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Kunstmarkt: Wochenschrift für Kenner u. Sammler — 12.1915

DOI issue:
Nr. 41 (3. September 1915)
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https://doi.org/10.11588/diglit.54674#0176
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DER KUNSTMARKT

komme, zu erwerben. Auch wird vorgeschlagen, die jähr-
liche Parlamentsbewilligung für die Nationalgalerie von
5000 Lstrl. auf mindestens 25000 Lstrl. zu erhöhen oder,
wenn die Regierung zu einem solchen Zuschuß nicht in
der Lage sei, die Summe dadurch aufzubringen, daß auf
die bei Versteigerung von Kunstwerken erzielten Beträge
eine Steuer gelegt und die Erbsteuer von Kunstwerken dem
Ankaufsfonds der Museen überwiesen wird. Originell ist
der von der Kommission noch gemachte Vorschlag, den
Besitzern von Kunstwerken, die diese der Nation verkaufen,
»solche Vorrechte oder Konzessionen einzuräumen, die man
für zweckmäßig hält«, auch soll das in solchen Fällen
bezahlte Geld beim Tode des Verkäufers von jeder Be-
steuerung befreit sein.
Vom deutschen Kunstmarkt im Kriege handelt
ein Aufsatz im »Temps«, wo Thiebault-Sisson die Mit-
teilungen wiedergibt, die ihm ein schweizer Museums-
direktor über seine Erfahrungen mit dem deutschen
Kunstmarkt in Kriegszeiten gemacht hat. Dieser schweizer
Museumsdirektor hatte auf einen starken wirtschaft-
lichen Niedergang, wenn nicht gar auf die völlige wirt-
schaftliche Zerrüttung Deutschlands gerechnet und er-
wartete daher, daß im Zeichen des Krieges Kunstwerke
aller Art in Deutschland um ein Billiges zu haben
sein würden. Die Versteigerungsverzeichnisse, die aus
Deutschland bei ihm eingingen, waren reichhaltig, und er
beschloß, diese günstige Gelegenheit nicht zu verpassen. Es
gelang ihm, Kunstfreunde in der Schweiz zu interessieren,
und er reiste zur Kunstversteigerung nach München, während
er seinen Assistenten nach Berlin entsandte. Besonders fand
er die moderne französische Schule durch Delacroix,
die Meister von Barbizon, Degas, Claude Monet, Re-
noir und andere trefflich vertreten, und außerdem waren
gute Arbeiten von Böcklin und Hodler zur Stelle, deren Er-
werbung ihn als Schweizer natürlich besonders reizten.
Er ging also, wie er offen gestand, zum ersten Versteigerungs-
tage mit dem Gefühl glücklichster Erwartung: aber die Preise
erreichten eine sehr bedeutende Höhe. Der Böcklin wurde
dreimal so teuer verkauft wie der Schweizer im äußersten

Falle anzulegen gerechnet hatte. Ebenso wurde Hodler
hoch bezahlt; die Preise für ihn zeigten gegenüber der
Zeit vor dem Kriege keinen Abschlag. Schließlich erzielten
auch die Werke der französischen Künstler sehr gute Summen
und der Schweizer mußte abreisen, ohne ein einziges Werk
erstanden zu haben. Auch dem Assistenten in Berlin war
es ebenso gegangen wie seinem Vorgesetzten. Er konnte
ihm außerdem noch berichten, daß auch auf dem Gebiete
des alten Kunstgewerbes der Vorgang der gleiche und ein
Niedergang des deutschen Kunstmarktes in keiner Weise
zu beobachten sei; eher sei ein Steigen der Preise zu be-
merken.
Soweit der »Temps«, dessen Beobachtungen den tat-
sächlichen Verhältnissen völlig entsprechen.
Aber es muß ebenso festgestellt werden, daß auch
in Paris die Verhältnisse ähnlich liegen. Im August hat
dort zum ersten Male seit Ausbruch des Krieges wieder eine
größere öffentliche Versteigerung von alten Gemälden und
Kunstgegenständen im Hotel Drouot stattgefunden. Es
handelte sich um eine Sammlung aus herzoglichem Be-
sitze. Die Preise hielten sich nicht nur fast auf der
gleichen Höhe, die sie vor dem Kriege eingenommen
hatten, es wurden sogar für einzelne Kuriositäten höhere
Summen angelegt, als sie seit Jahr und Tag zu verzeichnen
waren. Spricht das einmal schon für die günstige Lage
des Pariser Kunstmarktes, so wird diese Wahrnehmung
weiterhin noch durch die Tatsache bestärkt, daß gegen-
wärtig die Verkäufer sehr selten sind. Alle Kunsthändler
von Paris sind sich darin einig, daß es gerade heute im
Kriege schwer fällt, Seltenheiten zu kaufen. Es zeigt sich
eben auch hier wieder, daß der Kunstsammler mit Liebe
an seinen Schätzen hängt und sich nur im äußersten Not-
fälle von ihnen zu trennen vermag.
Dieselbe Beobachtung wie in Paris hat man gleichzeitig
auch in England gemacht; auch in London verharren die
Preise für Gemälde und andere Kunstgege’nstände, wie
aus den in letzter Zeit im »Kunstmarkt« veröffentlichten
Ergebnissen hervorgeht, in unverändert fester Haltung,
während das Kaufangebot bemerkenswerte Zurückhaltung
zeigt.

»Alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.«

»Der Eiserne«
Aus der Radierungsfolge »Krieg« von Erich Erler (Verlag P. H. Beyer & Sohn, Leipzig)
 
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