Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 22.1911

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GLASMALEREIEN UND GLASMOSAIKEN


□ Diese Iefztere Bedingung wird von den ent-
werfenden Künstlern zuweilen noch zu wenig
beachtet. Sie wollen Staffeleibilder imitieren
und denken gar nicht an das zu verwendende,
schon farbige Material, so daß ihr Entwurf ein-
fach in ölbildmäßiger Technik auf farbloses
Glas aufgetragen werden müßte, was natürlich
dem ganzen Wesen der Glasmalerei durchaus
zuwiderläuft. Oder sie versündigen sich schon
bei der Komposition am Raumgefühl des Be-
schauers, indem sie von der Staffeleibilder-Ma-
lerei die üble Gewohnheit übernehmen, auf kon-
struktivem Wege eine Perspektive vortäuschen
zu wollen. Mit der Verurteilung dieser Methode
sei keineswegs gesagt, daß die Glasmaler nach
der Art kunstgewerblicher Flächenkünstler nun
ausschließlich zweidimensional empfinden müß-
ten. Im Gegenteil glaube ich, daß ein Glas-
maler sehr wohl dreidimensional sehen dürfte,
ja es sogar sollte; aber arbeiten muß er unbe-
dingt zweidimensional. Ein gutes Beispiel für
solches Sehen und Schaffen ist das vorzüglich
gelungene, auf Seite 57 abgebildete Glasfenster
von Max Pechstein. □
□ Die Künstler empfinden schon instinktiv, wor-
auf es ankommt, und in der in diesem Sommer
bei A. Wertheim in Berlin durch den Verein
für deutsches Kunstgewerbe veranstalteten Aus-
stellung von Glasmosaiken waren bereits sehr
vielversprechende Anfänge zu sehen. Wer für
eine so spezielle Technik arbeiten will, muß
sich ganz in sie hineinfühlen können. Wie ich
höre, ist es unserem begabten und rührigen
Gottfried Heinersdorff gelungen, die für das
Glasfenstergewerbe arbeitenden Künstler zu einem
Verbände zusammenzuschließen, der sie in en-
gere Fühlung mit den kunsthandwerklichen
Kräften dieser Branche bringen wird. □
FRITZ HELLWAG.

DILETTANTISCHE
WIRTSCHAFTSREFORMER
Von Johannes Buschmann
MIT dem steigenden Kulturbewußtsein tritt
bei uns das Streben immer deutlicher her-
vor, wirtschaftliche Probleme unter allge-
mein geistigen Gesichtspunkten, ethischen,
sozialpolitischen, rassentheoretischen, künstlerischen,
zu betrachten. Das hat den gewiß unschätzbaren
Vorteil, daß der wirtschaftlichen Praxis beständig Ge-
danken und Anregungen aus anderen Lebenskreisen
Zuströmen. Der Pulsschlag des ganzen nationalen
Seins wird einheitlicher; allerdings muß dann der
Strom auch wieder zurückfluten: wirtschaftliche Er-
fahrungen müssen befruchtend eindringen in die
Gebiete der wissenschaftlichen Spekulation und da-
mit weiter in den Vorstellungskreis aller, die sich
denkend mit diesen bewegenden Fragen der Volks-
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