Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 19.1908

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KUNSTGEWERBLICHE ZEIT- UND STREITFRAGEN

Von Karl Gross

DIE MODERNE BEWEGUNG UND DIE BREITEN MASSEN

Die breiten Massen mit solidem Geschmack zu
durchtränken ist zurzeit ebenso unmöglich, wie
Öl in Wasser zu rühren. Man muß die obere
Ölschicht so verstärken, daß sie eine dichte Decke
auf der wässerigen Masse bildet und dieser ihre eigene
Bewegungsfähigkeit allmählich nimmt, das heißt es muß
eine breitere Schicht Deutscher erstehen, welche nicht
nur wässerig zivilisiert ist, sondern auch Gesinnungs-
adel und Gemütstiefe besitzt.

Nur auf diese Weise kann das neue Kunstgewerbe
heranwachsen; es braucht Gesinnungstüchtigkeit zu
seiner Entwickelung; der Keim hierzu ist schon ge-
steckt und sprießt lebenskräftig. Zu welcher end-
gültigen Gestalt er sich schließlich auswachsen wird,
ist noch nicht zu sagen. Vorerst haben wir es mit
einem noch ziemlich einfachen aber gesund ent-
wickelten Trieb zu tun, der bereits da und dort An-
sätze zu reicherer Entfaltung zeigt. Wenn nicht
neben ihm so viele Wassertriebe wucherten, könnte
er bereits kräftiger sein.

Aber nur vor allem die Pflanze natürlich weiter-
wachsen lassen und nicht ins Treibhaus geschäftlicher
Habgier damit!

Diese Habgier macht sich den Moloch Publikum
zu Diensten; der hat einen dicken Bauch und ein
breites Maul und möchte im Frühjahr bereits Herbst-
früchte zum Fraß, weil er für das Sprießen und
Sprossen des Frühlings, für die bescheidene Schön-
heit und Kraft des Werdenden keinen Sinn hat.
Darum gehört Gesinnungsfüchtigkeit dazu, um das
Werdende geschäftlich zu pflegen und zu fördern;
doppelte Gesinnungstüchtigkeit, weil hierbei Geschäfts-
mann und Erzieher vereint sein müssen.

Es gibt in Deutschland eine Anzahl Unternehmen,
welche auf diesem Prinzip gegründet sind und be-
reits ihr Publikum finden und vermehren; es gibt
auch ältere Geschäfte, welche das Werdende gesinnungs-
tüchtig und weitblickend zu fördern suchen, soweit
es ihre finanzielle Grundlage erlaubt. Die Mehrzahl
dient jedoch unentwegt dem Moloch, darunter auch
Kunsthandlungen und Warenhäuser, die sich erst
des jungen Kunstgewerbes annahmen. Von diesen
wird am Ende der moderne Trieb doch nur zu ego-
istischen geschäftlichen Zwecken ausgenützt, von Er-
ziehungsarbeit ist dabei nicht viel zu reden. Bald

merken diese Unternehmer, daß sich die Sache nicht
recht lohnt; es soll alles so solid sein, dadurch wird
es teuer, trotz der Einfacheit. Das kauft der Moloch
nicht, darum wird er eben wieder mit etwas anderem
zu füttern versucht, was ihm den Gaumen kitzelt und
das Geld aus der Tasche lockt.

Man richtet daher den Moloch jetzt wieder in
alten Stilen ein, aber nicht so wie in den letzten
Jahrzehnten, wo man wenigstens den Ehrgeiz hatte,
das Äußere alter Stile für Neuaufgaben umzuwandeln,
nein, man kopiert alte Möbel, das ist sicherer in be-
zug auf Geschmack und man spart dabei auch noch
die teuren Entwürfe. Dem Adel und dem reich
Gewordenen ebenso, wie dem nach oben schielenden
Bürgersinn gefällt das fabrikmäßig nachgemachte
Alte, denn es sieht doch nach etwas aus und man
fühlt sich selbstgefällig einer anerkannten Kultur teil-
haftig — die andere geschaffen haben.

Nicht die schöpferischen Regungen und Arbeiten
zu einer Kultur, die wir aus eigenem Verdienst, mit
eigenem Herzblut schaffen wollen, werden geschätzt,
sondern man fühlt sich erhaben durch verdienstvolle
Arbeit der Vorfahren, die man sich in gewissen
Kunsthandlungen oder ähnlichen Warenhäusern für
sein Geld in Nachbildungen kauft.

Nicht die jungen Triebe voll Lebenssaft werden
in ihrem Wachstum gepflegt und gefördert, man
schmückt sich lieber mit nachgemachten Blumen.

Nicht die schöpferischen Kräfte der Nation werden
verständnisvoll unterstützt, sondern die Habgier jener
Fabrikanten und Händler, welche den geistigen Fort-
schritt einer Nation für ein Linsengericht verkaufen,
wenn es ihnen paßt. Das mögen sich jene merken,
welche die äußerlichen Merkmale vergangener Stile
in unsere Zeit immer wieder hereinzerren wollen.

Die Seele dieser Stile hat von diesen Herrschaften
wohl noch keiner gefühlt, denn sonst müßte er er-
fahren haben, daß es dieselbe Seele ist, die auch heute
noch die schöpferischen Talente drängt, das Leben
schön zu gestalten für ihre Zeit. Das Verständnis
für geistige Umwälzungen war allerdings zu allen
Zeiten zunächst nur bei wenigen, diese haben sich
aber stets bald vermehrt und die träge Masse unter-
jocht — die Öldecke über dem Wasser.
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