Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 24.1913

Seite: 92
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ELFENBEINSCHNITZEREI IM ODENWALDE



barten Michelstadt Beschäftigung und eine gute Er-
werbsmöglichkeit bietet. □
□ Graf Franz (1754—1823) hatte, wie es in dem
Fürstenhause von jeher Sitte war, ein Handwerk und
zwar die Drechslerei erlernt. Er selbst betrieb das
Handwerk mit großem Eifer. Noch heute sind eine
Anzahl seiner Arbeiten in Erbach vorhanden, die von
seinem Fleiß und seinem Können ein vorzügliches
Zeugnis ablegen. Natürlich interessierte er auch seine
Umgebung für die Kunst. Besonders der Sohn seines
Archivrates, der Tiermaler Kehrer, erwarb sich ein
großes Verdienst dadurch, daß er eine Anzahl be-

fähigter junger Leute um sich-sammelte, sie im Zeichnen
unterwies und sie zum Studium der Natur, der höchsten
Lehrmeisterin aller Kunst, anleitete. Der gräfliche
Wildpark bei dem nahen Jagdschlösse Eulbach bot
hierzu reichlich Gelegenheit. So verlegte man sich
auf die Anfertigung von allerlei Luxus- und Gebrauchs-
gegenständen. Man fertigte Broschen, Dosen, Spazier-
stockgriffe, Pfeifenköpfe u. a. In allen Darstellungen
spielte das Hirschmotiv die Hauptrolle. Damals ent-
standen auch die bekannten »Hirschbroschen«, die
wegen der Feinheit ihrer Ausführung noch heute mit
Recht bewundert werden. □
□ Im Jahr 1783 schloß Graf Franz die Elfen-
beinschnitzer in Erbach und dem benachbarten
Michelstadt, das auch zu der Grafschaft gehörte,
zu einer Zunft zusammen und veilieh ihr einen
Zunftbrief. Hierin waren die Meisterstücke, die
ein Bewerber um die Aufnahme unter die Meister
der Zunft zur Prüfung vorzulegen hatte, genau
festgesetzt. Sie bestanden aus einer Gewürzbüchse,
in welcher sieben kleine Büchsen enthalten waren,
und aus einem roten und weißen Schachspiele.
Graf Franz, der den alten Drechslermeistern
zwölf von ihm selbst gefertigte Arbeiten zur Be-
gutachtung unterbreitete, wurde zum Obermeister
der Zunft ernannt. □
□ Mehr und mehr breitete sich das Kunsthand-
werk aus. Zahlreiche Lehrlinge fanden sich bei
den Meistern ein, um in regem Wettbewerb
immer höhere Stufen der Geschicklichkeit zu
erklimmen. So entstand in den Städten Erbach
und Michelstadt allmählich ein blühendes Ge-
werbe, das seinesgleichen nicht hatte in ganz
Deutschland. Nur in der württembergischen Stadt

An der Kopiermaschine.
Ein entsprechend großes Stück von einem Elefantenzahn wird nach
einem Holzmodel durch die fräsende Maschine konform vorgearbeitet.

Verschiedene Stadien der Vollendung einer Elfenbeinschnitzerei.
Links: das Modell; mitten: Elfenbeinstück, wie es die Kopiermaschine liefert; rechts: die vollendete Arbeit
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