Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 24.1913

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PETER BEHRENS’ MANNESMANN-HAUS

im
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druck schon möglich. Die glänzenden Erfolge in den
Dmckerklassen an der Kunstgewerbeschule zu Frankfurt
und den Technischen Lehranstalten in Offenbach a. M. be-
reiten auf solche Möglichkeiten vor; namentlich waren die
Akzidenzien und kleinen Bücher der Offenbacher Klasse
in der Ausstellung erfüllt vom Geiste edelster Sachlichkeit
und Schönheit und gehörten zum Besten, was an Druck-
sachen überhaupt vorhanden war: Der Geist der Kling-
sporschen Schriftgießerei sprach deutlich aus ihnen. Hier
könnten die Setzer und Drucker heranwachsen, die uns
den guten Satz als das Normale bringen, und deren Ar-
beit zur Grundlage einer allgemein verbreiteten (aktiven
wie passiven) Buchkultur in Deutschland dienen kann.
Mehr als die tüchtige Grundlage, das sei wiederholt,
werden sie dennoch nicht abgeben können: denn genau
wie zur Zeit Dürers und Dietterleins wird die höhere
schöpferische Arbeit, nicht bloß der Buchschmuck und der
Lettern-Entwurf, den Künstlern bleiben müssen. Es ist
die Eigentümlichkeit des Buchgewerbes, daß es wie die
Baukunst ein künstlerisch veredeltes Gewerbe verlangt
neben dem Schöpfer der Architektur, der die Hauptsache
bleibt: dem Erfinder neuer Schriften, neuen Buchschmucks,
dem Illustrator, dem Plakat- und Kalenderzeichner, dem
Ordner künstlerischen Satzes und Titelzeichner. Das alles
ist überhaupt nicht mit Technik zu verwechseln und durch
sie nicht zu ersetzen. n
□ Von den Künstlern sind so gut wie alle namhafteren
vertreten, wenn es auch viele gibt, deren Namen sich noch

der weiten Öffentlichkeit entzieht. Man erkennt die Be-
deutung von Schriftkönnern wie Rudolf Koch, Tiemann,
Ehmcke, Kleukens, von Architekten des Buches wie Behrens
und Lechter, deren Persönlichkeit fast den engen Rahmen
des Buches, des Akzidenzsatzes sprengt; Heraldiker von
der Strenge und Lauterkeit diirerischer Zeichnung wie der
formreiche Otto Hupp; Illustratoren wie der ihm wesens-
verwandte glühende Sattler und andere von der neuzeit-
lichen Grazie und Phantasie Kreidolfs, Franz Franckes,
Slevogts, Preetorius; es fehlt nicht der vielgenannte E. R.
Weiß noch die andern Meister des mehr kaufmännisch
angewandten Ornaments vom Range Lucian Bernhards,
Gipkens, Czeschkas mit ihrer heiteren Farbigkeit und plakat-
artigen Pracht; und es blieben noch immer Namen zu
nennen, die, weil sie auf der Ausstellung nicht so stark
hervortraten, darum nicht minder bedeutungsvoll sind, a
□ Das Handwerk, das ihre Ideen zunächst zu verbreiten
imstande und gewillt war, mit den monumentalen Zuschnitt
einer aufblühenden Industrie, repräsentierten die Schrift-
gießereien. Es ist ein öffentliches Geheimnis, daß unter
ihnen Klingspor in erster Linie die Palme gebührt: weil
er zuerst und allein den Mut fand, nicht nur es mit dem
unerprobten Neuen zu versuchen, sondern auch, was
schwerer wiegt, zu allen Zeiten nur künstlerisch zu ar-
beiten und jede Konzession an den Modegeschmack zu
verschmähen. Diese unbedingte Treue zur Sache hat die
schönsten Früchte getragen: nach und nach haben alle
Schriftgießereien dem Beispiel Klingspors folgen müssen,
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