Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 21.1910

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KUNSTGEWERBLICHE RUNDSCHAU







dabei den Hauptzweck der Reklame, aufzufallen, zu ver-
nachlässigen. °

□ Darmstadt. Die Hessische Landesausstellung für freie
und angewandte Kunst 1908 hat einen Überschuß von etwa
60000 M. ergeben, der ungefähr der staatlichen Beihilfe
entspricht und nun zurückgefordert werden könnte. Es ist
aber eine Bewegung eingeleitet worden, dieses Geld für
gewerbliche Zwecke zusammenzuhalten, und es wird ge-
hofft, daß der Staat sein Rückforderungsrecht nicht geltend
mache. Geschähe dies dennoch, so würden auch andere
Stifter, die insgesamt noch 97000 M. für die Ausstellung
beigesteuert hatten, ihre Zuschüsse zurückfordern und das
Geld zerflösse in viele kleine Teile, während es anderer-
seits einen Fonds für ähnliche gewerbliche Zwecke bilden
könnte. °
o Dresden. In der Königlichen Kunstgewerbebibliothek,
Eliasstraße 24, I, findet die Übersicht über die Erzeugnisse
der graphischen Gewerbe in den letzten 25 Jahren viel An-
klang. Druck und Ausstattung, Schrift- und Ornament-
gießerei, moderner und alter Wandschmuck, Künstlerstein-
zeichnungen und eine reichhaltige Sammlung von viel-
artigen Reproduktionstechniken und Einbänden, die mit
der Maschine oder mit der Hand gefertigt wurden, bilden
den Grundstock dieser vielbesuchten Ausstellung. — Die
Schwarzkunst unserer Großväter findet wieder viel mehr
Anklang und Ausübung. Im Februar waren es die Original-
silhouetten von Johanna Beckmann, die Zeugnis ablegten
von der leichten Hand und der scharfen Beobachtungsgabe
der begabten Künstlerin. □
o Stuttgart. In den wieder erträglich und harmonisch
eingerichteten Sälen des Königlichen Kupferstichkabinetts
plant dessen neuer Direktor, Dr. Erich Willrich, eine Folge
von größeren Ausstellungen von Originalwerken der graphi-
schen Künste. Mit diesem Unternehmen soll bewiesen
werden, daß es auch heute Künstler gibt, die das Zeichnen
wirklich verstehen. Die erste Ausstellung ist den Stutt-
garter Künstlern gewidmet und hierbei dem verstorbenen
Otto Reiniger ein Ehrensaal eingerichtet; die vollkom-
mene Beherrschung der Form, die diesem Künstler zu eigen
war, tritt hier außerordentlich eindringlich in Erscheinung.
Die Ausstellung, in der sich das ernste und erfolgreiche
Streben der Stuttgarter vorzüglich dokumentiert, ist ge-
wissermaßen eine Art Wiederentdeckung und Genugtuung
für die viel geschmähten »modernen Künstler; sie wird bis
zum Mai geöffnet bleiben, da sich um diese Zeit eine
große Zahl auswärtiger Museumsleiter, Sammler und
Händler gelegentlich der Auktion »Gutekunst« in Stuttgart
einfinden wird. Der Verkauf der ausgestellten Blätter wird
durch das Königliche Kupferstichkabinett kostenlos ver-
mittelt, n
d Weimar. Den Alleinvertrieb der kunstgewerblichen
Arbeiten von Willy Carl Hiibner in Weimar hat die dortige
Firma Th. Brodersen & Co. übernommen und versendet
einen illustrierten Katalog dieser Arbeiten, in dem das
erfolgreiche und insbesondere auf eine geometrisch-orna-
mentale Gliederung der Fläche gerichtete Streben der
Künstler gut zur Geltung kommt. a

