Kunstnachrichten — 2.1912-1913

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Stil gebaut werden dürfen, das schon deshalb,
weil doch nicht einmal die bestehenden Bauten,
die dem katholischen Kultus dienen, alle gleich-
mäßig diesen Stil aufweisen. Im übrigen wird
ein solcher Erlaß in einer Zeit, die eine Weiter-
entwicklung des Baustils mit aller Macht anstrebt,
als sehr weltfremd empfunden werden. — Doch
enthält der Aufsatz des Kardinals sehr beherzigens-
werte Vorschläge zur Wiedererweckung der religi-
ösen Malerei.

Sterbende Baudenkmäler. Die aus der römischen
Geschichte und aus Adolf Wildbrandts „Meister
von Palmyra" bekannte, fast sagenhafte Stadt
Palmyra in der syrischen Wüste an der Wasser-
scheide von Orontes und Euphrat geht immer
mehr einer vollkommenen Zerstörung entgegen.
Geheimer Oherbaurat Dr. Stübben wirft jetzt die
Frage auf, wie es denn möglich sei, daß bei dem
Eifer, mit dem alle Kulturstätten der Erforschung
antiker Baudenkmäler in unseren Tagen obliegen,
Palmyra bisher fast unberücksichtigt blieb?

Zwar ist vor einigen Jahren von Baalbeck aus
im Auftrage des Deutschen Kaisers ein archaeo-
logische Expedition nach Palmvra unternommen
worden. Teilnehmer dieser Expedition haben
einige ihrer Aufnahmen auf der letzten Berliner
Städtebauausstellung vorgeführt und bei vielen
die lebhafte Erwartung hervorgerufen, daß eine
wissenschaftliche Veröffentlichuno: in Kürze er-
folgen möge. Aber noch denkt niemand an
eine planmäßige Erforschung des gewaltigen
Trümmerfeldes und an die für die Erhaltung-
des Bestehenden unbedingt nötigen Sicherungs-
arbeiten. Der Verfall und die Zerstörung schreiten
von Jahr zu Jahr fort. Am stärksten gefährdet
sind das große Straßentor und die Front des
Zeustempels.

Wiederherstellung spanischer Kunstdenkmäler.

Jeder Besucher der Alhambra, des alten, über
Granada gelegenen Maurenschlosses, wird mit
Bedauern den allmählichen Veifall dieses herrlichen
mittelalterlichen Bauwerks wahrgenommen haben.
Diesem unwürdigen Zustande wird nun auf Befehl
des Königs von Spanien ein Ende gemacht werden,
da die Alhambra, wie der „Figaro" mitteilt, kürzlich
dem König als Domanialgut seines Hauses zu-
gesprochen worden ist. Somit erwächst für ihn
auch die Verpflichtung, für die Erhaltung der
Ruine zu sorgen. Wie die Alhambra sollen im
Laufe der Zeit auch die übrigen spanischen
Kunstdenkmäler — man denke nur an die bau-
fällige Kathedrale von Toledo — restauriert
werden.

Der Dom von Rimini. Aus Mailand wird der
Vossischen Zeitung geschrieben: Corrado Ricci,
der Generaldirektor der Schönen Künste hat den
Dom von Rimini zum Gegenstande eingehender
Untersuchungen gemacht. Bekanntlich hat Papst

Pius IL Sigismondo Malatesta, dem Herrscher
von Rimini, den schweren Vorwurf gemacht, daß
er einen Dom errichtet habe, den er zwar dem
heiligen Franziskus geweiht hätte, der aber viel
mehr ein Denkmal sei, das Sigismondo sich selbst
und seiner Liebe zu der schönen Isotta Degli
Atti gesetzt habe. Um dem päpstlichen Bann-
fluche zu entgehen, ließ der Herr von Rimini
Isottas Bildnis abschaben und die Marmorinschrift
des Grabdenkmals mit einer Bronzeplatte ver-
decken, die mit einer anderen Inschrift versehen
wurde. Ricci hat nun in der ersten Kapelle des
rechten Seitenschiffes der Kirche ein Marmor-
profil entdeckt, welches zwar die Spuren des
Raspeis trägt, der die Züge der schönen Frau
verwischen sollte, das sie aber immerhin noch
sehr deutlich erkennen läßt. Ricci hat ferner
die Bronzeplatte entfernt und die ursprüngliche
Aufschrift gefunden, welche die Schönheit und
die Tugenden Isottas preist und sie als den
Schmuck Italiens verherrlicht. Der Kunstgelehrte
hat aber noch eine andere interessante Ent-
deckung gemacht, indem er in dem großen
Steinband, das die ganze Kirche in der Höhe
von zehn Metern schmückt, die Worte einge-
meißelt fand: „Werk des Florentiner Bildhauers
Agostino", wodurch die Frage, wer der Erbauer
des Domes gewesen sei, endgültig gelöst wird,
indem diese Inschrift unzweifelhaft die Urheber-
schaft des Künstlers Agostino di Antonio di
Duccio bestätigt. Von diesem Meister rührt
aber nur die Innenarchitektur her, da Ricci auf
einem Gesimse des Domes die Aufschrift g-efunden

O

hat: „Werk des Metteo De' Pasti aus Verona,
Architekt des erlauchten Herrn von Rimini."
Durch die Verschiedenheit der beiden Architekten,
die das Innere und das Außere des Doms er-
baut haben, erklärt sich auch der bedeutende
Unterschied, der zwischen dem Äußeren des
Doms besteht, das in seiner Kraft und Nüchtern-
heit an römische Bauten erinnert, und dem
Inneren, dessen zarte Anmut einen ganz anderen
Eindruck macht. Jedenfalls sind die Entdeckungen
Riccis für die Geschichte der italienischen Bau-
kunst im Mittelalter von nicht geringer Bedeu-
tung und zeigen, wie vieles noch auf diesem Ge-
biete der italienischen Kunstgeschichte zu leisten ist.

Versteigerungen und Verkäufe.

Die Versteigerung der Sammlung Lippmann

im Berliner Kunstauktionshaus Rudolf Lepke war
ein Ereignis auf dem Berliner Kunstmarkt. Die
51 Gemälde, die aus dem Besitz des früheren
Direktors des Berliner Kupferstichkabinetts stamm-
ten und alte Meister aus dem 14. bis 17. Jahr-
hundert umfaßten, (Cranach d. Ä., Lorenzo Costa.
Lucini, Morcetto u. a.) waren von erlesenster
Qualität und wurden in Anwesenheit zahlreicher
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