Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 17.1905-1906

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MEISTERWERKE DER KUNST AUS SACHSEN UND THÜRINGEN

VON den re-
trospektiven
Kunstausstel-
lungen der letzten
Jahre ist diejenige,
welche 1903 in
Erfurt veranstaltet
worden ist, eine
der lehrreichsten
gewesen. Sie ver-
einigte zum ersten-
mal in größerem
Umfange Kunst-
werke des ober-
sächsischen Kreises
nachderEinleilung
des alten Deut-
schen Reiches.
Auch einige Grenz-
gebiete waren be-
rücksichtigt wor-
den — im großen
ganzen gerade also
eines der minder er-
forschten Gebiete
deutscher Kunst-
geschichte. Aber
um die Produktion
dieses Gebietes ge-
bührend ins Licht
zu rücken, hatten
die Veranstalter der
Ausstellung sich
nicht pedantisch
an die Kunst der
engeren Heimat
gehalten, sie hatten auch über die topographischen
Grenzen und über die des ursprünglichen Programtnes
hinausgegriffen und schließlich noch manches ferner-
stehende in den Kreis ihrer Ausstellung gezogen.
Dank den eifrigen Bemühungen der Denkmalskonser-
vatoren Doering und Voß war auf diese Weise eine
Ausstellung von mehr als bloß lokalem Interesse zu-
stande gekommen, die es durchaus verdient hat, in
einer ungewöhnlich opulenten und dabei doch
erschwinglichen Publikation in Großfolio behandelt
zu werden. Dieses Werk ist unlängst unter dem
Titel »Meisterwerke der Kunst aus Sachsen und
Thüringen«, herausgegeben von Oskar Doering und
Georg Voß, im Verlag von E. Baensch in Magdeburg
erschienen. Auf 123 großen Lichtdrucktafeln werden
die wichtigsten Gegenstände der Ausstellung reprodu-
ziert; ein umfänglicher illustrierter Text bringt in
einzelnen Abteilungen eine Würdigungder verschiedenen
Ausstellungsgruppen.

Eine der interessantesten dieser Gruppen ist die
der Tafelmalerei des 15. und 16. Jahrhunderts, und

MADONNENSTATUE ANFANG 15. JAHRH.
IM DOM ZU ERFURT

es ist ein Glück für den kunstwissenschaftlichen Wert
dieser Publikation, daß die Bearbeitung dieser Ab-
teilung in die Hände Max Friedländers gelegt worden
ist. In knappen Zügen zeichnet er die Entwicklung
der Malerei in den obersächsischen Landen, die erst
seit dem Jahre 1504 durch Lukas Cranach in Witten-
berg einen Brennpunkt fand. Mit kritischer Feinfühlig-
keit bespricht er die zahlreichen Werke Cranachs und
seiner Schule, die der Erfurter Ausstellung, trotz des
Vorganges der Dresdener Cranachausstellung, eine
besondere Bedeutung liehen und entrollt dabei in
kühler Wägung ein charakteristisches Bild von dem
künstlerischen Werdegang und der Qualität dieses in
vielem Betracht recht problematischen Künstlers. Die
weniger deutlich als cranachisch faßbaren Werke, die
vor der 1504 datierten Fiedlerschen Flucht nach
Ägypten im Berliner Museum liegen: einige Holz-
schnitte, die Schleißheimer Kreuzigungsgruppe und
die Bildnisse des Dr. Stephan Reuß in Nürnberg und
— augenscheinlich seiner Gattin aus Schloß Heidecks-
burg, werden zur Darlegung der ersten vielver-
sprechenden Weise des Künstlers verwertet. In diesen
Werken ist eine »waldwürzige Frische«, ist Phantasie,
originelle Empfindung und eine entschieden persön-
liche Handschrift der Zeichnung. Friedländer zeigt
dann, wie im Fürstendienste diese in ihrer Herbheit
anmutende Kunst mehr und mehr erlahmt, er erinnert
daran, wie sich der Künstler durch das italienische
Kompositionsschema, z. B. auf dem großen Wörlitzer
Flügelaltar mit den Bildnissen Friedrichs des Weisen
und Johanns des Beständigen, ungünstig beeinflussen
ließ und wie schließlich aus ihm ein leerer Manierist
mit großem Werkstattbetrieb wurde. Die alte Pseudo-
Grünewaldfrage — die eigentlich doch keine Frage
mehr ist — wird kurz berührt, und es folgen Be-
merkungen über einige Monogrammisten und Werke
der aus Schneeberg in Sachsen stammenden Maler-
familie Krodel.

Die Bearbeitung der Stickereien und Gewebe, die
auf der Erfurter Ausstellung mit einigen sehr bemerkens-
werten Seltenheiten vertreten waren, hat Max Creutz
übernommen. Er bespricht ausführlich die Elisabeth-
kasel, die mit Szenen aus der Tristansage geschmückte
Leinendecke des Erfurter Doms und den Magdalenen-
teppich aus dem Ursulinerkloster zu Erfurt. Hermann
Luer handelt kurz und mit sachlicher Nüchternheit
über die Werke der Gießerei und Edelschmiedekunst,
unter denen einige ganz hervorragende Werke sich
befinden. Über Arbeiten wie den romanischen Bronze-
hängeleuchter und den großen Leuchterträger aus dem
Dom wäre wohl noch einiges mehr zu sagen ge-
wesen, als hier geschehen ist. Wertvolle Auskunft
über Friedrich den Weisen als Förderer der Medaillen-
kunst gibt ein Aufsatz von B. Pick, doch scheint uns
der Versuch, unsere Kenntnisse von den Werken
des berühmten aber noch unzureichend gekannten
Leipziger Groschengießers Hans Reinhart, um eine

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