Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 22.1911

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DIE GROSSHERZOGLICHE KUNSTGEWERBESCHULE IN WEIMAR
DIREKTION: HENRY VAN DE VELDE
Von Fritz Hellwag

UNTER den Persönlichkeiten, denen wir die
Wiedergeburt unseres Kunstgewerbes verdanken
(oder besser: einmal zu danken haben werden,
denn wir sind doch erst mitten in den Wehen!),
verdient Van de Velde, mit an allererster Stelle genannt
zu werden. Von ihm sprach man vor fünfzehn Jahren,
neben Hermann Obrist und Otto Eckmann, am meisten.
Seine suggestive Kraft, sein künstlerisches Temperament
hielten Deutschland mehrere Jahre vollkommen in
ihrem Banne. Damals waren es kaum ein Dutzend
Männer, die ein Ziel vor Augen hatten und, um es
erreichen zu können, den Kampf mit dem Hergebrachten
aufnahmen. Ein nicht geringer Widerstand stemmte
sich ihnen in Handwerk und Industrie entgegen —
einzig mit Van de Velde hat’s die Industrie »gewagt«.
Seine Ideen glaubten die unglückseligen Muster-
zeichnerlein in den Fabrikbureaux so begreifen zu
können, daß sie mit ihnen ihr verödetes Motiven-
gehirn aufzufrischen versuchten. Sie stahlen ihm die
äußeren Abzeichen seines souveränen Genies, und
glaubten Könige zu sein! Selten ist ein schlimmerer
Kunstgewerbeblatt. N. F. XXII. H. 12

Unfug verübt worden, als er, zuerst vielleicht sogar in
gutem Glauben und mit ehrlicher Absicht, im »Jugend-
stil« in Szene gesetzt wurde. Wir wissen heute, daß
dies Fiasko gute Folgen gehabt hat, indem die Künstler
schneller erkannten, daß man den Dingen nicht von
außen, sondern von innen beikommen müsse. Wir
haben heute auch mehr Verzeihen für jene Muster-
zeichnerlein der Industriebureaux, weil ja auch die
Künstler anfänglich im Fehler befangen gewesen sind.
Aber ein Justizirrtum brennt dem deutschen Volke
noch heute auf dem Gewissen: es ist gang und gäbe,
es ist ein abscheulicher, mörderischer Gemeinplatz
geworden, allein Van de Velde für jene ersten Irrungen
verantwortlich zu machen, allein ihm den »Jugendstil«
in die Schuhe zu schieben, den doch nur vorlautes
Unternehmertum verschuldet hat. Noch schlimmer
ist es, daß man sich gewöhnte, Van de Veldes Kunst
als mit jenem verunglückten Versuch ungeschickter
Nachahmer erledigt, als »vieux jeu« anzusehen, ihn
selbst bestenfalls nur noch als geistreichen Causeur
gelten zu lassen! Da ist es denn nicht nur eine

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