□ Zürich. Das Kunstgewerbemuseum Zürich veranstaltet
seit September v. J. eine Raumkunstausstellung, in der in
verschiedenen Serien Muster von Arbeiter- und Beamten-
wohnungen vorgeführt werden. Als Hauptaufgabe wird
bezeichnet, eine praktische Verwendbarkeit in Möbeln und
Geräten zu geben und die Formgestaltung einfach zu halten,
um so die Wohnräume durch eine geschmackvolle Zu-
sammenstellung auf einfachste Art einzukleiden. Es soll
den auf falschen Schein angefertigten Möbeln und Gegen-
ständen, die in den meisten Warenkredithäusern und Ab-

zahlungsgeschäften zum Kauf angeboten werden, einfache,
gute, solide und billige Ware entgegengesetzt werden. Die
Arbeiterschaft soll also von der »Kaufquelle der Geschmack-
losigkeit« zu ehrlicher und anständiger Wohnungseinrich-
tung zurückgeführt werden, in der das Qualitätsprinzip
unaufdringlich zur Geltung kommt. Jedem Raum sind in
dem geschmackvoll ausgestatteten Kataloge genaue Kalku-
lationen für Schreiner- und Malerarbeit und für die Ge-
samtausführung beigegeben. Die Hersteller garantieren
bei Nachbestellung für gleiche Preise und Ausführung.
Es ist also der, in den Ausstellungen mit Recht gefürchtete
sentimentale »soziale Schein« ehrlich vermieden worden, d

VORTRÄGE

□ Berlin. In der Abteilung für freie und angewandte
Kunst der Wildenschaft (Freien Studentenschaft) der Tech-
nischen Hochschule Charlottenburg sprach Robert Breuer
über »Die Wiedergeburt des Monumentalen*. Die Haupt-
linien dieses, durch viele Lichtbilder unterstützten Vortrages
waren etwa die folgenden: a
a Wir erwarten vom Naturalismus nicht mehr die letzte
Erkenntnis. Eine neue religiöse Romantik beginnt zu
reifen. Man sagt aber statt »Romantik« besser »Kraft«,
Wille, Elastizität. Die aufgeklärte Seele tastet wieder nach
dem, was weniger begriffen, sondern nur empfunden
sein will. Die Analyse strebt zur Synthese. o

□ Am deutlichsten ist diese Wandlung in der bildenden
Kunst. Wir können hier von einer Neugeburt des Monu-
mentalen reden in dem Sinne, daß eine reifere Menschheit
ihrem Drang nach kosmischem Erleben neue Ausdrucks-
formen sucht, zu denen verwandte aus allen Zeiten starker
Menschlichkeit gefunden werden können. Es ist jedoch
nicht so, als sei der Realismus wieder zusammengebrochen;
er hat vielmehr Recht behalten. Die neue monumentale
Kunst ist nicht eine Verneinung, sondern eine Frucht des
Impressionismus. Monumental sein heißt: die Fülle des
flatternden Lebens in eine Spannung zusammenpressen.
Dazu muß man die Gegenwart besitzen. Jede Zeit hat
ihre eigene Monumentalität oder keine. Alte Monumen-
talität läßt sich nicht kopieren, man kann sie nur nach-
empfinden. Man kann aus ihr Kräfte schöpfen, aber nicht
von ihr nach der Art der Diebe profitieren. n

□ Will jemand griechischen Rhythmus nachahmen, so ist
gewiß nur eine schwächliche Historie zu erwarten. Max
Klingers neues Griechenbild in der Leipziger Universität
läßt uns kalt; Hodler dagegen ist unmittelbar, er reißt uns
empor und erschüttert uns. Mittler einer neuen Monu-
mentalität können nur die ganz Starken sein, in denen ein
heiliges Müssen lebt, der neuen Menschheit, die sie in sich
fühlen, eine Offenbarung und ein Höhepunkt zu sein. Die
Neugeburt des Monumentalen kommt nicht durch Thoma,
Böcklin, Klinger und ihrer Art, sondern allein durch
Männer, die in den Flammen des Zweifels verbrannten,
um neue Kraft spendend wieder zu erstehen. Sie er-
schlagen alle Schwachen; aber die Glaubenden führen sie
zum Segen des Rhythmus. Feuerbach, Marees, van Gogh,
Gauguin, Rodin, Maillol, Hodler sind die Propheten des
Monumentalen unserer Zeit. Winkler.

BERICHTIGUNG

□ Die Ausführungen des auf Seite 90 in der vorigen
Nummer abgebildeten Einbandes zu »Roda-Roda, Eines
Esels Kinnbacke« stammt nicht, wie angegeben, von Richard
Österreich, sondern Klara Thomsen in Dresden hat den
Einband sowohl entworfen als auch ausgeführt. □

Für die Redaktion des Kunstgewerbeblattes verantwortlich: Fritz Hellwag, Berlin-Zehlendorf
Verlag von E. A. Seemann in Leipzig — Druck von Ernst Hedrich Nachf., o. m. b. h. in Leipzig
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