Kunstmarkt: Wochenschrift für Kenner u. Sammler — 6.1909

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DER KUNSTMARKT

Von den Genrestücken ist das figurenreiche Wirts-
hausbild eine charakteristische Arbeit Jan Miense
Molenaers (Nr. 65), die Marktszene eine besonders
gute Leistung Brekelenkams, in warmer, rotbrauner
Tönung (Nr. 71). Jan Steen entfaltet seine witzige
und schlagfertige Erzählerkunst mindestens in
zwei echten Schöpfungen, dabei dem durch Um-
fang und Reichtum der Komposition hervor-
ragenden Bauerntanz (Nr. 38 und 67). Das unter
Nr. 28 verzeichnete, genrehaft gruppierte Familien-
porträt fesselt den Kunstfreund nicht weniger
als den Bildkenner. Der Name Ter Borch wird
auf Widerspruch stoßen, wenngleich die Leistung
dieses großen Meisters durchaus nicht unwürdig
erscheint. Vielleicht ist Jakob van Loo der Autor,
ein vortrefflicher, noch wenig bekannten Holländer,
der oft mit Thomas de Keijser verwechselt worden
ist. — Die Stilleben von mehreren Hauptmeistern
dieser Gattung, von Pieter Claasz (Nr. 73), Heda
(Nr. 31), dem seltenen Jan van de Velde (Nr. 44)
und Cornelis de Heern (Nr. 50) werden in ihrer
schlichten Sachlichkeit leicht verständnisvolle Lieb-
haber finden. — Aus der kleinen Zahl vlämischer
Gemälde des 17. Jahrhunderts hebt sich in kraft-
voller Körperlichkeit das Genrestück von Jakob
Jordaens hervor (Nr. 53). — Die fast ausnahmslos
gut erhaltenen und kunstgeschichtlich bemerkens-
werten primitiven Tafeln, also niederländische und
deutsche Werke aus dem 16. Jahrhundert, ver-
dienen eingehende Beachtung. Der »Meister der
weiblichen Halbfiguren«, der um 1520 in den
Niederlanden arbeitete, hat nichts Besseres ge-
schaffen als die Lucretia hier (Nr. 24). Die sanfte
Manierlichkeit, die dem Gegenstände nicht an-
gemessen zu sein scheint, ist charakteristisch für
den höfischen Maler. Öfter verwechselt mit dem


Deutscher Meister, datiert 1517. Aus der Galerie Emil Goldschmidt-Frankfurt a. M.
Versteigerung am 27. April 1909 durch Rudolph Lepkes Kunstauctionshaus Berlin

»Meister der weiblichen Halbfiguren«, wird jener
etwa gleichzeitige Meister, für den der Name
»Meister mit dem Papagei« im Aufkommen ist,
und der in dieser Sammlung mit einer Magdalena
erscheint (Nr. 32). Ganz ähnliche Magdalenen von derselben
Hand sind im Pariser und Berliner Privatbesitze zu finden.
Ein Meisterstück aus Cranachs mittlerer Zeit (von 1525 etwa)
ist die graziös bewegte Venus (Nr. 48). — Mit diesen No-

tizen ist der Reichtum der Sammlung nicht umschrieben,
geschweige erschöpft. Der Kunstfreund wird die unerwähnt
gebliebenen Bilder nicht übersehen und überall echte und
gesunde Hervorbringungen der alten Malkunst antreffen.

VOM LONDONER KUNSTMARKT
Christie versteigerte am 24. Februar folgende Stiche
A. Dürers, bisher im Besitz des verstorbenen Mr. William
Mitchell: Die kleine Kreuzigung, 140 £; Der Ritter und der
Tod, 170 £; Adam und Eva, 190 £ und Melancholie, 190 £.
Weitere gute Preise waren: Rembrandts »Ephraim Bonus«,
110 £; W. Ward, »The Fortune Teller«, W. Peters p., farbig,
105 £; Cousins, »Countess Qower and Child«, Lawrence p.,
89 £ 5 s und ditto »Lady Grey and Child«, 84 £.
Sotheby versteigerte vom 24.- 26. Februar die Münzen-
sammlung, die M. de Montcara im 18. Jahrhundert angelegt
und die ihr letzter Eigentümer, der Graf Pierre de Viry
auf Schloß Viry in Haute Savoie, nach London geschickt
hat. Für die 470 Nummern gingen 2890 £ 9 s 6 d ein,
wobei der höchste Preis, 720 £, auf ein die Sammlung
begleitendes Louis XlV.-Medaillier von Boulle fiel. Unter
den Münzen heben wir folgende hervor: ein Aureus aus
der 17 tägigen Regierungszeit des Kaisers Quintillus, 270,
Büste des Kaisers, auf der Gegenseite Figur der »Fides
Milit.« in jeder Hand eine Standarte, sehr selten, 350 £;
Charles VlII.-Mereau in Gold, aus der Münze von Cremien,
7 Gramm, 285 £; Double Henri d’or, 1558, 37 £; Louis XIII.
Demi Ecu d’or du Dauphine, 1641, 32 £ 10 s und Francesco
Giacinto und Maria Cristina-Doppia da quattro, 35 £.

Christie versteigerte am 26. Februar wertvolle Email-
und Glasmalereien, Kunstmöbel und andere Kunstgegen-
stände. Der höchste Preis, 1200 Gs, fiel auf eine aufrechte
Limoges-Plaque, io3/4X91/4. bemalt von Nardon Penicaud
mit der Beisetzung Christi, einer Komposition von acht
Figuren. Neben dieser Plaque stammten folgende Nummern
aus der Sammlung einer »Lady of Title«: Limoges-Plaque,
Maria mit dem Christuskind, 61/2X51/2> von N. Penicaud,
420 Gs; ditto, Auferstehung, 73/4X6, von Pierre Raymond,
170 Gs; eine Urbino-Schüssel, bemalt mit Noli me Tangere
in Farben und Gold, von Francesco Xanto, 1538, iox/2 im
Durchm., 750 Gs; ditto, 1544, i8x/2 im Durchm., 115 Gs;
Venus nach dem Bad, Bronzestatuette nach G. di Bologna,
14 Zoll, 16. Jahrh., 240 Gs; geschnitzte Elfenbein-Plaque
mit Krönung Marias und Martyrium des St. Thomas ä
Becket, 33/4X2, französisch, 13. Jahrh., 145 Gs; tiefe Schüssel
aus venezianischem Majolika, bemalt von Maestro Lodovico,
iox/2 im Durchm., 110 Gs. Für die Glasmalereien aus der
Sammlung des verstorbenen Mr. Braikenridge wurden fol-
gende Preise gezahlt: Deutsch: aufrechtes Stück, bemalt
mit Dame in blauem Kleid und mit hohem Kopfputz,
lö^Xia1^, Anfang 16. Jahrh., 120 Gs, ditto, mit hl. Anna,
1571, 143/4Xi23/4, 25 Gs, ditto, mit König, der einen Becher
trägt, 143/4X1372, 16. Jahrh., 65 Gs, ditto, gewappneter
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