Kunstmarkt: Wochenschrift für Kenner u. Sammler — 5.1908

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DER KUNSTMARKT

»59

Vertretern: Füger, Daffinger, Peter, Rungaldier, Ender usw.
Unter den frühen Lithographien sind solche von Schwind
und Kriehuber bemerkenswert. Der Sammlung Lachnit
entstammt die große Reihe französischer und englischer
Kupferstiche des 18. Jahrhunderts. — Die wichtigsten
Stücke der Auktion sind auf 56 Tafeln vortrefflich reprodu-
ziert, die so eine deutliche Vorstellung der Originale er-
möglichen.
Wiener Kunstauktion. Die Firma Brüder Egger in
Wien I, Opernring 7, wird am 18. März u.ff. eine Sammlung
von interessanten Goldmünzen und Medaillen aus dem
Besitz eines böhmischen Sammlers, 493 Nummern stark,
versteigern. Der Katalog ist mit zahlreichen guten Ab-
bildungen geschmückt und zeigt viele interessante Stücke.
Münzauktionen in Frankfurt a. M. Adolph Heß
Nachfolger in Frankfurt a. M., Mainzer Landstraße 49, ver-
steigert am 23. März und den folgenden Tagen verschiedene
Münzen- und Medaillen-Sammlungen (Antike, Mittelalter,
Neuzeit), zum Teil aus der Sammlung des verstorbenen
Rentiers Ad. Kneist-Dresden. Der Katalog umfaßt 2926
Nummern. — Bei derselben Firma findet am 30. März und
folgenden Tagen die Auktion der großen Sammlung pol-
nischer Münzen des Herrn Otto von Kubicki-Warschau
statt. Der Katalog darüber enthält 10 Tafeln, auf denen
335 der interessantesten Stücke von den 2206 zur Ver-
steigerung gelangenden Nummern dargestellt sind.
»Stadt, Schloß und Universität im Zeitalter Kuno
Fischers« betitelt sich das soeben erschienene Verzeichnis
einer Sammlung seltener Bücher und Bilder zur Geschichte
Badens und der Pfalz, die Ernst Carlebach, Buchhandlung
und Antiquariat in Heidelberg in seinem neuerrichteten
Ausstellungssaale am 23. März versteigern wird. An dem
gleichen Tage gelangen Reichlin von Meldeggsche Familien-
papiere und Pastellbilder, Reliquien an H. E. G. Paulus,
badische und pfälzische Fürstenporträts und Kupferstiche
und Handzeichnungen Mannheimer Meister des 18. Jahr-
hunderts zur Versteigerung. Ein Teil dieser Bücher ent-
stammt dem Besitze eines pfälzischen Geschichtsschreibers.
Am 8. und 9. Mai versteigert die Firma C. G. Boerner
in Leipzig die Autographensammlung eines bekannten
Wiener Musikhistorikers und Autographensammlers. Diese
Sammlung dürfte eine der wertvollsten sein, die in den
letzten Jahren auf den Markt gekommen sind und sich mit
der von derselben Firma im Vorjahre versteigerten Auto-
graphensammlung messen können. Sie enthält vor allem
wertvolle und umfangreiche Musikautographen- und Manu-
skripte von Bach, Beethoven, Brahms, Haydn, Mendelssohn,
Scarlatti, Schubert, Schumann, Richard Wagner, kostbare
Briefe der Klassiker der Literatur, besonders von Goethe,
Schiller und vielen anderen. — Zugleich kommen kostbare
Musikmanuskripte aus dem Nachlaß Josef Joachims, der
seinerzeit von der Firma C. G. Boerner übernommen wurde,
zum Verkauf, besonders von Schumann, Brahms und
Mendelssohn. Die Versteigerung dürfte das bedeutendste
Ereignis dieser Saison auf dem Autographenmarkte werden.
Der Katalog soll Anfang April ausgegeben werden.
VERMISCHTES
Die berühmte Braikenridgesammlung, die eine
Reihe der erlesensten Werke mittelalterlicher Kleinkunst
umfaßt, ist, wie aus London berichtet wird, Ende Januar
dort bei Christie zur Versteigerung gekommen und hat
außerordentlich hohe Preise erzielt. Ein heißer Kampf
entspann sich um das Qlanzstück der Sammlung, ein Zi-
borium aus kupferbeschlagenem Email, das als eine eng-
lische Arbeit des 13. Jahrhunderts gilt und der Malmes-
buryabtei entstammen soll. Unter lautem Applaus ging es

