Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — 1.1885

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Kunstgewerbliche Objekte der Ausstellung im Mährischen Gewerbemuseum.

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das prächtige Krystallkreuz.Nr. 30, dessm übri-
gens vortresflich modellirter Heiland wie Peli-
kan aus einer zweiten Periode stammt, die
Kasel Nr. 51, mit verkürztem Kreuz verrät
ebenso deutlich das 14. Jahrhundert, wie der
Stabrest auf Nr. 61 mit der ebenfalls fast aus-
schließlich durch Webetechnik hergestellten Stand-
figur des heil. Quirinus den kölnischen Ursprung
um die Mitte des 15. Jahrhnnderts. Derselben
Periode entstammt die Bursa a auf Nr. 62, ein
wegen der Nachbildung eines gewebten Dessins
doppelt interessantes Stickereispezimen, einer noch
etwas früheren die Bursa b. Bei beiden er-
lauben übrigens schon die Quasten eine an-
nähernde Zeitbestimmung. Das italienische Elfen-
beintriptychon Nr. 70 rührt mit der eiugelegten
Holzfassung aus der Zeit um 1400 her und das
ebenfalls italienische alte Lederfutteral aus dem
Anfange des 16. Jahrhunderts.
Auffallend ist die verschwindend geringe An-
zahl von romanischen und srühgotischeu Gegen-
ständen; desto reicher ist die spätgotische Epoche
vertreten, namentlich unter den Monstranzen,
die in ihren 16 alteu Exemplaren eine hoch-
interessante und lehrreiche Gruppe bilden. Sie
zeigen im Gegensatze zu den sonst in dieser
Periode fast ausschließlich vorherrschcnden Cylin-
dermonstranzen die heilige Hostie zwischen zwei
Gläsern, also in einer entschieden viel ange-
messeneren und würdigeren Ausstellungsweise.
Deswegen bildet regelmäßig ein rechteckiger mit
runder Öffnung versehener Behälter den Mittel-
punkt, der durchweg architektonisch so vorzüglich
ausgebildet und umgeben ist, daß einzelne für die
Nachahmung nicht angelegentlichgenug empfohleu
werden können, so Nr. 6 a, die nur den Mangel
hat, daß Fuß und Aufsatz nicht organisch genug
mit einander verbunden sind, d, welche ebenso
klar in der Dispositiou wie iu der Dekoration
und von musterhafter Einfachheit ist, zumal wenn
dcr etwas schwere Steinschmuck beschränkt wird,
vor allem aber Nr. 9. Jhr meisterhafter Auf-
bau und ihre vorzügliche Goldschmiedetechnik,
die fich ganz besonders in der originellen Aus-
bildung des Nodus uud in der Lösung der so
schwierigen Verbindungssrage von Fuß und Auf-
satz bewährt, weisen ihr unter den kirchlichen
Gefäßen dieser Zeit eine hervorragende Stelle ein.
Sie wird in ihrer architektonischen Gliederung,
namentlich in dem Bestreben, die äußerst schlank
aufsteigenden Strebepfeiler durch spielende Ver-
tikalverzierungen auszugleichen, noch übertroffen

von der herrlichen Monstranz Nr. 18, die nur
in der polychromen Zeichnung erhalten (wenn
überhaupt je ausgeführt worden) ist. Dem Schlusse
des 16. Jahrhunderts angehörig, aber in ihrer
Architektur noch durchaus gotisch erscheint sie im
ganzen wie im einzelnen als ein wahres Meister-
stück des Goldschmiedegewerkes. — Der Kelch
Nr. 21 ist ein gutes Spezimen der so reizvollen
siebenbürgischen Filigrantechnik, die Gliederung
des etwas schweren Fußes mit seinen schräg
aufliegenden Statuettchen und des Knaufes
mit seinen weit ausladenden Pasten ist vortreff-
lich. — Dem Bergkrystallkreuz find drei
Tafeln gewidmet, obwohl bei der Klarheit der
ersten mit ihrer Totalansicht eine genügt hätte.
Seine schwächere Partie ist der Fuß mit Aus-
schluß des Übergangsgliedes, welches ebenfalls
der Ursprungsperiode angehört, währeud außer
Crucifixus und Pelikan die gegossenen Embleme
der Lilienendigungen der zweiten, aber in ihrer
Art nicht minder tüchtigen Hand entstammen.
— Die Kurvatur des Abtstabes ist sehr uach-
ahmungswürdig mit Ausnahme der allzu dicht
aufgesetzten schneckenartigen Krabben. — Von
den um 1700 variirenden Meßkännchen mit
Teller behaupteu auf Nr. 40 die ersteren durch
ihre seine Gliederuug, auf Nr. 43 letzterer durch
seine reizende Einteilung und Ornamentirung
den Vorrang.
Unter den Paramenten zeichuen sich die
auf 58, 59, 60 dargestellten Kaseln resp. Stäbe
aus, die (mit Ausnahme des einen der letzteren)
der zweiten Renaissance angehören. Die ans auf-
gehefteten Goldfäden bestehende Techuik ist bei
guter Zeichnung und korrekter Linienführung von
entzückender Wirkung, daher bei ihrer Einfach-
heit um so mehr zu empfehlen. Um so schwie-
riger ist die Kordonnettstickerei, die durch eiu
prächtiges, fast überladenes Muster vertreten ist.
Die Applikationsstickerei von s. verdient wegen
ihrer leichteren Ausfllhrbarkeit den Vorzug vor
der übrigens auch sehr ansprechenden Gold-
stickerei d. — Unter den Holzfiguren sind
einige gute Exemplare, so die beiden vortrefflich
bewegten und charakterisirten, wenn auch etwas
derb gehaltenen Diakonen, sowie die von St.
Johannes und Magdalena gehaltcne Gvttes-
mutter. — Unter denMiniaturen ist das 14.und
15. Jahrhundert am beften vertreten.
Aus dem Vorstehenden ergiebt sich, dnß
unser Brünner Ausstellungswerk eine wahre
Fundgrube von Vorbildern ist für spätgotische
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