Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 6.1895

Seite: 123
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DAS HAUS DES DEUTSCHEN REICHSTAGES.

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schössen des Hauses, die als Nebengeschosse bezeichnet
werden!

Hat im Hauptgeschoss das Bestreben vorgewaltet,
die hervorragende Bestimmung des Hauses mit einem
reichen Aufwände von Mitteln künstlerisch zu kenn-
zeichnen und die für die Sitzung unmittelbar in Betracht
kommenden Bäume in ihrer Ausstattung weit über das
Gewöhnliche emporzuheben, so musste in jenen des Erd-,
Zwischen- und Obergeschosses das Ziel verfolgt werden,
einfache]- zu gestalten, aber trotz dieser Einfachheit der
gesamten Ausstattung das künstlerische Gepräge durch
scharfe Beachtung des Zweckes, des Materials und der
Technik zu sichern und ihr den Stempel der Zugehörig-
keit zu den monumentalen Bäumen des Hauptgeschosses
aufzuprägen.

In dem Regierungsbaumeister Paul "Wittig fand
Wallot die geeignete Kraft für die Lösung dieser un-
gemein schwierigen Aufgabe. Unter des Meisters künst-
lerischer Oberleitung hat Wittig mit feinem Verständ-
nis und in scharfer Beachtung der praktischen Anforde-
rungen bei knappem Aufwände von Mitteln Ausgezeich-
netes geleistet.

Gerade in den Räumen der Nebengeschosse findet
sich denn auch in kunstgewerblicher Beziehung eine Fülle
des Belehrenden und Neuen, das um so schätzenswerter
ist, als es sich den Anforderungen des bürgerlichen Be-
darfs nähert. Die im Erdgeschoss gelegenen drei Be-
ratungssäle für Abendsitzungen, die Bäume für die Steno-
graphen und die Botenmeisterei, für die Druckerei und
die Küche, die Warteräume für das Publikum, die Klei-
derablagen und die Wohnungen für die Hausbeamten,
die im Zwischengeschoss gelegenen Registratur- und
Kanzleiräume, die Bäume für die Presse, die vier Um-
kleide- und die beiden Sprechzimmer für Reichstagsboten
und die drei Bundesratsausschuss - Sitzungssäle, die
im Obergeschoss befindlichen Beratungszimmer größeren
und kleineren Umfanges für Abteilungen, Kommissionen
und Fraktionen, die Bibliothekzimmer und der gewaltige,
an der Nordfront sich hinziehende, für 300,000 Bände
berechnete Bücherspeicher: sie alle und die zahlreichen
Corridore legen in ihrer Ausstattung für jenes folge-
richtige und von feinem Künstlergeiste beseelte Schaffen
beredtes Zeugnis ab. In besonderer Weise soll denn
auch dem Interessanten, das diese Nebengeschosse bergen,
demnächst im ..Kunstgewerbeblatt" Rechnung getragen
werden. Einstweilen müssen diese allgemeinen Andeu-
tungen genügen.

Manche treffliche plastische Schöpfung, manche
meisterlich geschmiedete Eisenarbeit, mancher originell
erfundene Beleuchtungskörper findet sich auch in den
■Treppenhäusern, und selbt in jenen, die abseits des
Hauptverkehrs liegen und das Gepräge der Nebentreppen
tragen. Wallot liebt Überraschungen und gerade dort,
Wo sich kaum ein Schmuck vermuten lässt, hat er ihn
hingesetzt — meist ein schönes Meißelwerk, das in die

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