Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — 1.1885

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Der Fortschritt der dckorativen Kunst in Nordamerika.


setzt wordcn sind, ihre Jdeen in ähulich, wenn
nicht gleich prnnkvoller Weise auszuführcn wie
zur glänzendsten Zeit der Nenaissance. Wenn
es einesteils ein Borrccht und cinc Pflicht der

Fenstcr von I. La Farge.

Reichen ist, Künstlern nnd Kunslhandwerkern
günstige Gelegenheit für die BetlMigung ihres
Könnens zn gewähren, so licgt es andererseits
— bei dem Überwiegen von Handels-Jnteressen
in den Vereinigten Staaten und bei der Unsicher-

heit von Wertbestimmungen für Kunstgegenstände
— nahe, daß Personen dieser Art sich eher an
dem Nimbus genügen lassen, fremde Arbeiten zn
besitzen, die ohne Frage anerkannt sind, als daß
sie umsangreicheAnfträge amerikanischenKünstlern
anvertrauen sollten, welche sich ihre Sporen auf
diesem Felde erst noch zu verdienen haben. Da
die Kunsthandwerker gewissermaßen auf sich selbst
gestellt und auf ihre eigenen Hilfsguellen an-
gewiesen waren, so hat sich als Folge davon
zweierlei ergeben: zunächst und als wichtigster
Faktor cin den amerikanischen Arbeiten besonders
eigentümliches Cachet, das man zwar jetzt noch
nicht als „amerikanische Schule" bczeichnen kann,
woraus aber bei einer Fortdauer der gegen-
wärtigen kunstgewerblichen Nichtung wohl eine
solche hervorgehen kvnnte. Es dürfte dies zu-
nächst als der Beginn einer eigenartigen Deko-
rationstheorie anznsehen sein, welche gewisse llber-
einstimmende Grundzüge in den Entwürfen
herbeizuftthren bestimmt scheint, und zwar sowohl
in der Stilisirung der natürlichen Formen, als
in derEntwickelung bestimmterFarben-Schemata.
Als zweites der bezeichneten Ergebnisse darf man
cigenartige Berfahrungsweisen, einen grvßeren
Kreis von znr Berwcndung gelangenden Stoffen,
kurz — für Amerika bezeichncnd—technische Fort-
schritte verschiedener Art nennen; ferner das
Entstehen von Fabriken von Kunstgeweben, Er-
findungen in der Glasfabrikation und neue
Zusammensetzungen von Metallen für künst-
lerische Zwecke. Ersindungen aller Art solgten
einander, von denen natürlich manche wertlos,
andere von Bedeutung waren. Letztere setzten
kommerzielle Jnteressen in Bewegung und diese
müssen bei einer Betrachtnng der Leistnngen der
amerikanischen kunstgewerblichen Bewegung ebensv
in Betracht gezogen werden wie der künstlerische
Standpnnkt. Der Wunsch und die Notwendig-
keit, schnell Motive zu finden, sührte dazu, daß
sich die Knnsthandwerker in dcn mcisten Fällen
auf die Natur angewiesen sahen, wenn veränderte
Bedingungen sie zur Anwendung veränderter
Proportionen nvtigten, und da ein solches Zurück-
greifen auf die Natur fast innner eine ganz un-
bedingte Anlehnung an sie zur Folge hat, so
sind denigemäß in rein amerikanischen Arbeiten
die Grenzen zwischen Naturalismus und Sti-
lisirung weit wcniger streng gezogen als bei
denen anderer Länder. Dieser Hang zum Natu-
ralismus in der dekorativen Kunst kvnnte leicht
zu Übertreibungen sühren, bestände er nicht
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