Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — 1.1885

Page: 217
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstgewerbeblatt1885/0233
License: Free access  - all rights reserved Use / Order

0.5
1 cm
facsimile
Runstgewerbeblatt. z. Iahrgang. No. z2.


Fig. 1. Fries, Holz geschnitzt.

Der Fortschritt der dekorativen Kunst in Nordamerika.
Nlit Illnstrationen.

I^. Das Art-Journal verösfentlichte im ver-
slossenen Jahre eine Reihe von Studien über
die Fortschritte der dekorativen Kunst in den
Vereinigten Staaten, aus der Feder von M. G.
Humphreys. Bei dem Jnteresse, welches die
Kunstzustände jener Staaten auch in Europa ge-
winnen, namentlich feit durch die Produktion
im eigenen Lande der Export nach Amerika auf
gewiffen Gebieten zu sinken beginnt und mit
der Ausbildung eines eigenen Stiles unsere Pro-
duzenten gezwungen sind, dem amerikanischen
Geschmack Rechnung zu tragen, dürfte nach-
stehende Skizze erwünscht sein.
Der Anstoß zur Hebung und Förderung der
dekorativen Kunst war in Amerika nicht ein
nationaler, sondern er ist — und zwar in bei
weitem höherem Grade, als dies bei der Aus-
stellung von 1876 in Philadelphia empfunden
wurde — auf englische Einflüsse zurückzuführen.
Ohne Zweifel hat das große Publikum erst
durch die Ausstellung von 1876 eine allgemeine
Anschnuung von dem eigentlichen Wesen der
dekorativen Kunst und von ihrer Wichtigkeit als
ein Faktor des Nationalwohlstandes gewonnen.
Es gab zwar auch schon früher in den Ver-
einigten Staaten Künstler, die sich auf diesem
Gebieteviel mit Studien, namentlich Raffaelischer
Arbeiten beschäftigten, doch wurde dies von be-
rufenen Beurteilern stets nur als eine Liebhaberei
ohne bestimmte Ziele betrachtet, und in der
That haben denn auch diese Studien keinerlei
greifbare Gestalt gewonnen. Gleichwohl hatten
schon vor der Ausstellung von 1876 zwei Holz-
bildhauer, Ed. und K. Fry, Vater und Sohn,
aus England gebürtig, wo der Vater bis zu
seiner Auswanderung thätig war, in Cincinnati
Kunstgewerbeblatt. i.

einiges Jnteresse für ihre Kunst zu erwecken ge-
wußt. Durch ihren Schüler, den Photographen
B. Pitman, ebenfalls einen Engländer, kam
die Holzschnitzerei vielfach in Aufnahme;
junge Leute ergriffen sie als Gewerbe und sehr
viele Dilettanten beschäftigten sich damit. Dies
blieb jedoch durchaus auf Cincinnati beschränkt
uud wurde nur durch die Ausstellung — nament-
lich durch Arbeiten von Damen in Flachschnitzerei
— allgemein bekannt.
Das Kunstgewerbe der Vereinigten Staa-
ten konnte aus den empfangenen englischen
Einwirkungen nicht lange Nutzen ziehen, da
ihm daS Material fehlt, auf welchem die Aus-
übung jeder Kunst heute bastrt. Es giebt
dort keine öffentlichen Museen, keine Privat-
Sammlungen, nur wenig geschmackvoll einge-
richtete vornehme Häuser voller Kunstschätze,
keine Architektnr — nichts von alledem, was
zur Wiederbelebung des Kunstgewerbes in Eng-
land so viel beigetragen hat. Ebenso wenig ist
auf andere Weise der Stoff leicht zugänglich,
denn das auf eiligen Reisen im Auslande ge-
sammelte Material ist bald erschöpft. Es
blieben den Amerikanern, um zu befferen Zu-
ständen zu gelangen, somit nur zwei Wege: ent-
weder man beschränkte sich darauf, fremdeArbeiten
in ihren Grundzügen, wenn nicht in allen Ein-
zelheiten zu reproduziren, oder man mußte
eigene, neue Wege einschlagen, für deren Be-
urteilung nun inzwischen eine genügend lange
Zeit verstrichen ist. Ein Umstand hat sie in
allen ihren Unternehmungen materiell in hohem
Grade begünstigt — die ungemein große An-
häufung von Reichtümern in einzelnen Ständen,
wodurch die Kunsthandwerker in den Stand ge-
31
loading ...