Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 21.1910

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FRITZ ERLERS THEATERDEKORATIONEN







»Wenn ich die Ausstellung einer Anzahl Entwürfe zu
den Aufführungen des »Faust« und »Hamlet« im Münchener
Künstlertheater mit einigen Worten begleite, so geschieht
dies nicht, um mich mit den literarischen Widersachern
der beiden Inszenierungen und der Bühne auseinander-
zusetzen. Denn in Dingen der Theaterreform kommt es, wie
die Erfahrungen seit vielen Jahren lehren, weniger auf
Worte, als auf praktische Arbeit an. Wer etwas Besseres
weiß und kann, der nehme Bleistift und Reißschiene, Pinsel
und Farbe zur Hand und mache Vorschläge, konstruiere
die Bühne, wie er sie meint, überwache selbst die Aus-
führung seiner Pläne, seiner Skizzen, wohne persönlich
den Proben bei. Niemand wird es freudiger als ich be-
grüßen, wenn auf diese Weise sich neue und bessere
Lösungen des Problems ergeben, je nach Art und Aufgabe
des Stoffes und des Künstlers. Werden daher im folgenden
einige Äußerungen herangezogen, so geschieht es, um zu
zeigen, daß es sich nicht um willkürliche phantastische
Experimente, dürren Puritanismus oder gar um Schaffung
seltsamer Bilder, sondern um wohlerwogene Vorschläge,
um die Anwendung künstlerischer Logik auf die spezielle
Aufgabe, ein Bühnenwerk zur möglichst befriedigenden
sinnlichen Erscheinung zu bringen, handelt, hier also darum,
den .Faust« auch für die Augen erstehen zu lassen. Ich
spreche daher stets von der Szene und der Erscheinung
der Darsteller. Daß ich aber überhaupt das Wort nehme,
geschieht hauptsächlich deswegen, weil ich weiß, daß nur
ein kleiner Teil der beabsichtigten szenischen Wirkungen rein
und voll herauskam, nicht aus Mangel an Sorgfalt und
Liebe der Beteiligten, sondern weil weder genügend Zeit
noch Mittel zu Proben zur Verfügung standen, weder im
ersten Spieljahr unter der Regie des Kgl. Hoftheaters, noch
sehr viel weniger im zweiten Spieljahr unter Reinhardts
Regie. Es bedürfte, um diese Absichten ganz zu verwirk-
lichen, langer sorgfältiger szenischer Vorarbeiten, etwa in
dem Sinne, wie in Bayreuth das musikalische Moment vor
den »Festspielen« gepflegt wird, ein Ziel, das nicht so uner-
reichbar erscheint, da es nur von materiellen Mitteln abhängt,
n Vorausgeschickt seien ein paar Bemerkungen zur Vor-
geschichte der Bühne an der Bavaria. □
a Als im Frühjahr 1907 die Leitung des von Prof. Litt-
mann erbauten Schillertheaters in Berlin bei mir anfragte,
ob ich bereit sei, die Inszenierung von Ibsens Kaiser und
Galiläer zu entwerfen, gedachte ich die Gelegenheit zu
benutzen, um dabei Erwägungen in die Erscheinung treten
zu lassen, die sich mir seit Jahren, unabhängig von lite-
rarischen Beeinflussungen, aufgedrängt hatten. Ich mußte
in Bayreuth sehen — und wie viele haben es mit mir ge-
sehen - daß, gerade je größer und komplizierter die
Mittel waren, die angewandt wurden, desto weniger ein
Weg, eine Brücke zur Anschauung der zeitgenössischen
bildenden Kunst hinüberführte. Ich spreche hier nur von
Bühnenwerken großen Stils und nur von dem, was ein ge-
bildetes Auge für sie verlangen muß. Schon die rein prakti-
sche Erwägung, wie man den »Faust« trotz seiner vielen Ver-
wandlungen in eiwa vier Stunden aufführen und doch dabei
mehr vom Urtext als üblich sprechen lassen könnte, hätte
längst zur Abkehr von dem Geübten führen müssen. Daß
gar jemals (wie in der Antike und in Japan), die bildende
Kunst von der Bühne herab befruchtet worden wäre, klingt
wie ein Traum. Einstweilen — ich nehme ausdrücklich
die vorbildlichen, mit vielen Mühen und Opfern verbundenen
Arbeiten der letzten Jahre an einigen Bühnen in Deutsch-
land und Österreich aus — übt das Theater nur allzu oft,
das muß gesagt werden, einen geradezu verderblichen Ein-
fluß, was malerische und plastische Anschauung betrifft,
auf die naive Masse der Zuschauer aus. Das ist kein selbst-
verständlicher und kann kein bleibender Zustand sein. Und

