Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 21.1910

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FRITZ ERLERS THEATERDEKORATIONEN



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Figuren: Alt-Berlin; Teller mit Aufglasurmalerei: Königliche Porzellan-Manufaktur in Berlin

Zeichnern ja auch nicht schwer zu erklären, besonders in
einer solchen Zeit der stilistischen Gärung und der mo-
dischen Brandung muß es menschliches Strandgut geben,
aber diese Erklärung ist für die Betroffenen kein Trost!
Von den 617 Zeichnern, die in die Enquete von 1907
einbegriffen sind, waren nur 15, das sind 2,60 Prozent,
über 40 Jahre alt. Wenn man dagegen bemerkt, wie stark
die anderen Altersklassen vertreten sind, so muß die
Schlußfolgerung sein, daß auch im Zeichnerberuf wie im
Beruf des Bildhauers die Berufsflucht zu dieser Verminde-
rung der über 40 Jahre alten Zeichner führt. Und die
Berufsflucht? Welche Gründe hat diese? Wechselt jemand
in diesem Alter ohne zwingenden Anlaß seinen Beruf? Man
kann auch nicht annehmen, daß sich diese Berufsflucht in
ausreichendem Maße erklären lasse damit, daß etwa die
Zeichner in diesen Jahren sich selbständig machen. Die Selb-
ständigen sind ja in dieser Enquete nicht mit ergriffen
worden, aber das steht wohl aus allgemeinen Erfahrungs-
sätzen fest, daß die Gründung einer selbständigen Existenz

in Lebensaltern geschieht, die unter der 40. Jahrgrenze liegen.
□ Es läge noch nahe, auch auf die Verschiedenheit der
Durchschnittslöhne in den einzelnen Branchen einzugehen,
die ganz bedeutend differieren. Aber gerade diese Auf-
stellung würde kein genaues Bild ergeben können, weil
hier die Branchegruppen sich vielfältig spezialisieren und
weil hier durch einzelne Abweichungen auch der Durch-
schnitt sehr willkürliche Schwankungen zeigt. □
o Aber das eine geht aus den anderen Lohnstatistiken
deutlich genug hervor: auch der Zeichner ist kunstgewerb-
licher Arbeiter. 64,22 Prozent von 617 Zeichnern verdienen
unter 2000 Mark im Jahre. Das ist ein Einkommen, das
für eine anständige bürgerliche Lebenshaltung, wie sie
jedes erwerbstätigen Menschen, nicht nur einer Vertrauens-
stellung und der Privatbeamtenqualität würdig wäre, nicht
ausreicht. Es besteht im Wesen tatsächlich kein anderer
Unterschied zwischen Zeichnern und Arbeitern, als daß
die ersten sich scheuen, das zu sein, was die zweiten un-
genierterweise sind: Lohnarbeiter im Kunstgewerbe. d

HUGO HlLLIü.

MEINE ENTWÜRFE ZU FAUST UND HAMLET
IM MÜNCHENER KÜNSTLERTHEATER

Von Fritz Erler

GELEGENTLICH einer Ausstellung der Bühnen-
Entwürfe von Prof. Fritz Erler in Brakls moder-
ner Kunsthandlung in München hat sich der Künst-
ler im betreffenden Ausstellungskatalog über seine
Ziele ausgesprochen. Allen, die den unvergeßlichen Ein-
druck z. B. einer >Faust<-Aufführung im Künstlertheater

Kunstgewerbeblatt. N. F. XXI. H. 5

der »Ausstellung München 1908 erlebt haben, und vielen,
die in Erler einen unserer begabtesten dekorativen Maler
sehen, wird es willkommen sein, jene Worte des Künstlers
über seine Kunst zu lesen. Wir drucken deshalb mit
freundlicher Erlaubnis von Prof. Erler und Kammersänger
Jos. BrakI die programmatischen Äußerungen Erlers hier ab.

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