgebildet ist.
Bei Daniel Kellerthaler steht man auf
sichererem Boden. Was im Grünen Gewvlbe
von ihm vorhanden ist, ist mit seinen Jnitialcn
oder Jahreszahl bezeichnet. Der Katalvg rechnet
ihm in den Jahren 1613—58 etwa sieben Arbei-
ten nach ,: da sie allc ohneZunftstempel sind, darf
man vielleicht annehmen, daß auch er als Hof-
goldschmied angestellt war^) und nicht zur Zunft
gehörte. Wenn Ivir demnach im Histvrischen
Museum bei dem Dresdener Beschanzeichen eine
aus X und I) gebildete Marke finden, so dürsen
wir sie nicht Daniel Kellerthalcr zuschreibcn,
sondern Johann Kellerthaler, der ein ziinstigcr
Goldschmied in Dresden war und auch an
andern Stellcn seinen Familiennamen durch zlvei
Buchstaben X und v ^ Keller-Daler bezeichnet.
Es ist übrigens eine enge Stilverwandtschaft
zwischen dicsen beiden Meistern zu konstatiren.
Die Punzenblätter und Handzeichnungcn von
Johann oder Hans Kellerthalcr tragen zum Teil
denselben ornamentalen Charakter wie die aus-
geführten Silberschmiedearbeiten des Daniel
Kellerthaler.
Die Nachbarstadt Leipzig hat nicht nur durch
ihre Messen viel zur Bereicherung des Grünen
Gewölbes beigetrageu, sondern auch durch das
eigene Haudwerk. Es sind nieist vorzügliche Ar-
beiten, nur niit dem Jnnungssteiupel, den Wust-
maun kürzlich in dieser Zeitschrift nachgewiescn
hat, versehen.
Wenn wir in den (alten) Grenzen dcs
Landes bleiben, haben wir auch Arbeiten von
Freiberg nnd Torgau zu besprcchen. X resp.
sind dic Bcschauzeichen, an welchen sie leicht
kenntlich sind, wie ja in der Hauptsache auch
I) Wenn die „Hofsilberkammer" berichtet, daß er
sich seit 1802 vergeblich um eine Bestallung bei Hof
bemüht, so kann er dennoch, wie man in Österreich
gesagt haben würde, „privilegirter" Goldschmied ge-
wesen sein. Das berechtigtc ihn, unter dem Schntze
der Regierung außcrhalb der Znnftgesetze zn arbeiten.
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