dies Verderbnis können auch Leute, welche einer ange-
strebten Besserung widerstreben oder ihr kühl gegenüber-
stehen, angeblich weil das Vorhandene genüge oder, weil
es mehr auf eine Reform der Schauspielkunst als der Szene
ankomme, niemals leidenschaftlich empfunden haben. Ihren
barbarischen Augen erscheint das auf der Bühne Geschaute
selbstverständlich oder doch leidlich; ja sogar Erscheinungen
wie die Gretchens, Mephistos sollen für jedermann und
für immer Tabu sein, nur weil sie so ihr Gretchen, ihren
Mephisto als junge Studenten auf der Bühne sahen zu
einer Zeit, wo unser »Altdeutsch« der Tapezierer machte.
Heiliger Erwin von Steinbach, bitte für uns! Und be-
trachtet man die Schmarotzerkunst, die sich um die Bühnen-
werke unserer großen Dichter angesetzt und die sich in
den Kunsthändlerauslagen der Hauptstädte und der Provinz
breit macht, — hier die Nibelungen in Trikots und auf
Damenstiefeletten neben Dürers Aposteln oder dem »Reiter
von Bamberg«, dort Gretchen im »altdeutschen« Butzen-
erker der Frau Kommerzienrat neben den törichten Jung-
frauen vom Straßburger Münster, — so hat man einen
beachtenswerten Niederschlag von verfehlten Bühnenwir-
kungen, o
n Nein, lieber noch Shakespeares einfache Szenenwir-
kungen, sein »armes ii von Holz«, zu klein für die Zahl
der »Helme von Agincourt«, als die Ballettmittel in ver-
dorbenem und verwässertem Barock, die man entrüstet
verteidigen zu müssen glaubt. □
o Von vornherein stand mir fest, daß vor allem der
Charakter des Spiels erhalten bleiben, also alles auf einer
Bühne, im eigentlichen Sinne des Wortes, vor sich gehen
müsse, so daß sie als solche stets erkennbar sei; ferner,
daß sie von jeder aussichtslosen Konkuirenz mit der Natur
abzusehen habe, daß es sich nicht darum handeln könne,
ein »Terrarium! auf den Brettern aufzubauen. Daher das
Streben, den Spielraum nach Tiefe und Höhe zu verkleinern
und eine ausgiebige Vertiefung zwischen Spielraum und
Hintergrund zu schaffen. Diesen Anforderungen konnte
für »Kaiser undGaliläer« auf der Buhne des »Schillertheaters«
nicht entsprochen werden, so daß ich diesmal von der Auf-
gabe zurücktrat; doch regte Prof. Littmann an, auf Grund
dieser meiner Anschauungen die neu zu erbauende Bühne
des »Künstlertheaters München 1908« zu konstruieren, ein
künstlerisches Unternehmen, das durch die Initiative und
das Zusammenwirken von Georg Fuchs, Prof. Littmann,
Prof. Benno Becker und Dir. Seitz beieits feststand. Im
November 1907 konnten wir einer Anzahl von Künstlern
und Kunstfreunden das fertige Modell einer solchen Bühne
für die Eröffnungsvorstellung, den »Faust«, vorführen. Daß
es alle Anforderungen einer Bühne für diesen Zweck er-
füllt hätte, konnte ich allerdings damals schon nicht sagen,
doch hingen selbstverständlich gewisse allzu kleine Ver-
hältnisse und störende Engen, welche u. a. die Entwicke-
lung und Beweglichkeit größerer Volksmassen beeinträch-
tigten, mehr mit der Kleinheit des überhaupt zur Verfügung
stehenden Baugrundes und der vorhandenen Geldmittel,
als mit der Absicht des Erbauers zusammen.«

(Schluß folgt.)

PREISAUSSCHREIREN

Der Badische Kunstgewerbeverein in Karlsruhe

schreibt auf Veranlassung seines Mitgliedes, der Firma
Maurer & Braun, Rahmenleistenfabrik, Lahr, einen Wett-
bewerb aus für Modelle mit dazu passenden Profilen für
Rahmenleisten, die dem Sinne der heutigen Innendekoration
entsprechen. Näheres und Einlieferung der Modelle bis läng-
stens 15. April 1910 bei der Geschäftsstelle des »Badischen
Kunstgewerbevereins«, Karlsruhe i. B., Westendstraße 81.
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