Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 21.1910

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ARBEITEN VON ERNST RIEGEL IN DARMSTADT







ERNST RIEGEL-DARMSTADT, DECKEL EINER EBENHOLZ-
KASSETTE. NATÜRL.GRÖSSE; GOLD; IN DEN ECKENJE VIER
RAUCHTOPASE. UMRAHMUNG FILIGRAN MIT SAPHIREN ;
KRANZ GETRIFBEN; HERZ IN DER MITTE AUS BERG-
KRISTALL; INSCHRIFTEN IN SCHWARZEMU. WEISSEM EMAIL
o (Geschenk der GrolSherzoyin von Hessen) □

Beschauer mit den von Riegel dressierten Rohstoffen
ins Zwiegespräch gerät, wie diese Rohstoffe selbst
miteinander spielen und flirten. Man kann nicht
sagen, daß Riegel mit starkem Griff und heiligem
Pathos die Seele der Metalle und Edelsteine offenbart;
wie dies aus genialem Instinkt van de Velde tut.
Riegel ist kein Organisator der großen Flächen;
er hat keine Tendenz zum Monumentalen. Sein
Temperament ist auf die kleine Nuance, auf die
minutiösen Akzente eingestellt. Er macht die
Metalle Koloraturen singen; er macht sie
hüpfen, tanzen, kreisen. Er liebt das Filigran,
die Spitze, die spiralig sich windenden Drähte,
die als Behang schaukelnden Tropfen, die wie
Tau sprühenden Funken. Riegel liebt das
Amoureuse, die delikate Zierlichkeit, ein Ge-
misch aus feineu Düften, ein Gespiel aus
kaum anklingenden Tönen. Alles, was er
macht, hat einen nervösen Charme, scheint
von spintisierender Grazie, feminin und zer-
brechlich. Zuweilen empfängt man auch den
Eindruck einer musikalischen Träumerei, halb
heiligen Graal, halb Kling, Klang, Gloria, ich
tanz' mit meiner Frau. Dabei ist er keines-
wegs ein großer Erfinder; er schafft keine neue
Formensprache. Beinahe ist es gewagt, ihn
modern zu nennen. Man könnte sich vor-
stellen, daß er als ein Kavalier und Alchimist
irgend wann, zu romanischen Zeiten, am Bur-
gunder Hof oder südlich, bei sizilianischen
Normannen, gehaust haben könnte. Man darf
auch nicht sagen, daß Riegel nach klar er-
kannten Prinzipien seine Arbeiten konstruiere;

er konzipiert fleischlich. Er läßt die Phantasie
reisen und scheut sich keineswegs vor Freiheiten,
die ein slrengerStil und doppelt dasBewußtsein
der Moderne nicht gewähren würde. Wenn
er zum Beispiel die Henkel eines Hostien-
behälters als Ähre ausbildet, oder wenn er
auf die Henkel eines Pokals Vögel setzt,
so kann man das weder architektonisch
noch tektonisch rechtfertigen. Man könnte es

(getrost naturalistisch oder symbolisch schel-
ten; aber es ist jedenfalls amüsant und köst-
lich anzuschauen. Man könnte von einem
äußerst gesteigerten Dilettantismus reden. Die
Wirkungen sind nicht errechnet, sie scheinen
geglückte Experimente. Die Anregungen
dürften selten konstruktiver Art sein; auch
der Rhythmus, das Grundelement der bewußten
Kunst, herrscht nicht in Riegels Schaffen.
Eher könnte man davon sprechen, daß ein
zufällig angeschlagenes Thema aus dem Hand-
gelenk heraus variiert und kapriziös verflochten
werde. Riegels Formensprache entbehrt nicht
der Naivität; desto logischer und konsequenter
aber ist seine Technik. Mit unfehlbarer Sicher-
heit führt er die Punzen und den Gravier-
stahl; er weiß Draht zu biegen und Steine
zu fassen, Bleche zu hämmern und Email
einzubetten. Und nicht minder wach und
fruchtbar ist sein Sinn für das Konzert der Farben.
Er läßt die Metalle in Skalen erklingen und dahinein
die nuancierten Gluten der Edelsteine jubilieren. Er
offeriert mit der Geste des Feinschmeckers die sanften
Effekte des Nephrites, die Keusche des Elfenbeins und
das Mysterium dunklen Hornes. d
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