für 120000 M. in neuen Besitz über. Ein paar emaillierte
Kerzenstöcke aus der gleichen Zeit erzielten 9000 M. Ein
hartes Ringen entspann sich um einen prächtigen Trink-
becher aus der Zeit Heinrichs VII., aus Ahorn gefertigt
und mit Silber beschlagen. Schließlich ging er für 46000 M.
ab. Der Silberbeschlag des Gefäßes wiegt annähernd nur
sechs Unzen, so daß die Unze mit 8000 M. bezahlt wurde.
Die beiden ersten Drucke von Goethes Divan.
Die erste Ausgabe von Goethes west-östlichem Divan er-
schien 1819 bei Cotta in Stuttgart und umfaßt außer
556 Seiten Text einen gestochenen deutschen Titel, dem
der arabische Titel (Ed-diwän esch-scharqiyyu lilmuallif
el-gharbiyyi) gegenübersteht. Bisher sprach man schlecht-
hin von einer ersten Ausgabe; erst in neuester Zeit werden
zwei Drucke unterschieden. Diese für den Bibliophilen
interessante Feststellung blieb den Bibliographen Goedeke
und Hirzel unbekannt, erst Meyer erwähnt sie kurz in
seinem neuen Goethe-Katalog. Das Verdienst, darauf zu-
erst hingewiesen zu haben, gebührt Ludwig Geiger, der
im ersten Jahrgang des Goethe-Jahrbuchs schreibt: »Inder
ersten Ausgabe steht Seite 9 als Überschrift von I, Nr. 4:
Talismane, Amulete, Abraxas, Inschriften und Siegel. Da
diese Überschrift sich auf dieses Gedicht gar nicht bezieht
— eher könnte es für Nr. 2: Segenspfänder passen — so
ließ Goethe den Viertelbogen Seite 7—10 neu drucken,
auf welchem die Überschrift Talismane heißt. — Demgemäß
heißt es auch in dem Briefe Goethes an Willemer,
22. August 181g: ,Soviel bemerke ich, daß zwei Blätter des
ersten Bogens durchgeschnitten, die Kartons aber sogleich
eingelegt sind.'« Die beiden Drucke unterscheiden sich
also nur durch die Überschrift des berühmten Gedichtes
auf Seite 9 (»Gottes ist der Orient! Gottes ist der Occi-
dent!«). Ein uns vorliegendes, völlig unzerschnittenes
Exemplar gibt über die Entstehung der beiden Drucke
Auskunft. Es vereinigt — so sonderbar es klingt — den
ersten und zweiten Druck in einem Exemplare. Der erste,
gänzlich unzerteilte Bogen enthält Seite 9 die längere Über-
schrift, also den ersten Druck; der letzte (fünfunddreißigste)
Bogen des Werkes umfaßt die zwölf letzten Textseiten,
und auf den vier Seiten, die dem Drucker noch zur Ver-
fügung standen, den richtigen (zweiten) Druck der Seiten
7—10. Der Irrtum ist also bereits während des Druckes,
wahrscheinlich von Goethe selber, bemerkt und der freie
Raum des 35. Bogens vom Drucker zur Richtigstellung
benutzt worden. Die Buchbinder, welche die Bände hefteten
resp. banden, hatten nun die Aufgabe, die Seiten 7—10
des ersten Bogens zu entfernen und durch die richtigen
am Schlüsse zu ersetzen. Die meisten haben dies auch
richtig ausgeführt, wie die Untersuchung von 25 Exem-
plaren, die wir vornahmen, beweist. Wenn trotzdem sich
einige ganz wenige Drucke mit der ersten Fassung erhalten
haben, so verdanken die glücklichen Besitzer jener Selten-
heit diesen Umstand dem mangelnden Verständnis eines
Buchbinders, der statt der richtigen Fassung die falschen
Seiten beibehielt. Die Besitzer unbeschnittener Exemplare
werden gut daran tun, sie daraufhin zu untersuchen.
Vielleicht ist einer oder der andere so glücklich, einen
ersten Druck sein Eigen zu nennen. Der Neudruck der
Seiten 7—10 im 35. Bogen ist nach innen gefalzt und da-
her erst beim Auseinanderschlagen des Bogens bemerkbar.
— Bei dieser Gelegenheit sei darauf hingewiesen, daß es
auch von einem anderen Stück der Goethe-Literatur zwei
bisher nicht beachtete Drucke gibt. Der Schillersche Musen-
almanach für 1799, der eine größere Anzahl berühmter
Gedichte Goethes in ersten Drucken enthält, ist mit einem
Kupfer in rötlichem Druck geschmückt. Es kommen in-
dessen auch Exemplare mit tiefschwarzem Kupfer vor,
doch sind diese bedeutend seltener.
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