Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 6.1895

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PRACHTGERÄTE IN GOLD UND SILBER.

geben, zu nennen. Es war vor allem die Aufgabe
des Künstlers, eine Form zu finden, die, ohne schwer-
fällig zu sein, dennoch beim Beschauer das Gefühl
des Gediegenen, des Sicheren hervorruft. Wir finden
daher bei den vorliegenden Arbeiten zunächst den
Fuß des Gerätes im Verbältnisse zum Ganzen stärker
ausgebildet. Aus diesem muss sich voll und ab-
gerundet der Aufbau entwickeln, den ornamentale
Einzelheiten nicht störend unterbrechen dürfen. —
Ein geringer Unterschied im Aufbau zeigt sich
zwischen den Kelchen und Reliquienbehältern im
Mittelstück, das bei diesen letzteren nicht besonders
betont ist, da dieselben ja nicht dazu bestimmt sind,
häufiger benutzt und herumgetragen zu werden.
Anders ist dies bei den Altarkelcben. Bei den
besten Beispielen dieser Art sehen wir deshalb in
der Regel zwischen Fuß und Kelch ein kräftiges
Mittelstück ausgebildet, welches der Hand beim Ge-
brauch einen sicheren Halt giebt. Ein vorzügliches
Beispiel liegt in dem Kelche vor, welcher dem Kir-
chenschatze des Domes Colle di Val d'Elsa (Tos-
cana) entstammt S. 135. Es ist eine Arbeit aus
dem 15. Jahrhundert in vergoldetem Kupfer aus-
geführt. Der Kelch selbst ist einfach, fast ganz
schlicht, nur oben mit einem schmalen Goldrand
und am unteren Teile mit einem einfachen, aber
kräftigen Ornamente versehen. In sechs Feldern
desselben finden sich figürliche Emaillen, Engels-
köpfe von Flügeln umgeben angebracht. Kräftig
profilirt und mit reicher Ornamentik versehen sind
das Mittelstück und der Fuß. An beiden Teilen
finden sich von den Ornamenten umrahmte Email-
len, Brustbilder von Heiligen und Wappen ange-
bracht. Zwei weitere Beispiele derartiger Kelche
liegen in den Abb S. 136 u. 140 vor, welche dem
Kirchenschatze von St. Peter am Platz in Wien an-
gehören. Es sind Arbeiten des 17. Jahrhunderts, die
vielleicht von einem italienischen Künstler, jedenfalls
aber unter dem Einflüsse italienischer Kunsterzeug-
nisse geschaffen wurden. Bei beiden Stücken be-
mühte sich der Künstler, die reichste ornamentale
Ausbildung des Kelches in Gold mit dem Schmucke
an Edelsteinen zu verbinden, welche Darstellungen,
in Email ausgeführt, einrahmen. In der Abb. auf
S. 140 dürfte einer der reichsten und zugleich
edelsten Kelche im Barockstil vorliegen.

Bei den Reliquienbehältern fehlt dagegen, wie
bereits erwähnt wurde, das kräftigere entwickelte
Mittelstück, oder es ist nur wenig ausgebildet. Als
Beispiel kann ein Keliquienbehälter aus dem Bapti-
sterium in Florenz S. 140 "elten. Er ist in Silber

gearbeitet und dürfte dem 13. Jahrhundert ent-
stammen. Den Urheber kennen wir nicht. Aus
breiter sechsseitiger Basis entwickelt sich, wie zu
einem festen Korn zusammengezogen, das schlanke
Mittelstück, das sich oben kelchartig erweitert und
als Stütze für den baldachinartigen Aufsatz dient,
unter dem in einem Krystallgefäß die Reliquie auf-
bewahrt wird. Das Ganze ist in der Ornamentik
ungemein fein und reich gehalten; es wird belebt

Kanne in Silber vergoldet.
Schule iles Celliui, Florenz, Palazzo Pitti.
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