Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 27.1915/​1916

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KUNSTGEWERBEBLATT

NEUE FOLGE <£$ 1915/16 TS27 JAHRGANG

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WANNSEEBAHN • TELEPHON : ZEHLENDORF 522

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VLt\LAU. HOSPITALSTR. IIa • TEL. 244

HEFT 5

FEBRUAR

VEREINSORGAN ^bevTS

BERLIN, DRESDEN, DÜSSELDORF, ELBERFELD,
FRANKFURT A. M., HAMBURG, HANNOVER, KARLS-
RUHE I. B., KÖNIGSBERG I PREUSSEN, LEIPZIG,
MAGDEBURG, PFORZHEIM UND STUTTGART e^ks

ZUR ARCHITEKTUR DER CITY

PRINZIPIELLE ANMERKUNGEN ZU HAMBURGS NEUEN GESCHÄFTSHÄUSERN

VON HERBERT MHE

ZWISCHEN den Begriffen Großstadt und Ge-
schäftshaus besteht irgendwie eine Assoziation.
Man fühlt: Großstadtarchitektur ist Geschäfts-
hausarchitektur; Großstadt, das bedeutet Geschäft;
Handel, Industrie, Wirtschaft, Weltwirtschaft ist irgend-
wie verknüpft.

Wenn es also, wie hier, von der Architektur des
Geschäftshauses zu reden gilt, einer Stadt wie Ham-
burg, so wird es selbstverständlich, weil notwendig,
zuvor das Wesen der modernen Stadt, zuvor die Ent-
wicklung der ursprünglichen Stadt zur Großstadt,
zuvor den Sinn der Enlstehung eines städtischen Ge-
bildes kurz zu betrachten, um ein möglichst ursprüng-
liches Verhältnis zur Großstadt, zur modernen Ge-
schäftshausarchitektur zu gewinnen. —

Die Architektur jeder Zeit hat ein besonderes
Baugebilde, an welchem sie sich vornehmlich äußert.
Die Gotik bestimmt sich am Dom, als dem ihr be-
sonders zugehörenden Baugebilde; die Renaissance-
Architektur am festungsartigen Palazzo; das Barock
am Schloß; das Biedermeier am Bürgerwohnhaus;
unsere Architektur am Geschäftshaus und Industrie-
bau. Diese Gebilde sind die reinsten Ausdrücke, die
natürlichsten Vereinigungen dessen, worin Stilwille und
Lebensforderung der Zeit gipfeln. Gewissermaßen
von ihnen aus werden alle anderen, für die Zeit
banaleren Baugebilde geformt, mit immer geringerer
Aufmerksamkeit, Zielbewußtheit, mit immer schwächerer
Energie und Schaffensfähigkeit, um so weiter sie von
den für den Zeitwillen eigentlichen Bildungen ent-
fernt liegen.

Für uns, heute, ist ohne Zweifel das Geschäftshaus
das eigentliche Baugebilde, in dem sich Lebensforderung
und Stilwille trifft.

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Unsere Architektur, das nämlich, was wir so zu
nennen immerhin nicht mehr ganz unberechtigt sind, ist
oder weniger Abwandlungen sind. Sicher, oder
wenigstens am sichersten, fühlen wir uns heute bei
wirtschaftlichen Bauten (wir wissen wenigstens, worauf
es ankommt). Wohnhausarchitektur, Miets- und Land-
hausarchitektur sehen wir weniger wesentlich; wir
basteln an ihnen herum, ohne doch endgültige Formen
zu finden, finden zu können; wir tun das Beste,
wenn wir sie aus dem Sinn der Geschäftshausarchi-
tektur irgendwie abwandeln (das sachliche Moment,
Tessenow). Kirchen, Schlösser, öffentliche Bauten,
Luxusarchitekturen, die notwendig am weitesten von
der Nutzarchitektur, die wir heute klar begreifen,
entfernt liegen müssen, werden Monstren der Un-
sicherheit. Das ist jedoch ganz natürlich! Sie liegen
uns mit ihren Baugebilden noch ferner und ganz ferne;
sie sind am wenigsten eine intensivste Forderung
unserer Lebensart! Werden sie einmal dazu, so heißt
das, daß unsere zeitlichen Willensziele vom weltum-
spannenden Erwerb sich aufs Genießerische, Wohl-
lebende umgerichtet haben; daß die Geschäftshaus-
architektur, oder der Wirtschaftsstil von heute, für die
schöpferische Gestaltung wie für die Lebensforde-
rungen erledigt ist. Platt gesagt: Wird einmal das
Wohnen, das epische Sein bedeutungsvolleres Lebens-
ziel der Allgemeinheit, so wird auch natürlich der
Stilwille diesen Forderungen, die die Zeit an sich
und — an die Architektur stellt, entgegenkommen;
es wird eine Architektur entstehen, die das Wohnhaus
zu »ihrem« Baugebilde macht.

Vorläufig ist und wird noch immer mehr unsere
heutige Architektur »Geschäftshaus«-, »Wirtschafts-
Architektur«; denn unser Wollen und unsere Arbeit

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