Kunstmarkt: Wochenschrift für Kenner u. Sammler — 7.1910

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DER KUNSTMARKT



Außergew. Werk der Meißner Frühzeit. Auf der Innenseite des Deckels Plakette mit
Bildnis Augusts des Starken. (Nr. 1551 der Aukt. Lanna bei R. Lepke in Berlin, 9.—16. Nov.)
(S. auch die Abbildung auf Seite 13 dieser Nummer)

VERSTEIGERUNG DER SAMMLUNG DES FREI-
HERRN ADALBERT VON LANNA
Am g. November wird in Rudolph Lepkes Kunstauktions-
haus in Berlin die Versteigerung der Sammlung des Frei-
herrn Adalbert von Lanna in Prag beginnen und bis zum
16. November dauern. Ohne Frage ist diese Versteigerung
das wichtigste Ereignis des deutschen Kunstmarktes in
diesem Jahre. Die Versteigerung der berühmten Kupfer-
stichsammlung Lanna im Mai dieses Jahres ist ja noch in
aller Gedächtnis. Die Versteigerung der kunstgewerblichen
Sammlung im November wird ihr in nichts nachstehen.
Denn wie Lanna seine Kupferstichsammlung zur besten
in deutschen Landen hatte gestalten können, so hat er auch
mit seltenem Geschmack und reichem Wissen eine Samm-
lung von Werken der Kunst und des Gewerbes in langen
Jahren zusammengebracht, die in der Tat ihresgleichen
sucht. Wie die Gebrüder Figdor in Wien richtete er sein
Augenwerk auf »warme« Kunst, auf beredte Objekte von
künstlerischer und kulturgeschichtlicher Bedeutung. Ein er-
heblicher Teil seiner Schätze stammt aus seiner öster-
reichischen Heimat und den Nachbargebieten, besonders
aus Franken, Sachsen und Schlesien. Das gilt vor allem
von den buntfarbigen Erzeugnissen der Hafnerei und von

den vielartigen Produkten der Keramik. Dar-
unter befinden sich die rechten Museumsbraten,
um die wohl heiße Kämpfe entbrennen werden.
Ebenso bedeutend ist die Folge der Zinn-
arbeiten, unter denen sich prachtvolle schlesi-
sche und sächsische Humpen befinden, Dinge
von der größten Seltenheit. Aber wenn Lanna
auch mit beneidenswertem Glück gerade Er-
zeugnisse des alten deutschen Kunsthandwerks
in fast durchgängig guten Qualitäten zu sam-
meln verstanden hat, großenteils in hohem
Maße museumswürdige Stücke, so hatte er es
keineswegs nur auf bodenständige deutsche
Waren abgesehen. Der Umfang seiner Inter-
essen wuchs mit seiner Sammelleidenschaft,
die immer das möglichst Beste im Auge hatte.
Er sammelte, wie ein guter Museumsmann
sammeln möchte und müßte, wenn ihm so
große Mittel zur Verfügung ständen, und wenn
er vor allem so sehr Liebhaber und Kenner
ist, wie es Lanna in einer langen und glück-
lichen Sammelkampagne geworden war. Lanna
brauchte sich nicht zu beschränken, konnte
auf alle Gebiete alter Kunst von der Antike bis
zur Biedermeierei übergreifen und so Serien
von mittelalterlichen und Renaissancearbeiten
zusammenbringen, unter deren Menge sich
erlesene Stücke, Seltenheiten und Schönheiten
ersten Ranges befinden. Die keramische Kunst
Italiens und des Orients, die Schmelzkunst
von Limoges und Venedig, Porzellan in Hülle
und Fülle und eine Menge Kleingerät aller
Art — alles steht den Kauflustigen zur Ver-
fügung, nur kein Splitter Glas ist dabei, denn
die herrliche Glassammlung Lannas, die beste
die unseres Wissens von einem Privatsammler
gebildet worden ist, hat Lanna dem Prager
Kunstgewerbemuseum als Schenkung über-
wiesen.
Jahrelang hat die kunstgewerbliche Samm-
lung Lannas, die jetzt hoffentlich in ihren
besten Stücken in deutsche Museen übergehen
wird, im Prager Museum öffentlich zur Schau
gestanden. Sie ist den Liebhabern wohl bekannt
und es ist nicht nötig, kurz auf Einzelheiten hier hinzuweisen.
Den Katalog hat H. Karl Krüger sachlich, präzis und ohne
die Fanfaronaden abgefaßt, die in unseren deutschen Ka-
talogen — besonders in den Kupferstich-Katalogen — be-
liebt sind. Dieser Krügersche, mit no Lichtdrucktafeln
ausgestattete Katalog verzeichnet 1988 Nummern und hat
als Vorspann ein kurzes Vorwort Otto von Falkes. Der
Katalog ist eine gewissenhafte Arbeit, neben welcher der mit
kostbaren farbigen Tafeln gezierte Prachtkatalog Leischings,
der unlängst in Leipzig erschien, einen harten Stand hat.
Beide Kataloge tragen auf ihrem Titelblatt die Bemerkung
I. Teil — und so dürfen wir hoffen, daß auch der zurück-
behaltene, von den Kennern geschätzte zweite Teil der
kunstgewerblichen Sammlung Lanna auf demselben Wege
der öffentlichen Versteigerung zu einem Teile wenigstens
übergehen wird an die Stellen, wo er den meisten Gemein-
nutz stiften kann: an die öffentlichen Museen. Wie gegen-
wärtig die Dinge auf dem internationalen Kunstmarkte
liegen, können wir uns nur glücklich schätzen, wenn die
Sammler den En-bloc-Versuchungen amerikanischer Agenten
und internationaler Kunstspekulanten widerstehen und ihr
Gut in öffentlicher Gant allen zugänglich machen, die sich
mit voller Börse werbend nahen. Nach den auf diese Art
entstandenen En-bloc-Verlusten der Sammlungen Hainauer,
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