Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 9.1898

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KUNST UND KUNSTGEWERBE

Deckchen, das die Formen der „Melle» in kleinen
Fischgrätenstichen mit Anklängen an finnische „Krähen-
spuren" wiedergab. Die beiden Künstlerinnen fussen
auf Obristschen Anregungen; sie verirren sich, gleich
ihrem Meister, in das Gebiet der Weberei, ohne es an
geistreicher Erfindung annähernd mit ihm aufnehmen
zu können. Es hat einmal jemand die Obristschen
Stickereien eine Eselsbrücke für die modernen Stickerei-
geschäfte nach dem Kunstgewerbe hinüber genannt.
Natürlich thut das ihrem intensiven Kunstwert keinen
Abbruch. Das Schlimme ist nur, dass die Menschen

durch Eselsbrücken nicht gebessert werden. Unsere
Webekunst wird Hermann Obrist Tausende von An-
regungen zu danken haben. Dem Dilettantismus in
der Kunststickerei und der Misere der Tapisserie-
geschäfte hat er nur einen Vorwand gegeben, recht
behaglich im alten Schlendrian weiter zu wursteln.
Die Arbeiten der Damen Du Bois Reymond aber
bieten eine zuverlässige Garantie dafür, dass es ihnen
möglich sein wird, zu echten Künstlerinnen in der
Stickerei auszureifen. L. HAGEN.

Holzschnitzere_ von einer Thür, .ausgeführt von Bildhauer Rieoelmann, Berlin.

KUNST UND KUNSTGEWERBE

M

AN mag über Cornelius denken wie man
will, das Kunstgewerbe hat er, seine Schule
und seine Richtung aufs tiefste geschädigt.
Bis auf seine Zeit wurde vom Künstler eine gewisse
Universalität des Schaffens erwartet und geleistet. Er
aber, der von der stolzen Höhe der Historienmalerei
mit Verachtung auf die übrigen Künste als Afterkunst
herabsah, der die farbige Ausführung seiner Werke
als etwas Nebensächliches seinen Schülern überliess,
hat am meisten den Grund gelegt zu jener unseligen
Trennung, und ein Jahrhundert genügt nicht, um Kunst
und Kunstgewerbe aus ihrer Scheidung zu erlösen
und ihre Ehe wieder zu begründen, aus dem irrtüm-
lich Getrennten ein Einziges und Unteilbares zu machen,
das sich gegenseitig so durchdringt, wie einst in Hellas
und Japan.

Es war der praktischen, angewandten Kunst eine,
noch heute blutende Wunde geschlagen. Der Sinn
für künstlerischen Schmuck im Hause, das Bewusst-
sein, dass auch das unscheinbarste Gerät eine künst-
lerische Schöpfung darstellen könne, waren im Volke
erloschen, und die Versuche von Schinkel und Beuth
konnten nichts mehr retten. Man war ja_überzeugt

worden, dass nur der „Künstler" sei, der philosophische
Gedanken in blassen Konturen zeichnete.

Das Bedürfnis nach Farbe, nach Licht und Schatten,
nach kräftigen Profilen und reicherem Schmucke er-
wachte freilich wieder. Die Kunst der Renaissance in
allen ihren Varianten wurde neu entdeckt, und selbst
die papierene Gotik der Romantiker gewann die ver-
lorene Fülle und Kraft, alle historischen Stile wurden
neu belebt.

Damit erstand auch aufs neue, was frühere Zeiten
für den Schmuck des Hauses geschaffen.

Hatte man aber gehofft, dass aus dieser Bewegung
eine neue moderne Kunst, eine Kunst des ig. Jahr-
hunderts erwachse, so wurde diese Hoffnung getäuscht.
Überall hemmte das historische Bewusstsein den freien
Flug der Phantasie, Kunstgewerbemuseen und Vor-
bildersammlungen aller Art sorgten dafür, dass jeder
eigene Gedanke durch die erdrückende Last archäo-
logischer Kenntnisse vernichtet wurde. Der Eifer,
Altes zu sammeln, den Wohnraum möglichst zu einem
Museum umzugestalten, ergriff die weitesten Kreise.
Die Wenigsten verstanden mit Geschmack dabei aus-
zuwählen. Die Patina einiger Jahrhunderte, zuweilen
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