Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen
— 2.1920/21
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https://doi.org/10.11588/diglit.27814#0010
DOI issue:
1. Septemberheft
DOI article:Friedländer, Max J.: Von der Nutzbarmachung der Museen
DOI Page / Citation link:https://doi.org/10.11588/diglit.27814#0010
folgen versucht, ist rührend und wäre anzuerkennen,
wenn nicht dem löblichen Bildungsstreben so viel
Heuchelei beigemischt sein würde.
Der Redner muß wissen, wen er vor sich hat, er
kann nicht vor irgendwelchen Leuten sprechen; wie der
Lehrer, der seine Klasse kennt, muß er Klarheit darüber
haben,'"was er voraussetzen kann. Deshalb vermag man
allenfalls Primaner, oder Studenten mit Erfolg führen,
nicht aber das „Publikum“.
Die üblicherweise zugelassene Zahl von 50 Hörern
ist viel zu groß. Mehr als 10 Hörer in den Gemälde-
galerien und Kunstgewerbemuseen, mehr als 6 in Kupfer-
stichkabinetten sollten nicht geführt werden. Nur Männer,
die zu ihrer Sachkenntnis Lehrbegabung und Lehrerfahrung
besitzen, kommen als Führer in Betracht.
Aus alledem ergibt sich die Notwendigkeit, zu teilen, zu
gliedern. Undldaraus folgt, daß die Museumsverwaltung,
soweit sie sich an der Belehrung beteiligt, auf ein
mittelbares Verfahren angewiesen ist. Die Museums-
beamten, die mit den Monumenten am besten vertraut
sind, sollten die Lehrer heranbilden, vor kleinen Gruppen
von Studenten, Volksschullehrern und namentlich Zeichen-
lehrern systematisch kunstgeschichtlich aufklärend wirken.
Diese Unterweisung sollte aber nicht wörtlich an Schüler
oder Arbeiter weitergegeben werden, vielmehr völlig ver-
arbeitet auf die besonderen Lehrzwecke hin. Den Ar-
beitern und Schülern ist Kunst — nicht Kunstgeschichte —
zu lehren, soweit Kunst lehrbar gemacht werden kann.
Im Besonderen hätten die von Museumsbeamten unter-
wiesenen Zeichenlehrer beim Zeichenunterricht eine ele-
mentare und empirische Ästhetik vorzutragen, die aller-
dings von philosophischer Ästhetik sich völlig frei zu
halten hätte, und für die es bislang noch kein Handbuch
gibt. Wie ein tüchtiger Klavierlehrer erreichen kann,
daß seine Schüler, auch wenn sie nicht zur Meister-
schaft gelangen, Meisterwerke der Musik zu „verstehen“
und zu genießen, befähigt werden, so vermag der Zeichen-
unterricht — und dies ist vielleicht sein wichtigstes Ziel —
zur Liebe, Verehrung und Aufnahme der Gemälde, der
Bildwerke und der Bauwerke zu erziehen.
Der Zeichenlehrer, um ein Beispiel zu geben, spricht
vom Wesen der Linie, von Licht und Schatten, vorsich-
tig, Schritt für Schritt emporsteigend, zieht er Beispiele
der älteren Kunst heran, vergleichend, demonstrierend
geht er auf die Bedingungen der Technik über, auf Per-
spektive und Malweise im Wandel der Zeiten und ver-
bindet die Ergebnisse der kunstgeschichtlichen Unter-
weisung mit der Erfahrung elementarer Kunstübung.
Erste Voraussetzung eines förderlichen phrasenfreien
Unterrichts der angedeuteten Art bleibt Kunstempfindung,
damit in Verbindung das Durchdrungensein von der
Irrationalität des Kunstschaffens (Motto: „Was das
Schöne sei, das weiß ich nicht“). Der Vortragende sollte
wieder und wieder betonen, daß er in den Vorhof, nicht
in den Tempel führe. Er muß sich bescheiden, auf das
gedanklich Faßbare beschränken. Das Höchste, das Un-
kündbare, Undeutbare ist mittelbar zu erschließen, ehr-
fürchtig zu erwarten, bescheiden und dankbar zu be-
grüßen. Der Boden sollte beackert, die Blüte aber nicht
mit plumper Gedanklichkeit, überheblicher Wissenschaft-
lichkeit oder stammelnder Lyrik betastet werden. So
mag das Museum allmählich erschlossen werden, zwar
nicht Allen, aber Vielen und jedenfalls einer größeren
Zahl als bisher.
