Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

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„Der Kunstwanderer“ beabsichtigt von Zeit zu Zeit
Künstler über Künstler zu Worte kommen zu lassen. Lesser
Ury macht heute den Anfang. Wir haben uns an den
Berliner Meister mit der Bitte gewendet, seine Auffassung
über verstorbene internationale Maler wie Hodler, Is-
raels, Klinger und Zorn niederzuschreiben. Ury
sendet uns nun zu dieser Frage einen Artikel, der sicher ge-
eignet ist, großes Interesse zu erwecken. Es dürften zwar
nicht alle seiner Meinung sein, aber selbst dort, wo die
Meinungen divergieren mögen, zeigt sich die persönliche
Note seines scharfsichtigen Urteils.

f um ersten Male sah ich ein Bild von Hodler in
Berlin. Es war die „Nacht“. Wunderbar zeichne-
rische Gestalten, die in einem herben Naturalismus die
Träume der schlafenden Menschheit darstellen sollten.
In der Anschauung von Puvis de Chavannes angeregt,
zeigte es jedoch eine derartig selbständige, ich möchte
sagen brutale Auffassung der Charaktere, die da geschil-
dertwurden, daß man unwillkürlich zu diesem Bilde Partei
nehmen mußte, ln Berlin gefiel es natürlich nicht. Der
Weg, den dieser Meister nun eingeschlagen hatte und
den dieses Bild schon damals zeigte, mußte ganz sicher
zu den Primitiven führen und so entstanden auch wirk-
lich jene herrlichen Bilder, die eigentlich nur durch die
Beseelung der Linie und durch die vollständige Lebens-
verneinung oder wenn man will, durch die Verleugnung
des Naturalismus eine so mächtige Wirkung auf die Seele
des Betrachtenden ausübten.

Mir sind ja die Bilder, die aus einem inneren Ge-
fühl heraus entstanden sind, wie der „Auserwählte“, mit
diesen wenn auch sehr an die Primitiven gemahnenden
Gestalten der Engel, oder jenes „Lied aus der Ferne“
usw. lieber, als die Gestalten, wo er noch versucht hat,
den Naturalismus mit einem gewissen Idealismus zu ver-
binden. Dazu würde ich rechnen „Der Rückzug der
Schweizer“ und auch die Bilder, die er für uns im Rat-

haus von Hannover gemalt hat. Aber wie jeder große
Künstler hat auch er eine Erklärung für seine Kunst ge-
sucht und er glaubte sie in dem Parallelismus der Linie
gefunden zu haben. Kunst ist aber über jeder Erklärung
und das Werk besteht länger als jede Theorie.

Hodler war Schweizer und es ist natürlich, daß er
von den großen Nachbarländern, Frankreich besonders,
aber auch Deutschland und Italien, sehr vieles in seine
Kunst aufgenommen hat. Eigentümlich berührte es, daß
er in seiner Jugend mit dem strengen Naturalismus an-
fing, um dann in seinen späteren Jahren zu der absoluten
Verneinung der Farbe und des wirklichen Lebens zu ge-
langen. Es scheint, daß in diesen Jahren dieser Werde-
gang der Kunst bei allen großen Künstlern gewesen ist.

Auch Israels, der Holländer, malte in seiner Ju-
gend Historienbilder, die schließlich mit seiner späteren
Kunst garnichts zu tun hatten. Er war eigentlich schon
ein Dreißiger, als er sich von dieser ganzen Richtung
zurückzog, und seine innere Welt, die Welt der Armen
und der Enterbten zu schildern begann. Leider war es
mir nicht vergönnt, diesen von mir so hochverehrten
Meister, als er in Berlin war, persönlich sprechen zu
können. Ich erinnere mich des mächtigen Eindrucks, den
ich von dem ersten Bild von Israels empfing. Es war,
glaube ich, Mitte der achtziger Jahre in Brüssel. Die
Vingtisten hatten ihre erste Ausstellung in Brüssel ge-
macht und dazu einige Einladungen an fremde Meister
ergehen lassen. Wenn ich jetzt zurückdenke an dieses
Bild von Israels, so sehe ich vor mir eine große dunkle
Fläche, die wunderbar durch die Farbe beseelt war. Ich
glaube, in diesem Halbdunkel muß ein Bett gestanden
haben, in welchem eine tote Frau lag. Vor diesem Bett
saß eine Gestalt. Das ganze war eigentlich nichts als

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