Kunstnachrichten — 3.1913-1914

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„Die Gerechtigkeit" und „Die Eitelkeit" darstellend.
Die Vorbilder zu diesen Figuren hat man ohne
Zweifel in Kupferstichen oder Holzschnitten der
deutschen Frührenaissance zu suchen. Die Technik
ist insofern interessant, als die Zeichnung auf
grauem Grund mit schwarzen Linien eingeritzt ist,
also eine Art von Sgrafittomalerei darstellt. Die Ent-
stehung ist mit ziemlicher Sicherheit in das Jahr-
zehnt 1560—70 zu verlegen.

Restauration des Merseburgei Doms. Der
im Jahre 1015 erbaute Merseburger Dom wird noch
im Laufe dieses Sommers zum Teil restauriert wer-
den. Vor allem wird an Stelle des jetzigen Hoch-
altars ein im Jahre 1668 vom Herzog Christian ge-
stifteter barocker Hochaltar treten. Der Kaiser
stiftete für den Merseburger Dom sechs neue künst-
lerisch ausgeführte Kirchenfenster.

Die Kunst, alte Bilder wiederherzustellen.
Die jetzt so beliebte Suffragettentaktik, durch Zer-
störung von Kunstwerken die Aufmerksamkeit auf
sich zu lenken, macht die Frage aktuell, wie beschä-
digte Bilder, die ja hohe Werte bedeuten, wieder-
hergestellt werden. Handelt es sich um Risse oder
Schnitte in neuen Bildern, so läßt sich der Schaden
durch sorgfältiges Hinterkleben der „Wunden",
Pressen der Leinwand und Füllen der Risse in der
Farbschicht beseitigen. Schlimmer wird es, so
schreibt die „III. Ztg.", wenn die Leinwand, auf die
ein altes, kostbares Bild gemalt ist, brüchig und
morsch wird Dann besorgt sich der Restaurator, der
ein Künstler an Geschicklichkeit und Geduld sein
muß, ein Stück passendes starkes Papier. Dieses
Papier klebt er fest auf das Bild, auf die Malerei!
Dann kratzt er in unendlich mühevoller Arbeit die
alte Leinwand von der Rückseite der Farbschicht,
bis nur die dünne „Farbhaut" am Papier haftet. Nun
wird unter starkem Druck die neue Leinwand auf-
geklebt und — wieder in monatelanger Arbeit — das
Papier von der Bildseite abgeweicht. Das Resultat ist
das alte, echte Bild auf neuer, fester Leinwand! Der
französische Maler Haquin hat auf ähnliche Art sogar
auf Holz gemalte Bilder auf Leinwand „umgepflanzt",
indem er die Bildseite überklebte, das Holz bis auf
einen dünnen Rest abhobelte und das letzte mit wei-
chen Messern abschabte, bis die Farbschicht freilag
und mit neuer Leinwand beklebt werden konnte.
Lücken in alten Bildern werden vorsichtig mit Farben
ausgefüllt, die man von wertlosen Bildern derselben
Zeit nimmt, damit Zusammensetzung und Alter der
Farbkörper die gleiche ist,

Unterricht, Künstlervereine usw.

Die Errichtung einer Kunstakademie für
Frauen in Düsseldorf wurde in der Unterrichts-
kommission des Abgeordnetenhauses beraten. Der
Stadtverband für Frauenbestrebungen in Düsseldorf
und die Vereinigung Düsseldorfer Künstlerinnen und
Kunstfreundinnen haben beim Abgeordnetenhaus
eine Petition dieses Inhalts eingereicht, die nach ein-

stimmigem Beschluß der Kommission der Staats-
regierung zur Erwägung überwiesen wurde. Die
Stadtverordnetenversammlung der Stadt Düsseldorf
hat sich schon bereit erklärt, bei Errichtung einer
staatlichen Frauenkunstakademie das erforderliche
Schulgebäude nebst Grundstück unentgeltlich zur
Verfügung zu stellen.

Eine Dresdener Sezession. In Dresden hat

sich unter den Künstlern eine aufsehenerregende
Sezession vollzogen. Unter dem Namen .Dres-
dener Künstler - Gruppe 1913" sind etwa
20 der bedeutendsten jüngeren Dresdner Künstler
aus der Dresdner Kunstgenossenschaft ausgetreten;
dieser Austritt ist unter anderem mit auf den Gegen-
satz von jung und alt zurückzuführen. Die Dresdner
Künstler-Gruppe 1913 hat sich im vorigen Jahre ge-
gründet und ist bereits in diesem Frühjahr mit
einer Ausstellung in Dresden an die Oeffentlichkeit
getreten, die nun auch in anderen Städten gezeigt
werden wird. Der Gruppe gehören u. a. an: Prof.
Georg Lührig, Walter-Kurau, Georg Gelbke, Car)
Brose-Haeser, Alfred Thomas, Prof. Frey, F. R.
Scholz, Sieg-fr. Makowsky, Wolfgang Müller, M, Ko-
waczik, Prof. Hösel, Burkhardt-Untermhaus, Helling-
rath, Muhrmann, H. Schulze-Görlitz,

Aus den Kunstvereinen.

Bern. Im hiesigen Schweizerischen Kunstverein
fand die Hauptversammlung am 20. u. 21 Juni statt,
Profesor Dr. Weese hielt u. a. einen Vortrag über
Moderne Kunstanschauungen und Greco".

Hamburg. Im Kunstvereiii sind Arbeiten von
LesserUry, Landschaften des Vlamen Degouve
und neue grelle Experimentalmalereien von Erbs-
löh zu sehen. Den stärksten Eindruck hinterläßt
Degouves persönliche Kunst.

Köln. Unter dem Vorsitz des Justizrats Dr.
Victor Schnitzler fand die Hauptversammlung des
Kölnischen Kunstgewerbevereins statt. Der Kassen-
bericht schließt in der Einnahme mit 58 826 Mk.,
in der Ausgabe mit 9739 Mk, ab. Für den ■ Jahres-
bericht sind von besonderem Interesse die Erwer-
bungen des Domkapitular Schnütgen. Bei den An-
käufen war wieder der Gesichtspunkt maßgebend, das
Kunstgewerbemuseum bei dem reichen Bestand rhei-
nischer Arbeiten auch weiterhin zu einem Monu-
ment rheinischer Kunst auszugestalten. Der Gesamt-
wert der Neuerwerbungen von Kunstwerken beträgt
49 293 Mk. (59 252, 31 920 Mk. in den Vorjahren)
auf 128 Inventarnummern.

Mannheim. Im Hauptsaal der gegenwärtigen
Kunstvereinsausstellung zeigt der Bund B a d i-
scher Künstlerinnen eine Kollektion von
Arbeiten seiner Mitglieder. Zum größten Teile sind
es liebenswürdige Gemälde, die ein tüchtiges Können
verraten, sowie einige plastische Arbeiten, Von Namen
seien genannt: Edith Weck, Louise Kornsand, Ulla
Marx, Eugenie Kaufmann.
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