Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — 2.1886

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Kunstgewerbliches aus MUnchen.

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lebte, ja man erinnert sich vielleicht sogar an
einen Namen, der allerdings nicht auf der Liste
der Faiseurs und Spektakelmacher stand und
dennoch für das Kunstgewerbe von mehr Nichen
gewesen ist als tausend gescheite Reden, man
denkt vielleicht noch an einen Gottfried Semper
und an seine kleinen Schriften, die, ganz ab-
gesehen von seinem „Stil", ja mit zum Besten
gehören, was in dieser Hinsicht knnstlerisch so-
wohl als wissenschaftlich geleistet worden ist nnd
die als dnrchans epochemachend bezeichnet wer-
den mnssen. Gar innnche unserer heutigen Publi-
kationen, gar manche Monographie ist aus einem
leicht hingeworfenen Worte Sempers entstan-
den. Es mag aus dem Angeführten demnach
einigermaßen ersichtlich sein, daß für das
Münchener Kunstgewerbe der Boden vorbereitet,
der Weg geebnet war, und daß man es in ihm
durchaus mit der Geburt eines ziemlich erwach-
senen Wunderkindes zu thun hat, das sich in
fabelhaft kurzer Zeit zu völliger Reife ent-
wickelte. Dabei muß nun andererseits wieder
zugegeben werden, daß das Publikum der Kunst-
metropole München sich nm derartige Bestre-
bungen verdammt wenig kümmerte, daß sie
Vielmehr vorerst auf einen kleinen Kreis be-
schrcinkt blieben, der sich fast ausschließlich aus
Künstlern zusammensetzte; allgemein wurde die
Sache erst, als sie „Mode" wurde, und damit
wurde sie auch alsbald flacher. Daß nun hier-
bei alte Vorbilder die breite Basis bildcten,
anf der gebaut wurde, aus dem einfachen
Grunde, weil sie schön sind und jedes kiinst-
lerisch angelegte Gemüt erfrenen müssen, branche
ich ja des weiteren nicht auszuführen. Pallas
Athene entstieg dem Haupte des Zeus, Aphro-
dite dem Schaume der Meerwellen — bei uns
mnßte also anch ein Fond, ein zeugungsfähiger
Grund und Boden da sein, auf dem sich ein
lebensvolles Gebilde regelrecht entwickeln konnte.
Vergessen wir dabei nicht, daß schon lange vor
1876 in allen Malerateliers Altertümer zu
finden waren, an deren farben- und formen-
reiche Gestaltnng sich das künstlerische Ange
bereits als an etwas gna.8i Unentbehrliches
gewöhnt hatte, so finden wir vielleicht hierin
einen nicht ganz unerheblichen Umstand, der es
wesentlich erleichterte, daß sich, durch einen Jm-
puls angefeuert, nun auf einmal eine Menge
nener Formenideen Bahn brach, die zuvor nicht
Gemeingut waren, es nun aber in kürzester
Zeit wurden. Ja, es ist wahr, von Begeiste-

rnng waren diejenigen getragen, die nnn plötzlich
den Baum lustig ausschlagen, treiben, blühen
sahen, nnd ihnen war es Ernst mit der Sache,
sie spekulirten nicht damit, wie es nachmals
geschehen ist. Aber daß die ganze Richtung
eine „nationale" genannt werden kann, d. h.
eine solche, die mit dem innersten Wesen des
in derselben Zeit lebenden Volkes verwachsen,
in jeder Äußerung ein kongruentes Produkt
zum Sinne der Zeit, ist, — das erlaube ich niir
zu bezweifelu, denn aus der förmlich stillosen
Epoche, wie sie zwei Dezennien zuvor noch in
fabelhaster Weise sich breit machte, wächst ein
selbständiger künstlerischer Organismus, wenn
er ein Resnltat des Volkes und der Zeit ist,
nicht plötzlich in jenem Rieseumaßstabe anf, wie
wir es mit der „dentschen Renaissance" er-
lebten. — Es ist ja wahr, unsere Zeit marschirt
schnell in vielen Diugen — aber dennoch giebt
es Dinge, die heute zu ihrer Reife ebenso
lange branchen, als es vor hnnderten oder
tansenden von Jahren der Fall war, und dies
ist mir Beweis genug, daß unsere Renaissance
eben eine „Mode", aber nicht „ein aus der Zeit
herausgewachsener Stil" ist (in einigen Jahren
wird man vielleicht sagen können „war"). Und
warnm?

Weil sie, abgesehen von vielem Gutcn, was
sie zuwege brachte und noch bringt, sich in vielen
Punkten mit einer Zudringlichkeit an allen Ecken
und Enden breit macht und zwar mit der puren
Kopie vergangener Zeiten, daß unbedingt eine
Übersättigung eintreten muß und damit auch
alsbald das Bedürfnis gegeben sein wird, in
andere Bahnen einzulenken, andere Formen zu
adoptiren, deren Descendenz dann nicht schlecht-
weg mit dem Schlagwort „unserer Väter Werke"
bezeichnet werden kann.

Unsere Kunstpäpste allerdings in ihrer Jn-
fallibilität, mit der sie jederzeit das Richtige
oder anch dessen Gegenteil anwendeten, mit der
sie anch stets dekretiren: das ist gut, was ich
anerkenne, und sonst nichts, sie werden der Sache
schon die richtige Wendung zn geben wisseu nnd
schließlich achselzuckend, wie der Arzt am Sterbe-
bett seines Patienten, dem er doch die besten
Medizinen verschrieb, dastehen, wenn die Sache
anfängt aus den Fugen zu geheu. Und dahin
dürfen wir es um keinen Preis kommen lassen.
Daß in unseren Kunsthandwerkern das Zeug
steckt, etwas Treffliches zu leisten, das haben sie
nicht ein- und nicht zehnmal bewiesen, sondern
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