H u e t
L’Hlver.
In Farben gedruckt
Kunstauktion bei
Hoilstein und Puppei,
Berlin
2
wenn nicht dem löblichen Bildungsstreben so viel
Heuchelei beigemischt sein würde.
Der Redner muß wissen, wen er vor sich hat, er
kann nicht vor irgendwelchen Leuten sprechen; wie der
Lehrer, der seine Klasse kennt, muß er Klarheit darüber
haben,'"was er voraussetzen kann. Deshalb vermag man
allenfalls Primaner, oder Studenten mit Erfolg führen,
nicht aber das „Publikum“.
Die üblicherweise zugelassene Zahl von 50 Hörern
ist viel zu groß. Mehr als 10 Hörer in den Gemälde-
galerien und Kunstgewerbemuseen, mehr als 6 in Kupfer-
stichkabinetten sollten nicht geführt werden. Nur Männer,
die zu ihrer Sachkenntnis Lehrbegabung und Lehrerfahrung
besitzen, kommen als Führer in Betracht.
Aus alledem ergibt sich die Notwendigkeit, zu teilen, zu
gliedern. Undldaraus folgt, daß die Museumsverwaltung,
soweit sie sich an der Belehrung beteiligt, auf ein
mittelbares Verfahren angewiesen ist. Die Museums-
beamten, die mit den Monumenten am besten vertraut
sind, sollten die Lehrer heranbilden, vor kleinen Gruppen
von Studenten, Volksschullehrern und namentlich Zeichen-
lehrern systematisch kunstgeschichtlich aufklärend wirken.
Diese Unterweisung sollte aber nicht wörtlich an Schüler
oder Arbeiter weitergegeben werden, vielmehr völlig ver-
arbeitet auf die besonderen Lehrzwecke hin. Den Ar-
beitern und Schülern ist Kunst — nicht Kunstgeschichte —
zu lehren, soweit Kunst lehrbar gemacht werden kann.
Im Besonderen hätten die von Museumsbeamten unter-
wiesenen Zeichenlehrer beim Zeichenunterricht eine ele-
mentare und empirische Ästhetik vorzutragen, die aller-
dings von philosophischer Ästhetik sich völlig frei zu
halten hätte, und für die es bislang noch kein Handbuch
gibt. Wie ein tüchtiger Klavierlehrer erreichen kann,
daß seine Schüler, auch wenn sie nicht zur Meister-
schaft gelangen, Meisterwerke der Musik zu „verstehen“
und zu genießen, befähigt werden, so vermag der Zeichen-
unterricht — und dies ist vielleicht sein wichtigstes Ziel —
zur Liebe, Verehrung und Aufnahme der Gemälde, der
Bildwerke und der Bauwerke zu erziehen.
Der Zeichenlehrer, um ein Beispiel zu geben, spricht
vom Wesen der Linie, von Licht und Schatten, vorsich-
tig, Schritt für Schritt emporsteigend, zieht er Beispiele
der älteren Kunst heran, vergleichend, demonstrierend
geht er auf die Bedingungen der Technik über, auf Per-
spektive und Malweise im Wandel der Zeiten und ver-
bindet die Ergebnisse der kunstgeschichtlichen Unter-
weisung mit der Erfahrung elementarer Kunstübung.
Erste Voraussetzung eines förderlichen phrasenfreien
Unterrichts der angedeuteten Art bleibt Kunstempfindung,
damit in Verbindung das Durchdrungensein von der
Irrationalität des Kunstschaffens (Motto: „Was das
Schöne sei, das weiß ich nicht“). Der Vortragende sollte
wieder und wieder betonen, daß er in den Vorhof, nicht
in den Tempel führe. Er muß sich bescheiden, auf das
gedanklich Faßbare beschränken. Das Höchste, das Un-
kündbare, Undeutbare ist mittelbar zu erschließen, ehr-
fürchtig zu erwarten, bescheiden und dankbar zu be-
grüßen. Der Boden sollte beackert, die Blüte aber nicht
mit plumper Gedanklichkeit, überheblicher Wissenschaft-
lichkeit oder stammelnder Lyrik betastet werden. So
mag das Museum allmählich erschlossen werden, zwar
nicht Allen, aber Vielen und jedenfalls einer größeren
Zahl als bisher.
H u e t
L’Hlver.
In Farben gedruckt
Kunstauktion bei
Hoilstein und Puppei,
Berlin
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