Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

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Aus dev jvtufeums:: und Sammlet?toelh

Wilhelm von Bode ist am 10. Dezember 75 Jahre alt
geworden. Man weiß, daß seine Verdienste um die Kunstwissen-
schaft unvergänglich sind und welche Riesenarbeit er als General-
direktor der Berliner Museen geleistet hat, die ihm ihre große
und reiche Entfaltung verdanken. Und daß Bode es gewesen ist»
der auch das private Sammelwesen in Deutschland in neue
Bahnen lenkte und der den Hauptanteil hat an der rapiden Ent-
wicklung der großen Berliner Privatsammlungen seit der Mitte
der siebziger Jahre bis in unsere Zeit, das muß die Geschichte
des deutschen Sammelwesens besonders anerkennen. Sein Name
ist schon se t langem international gewertet, ist ein Weltname.
„Der Kunstwanderer", der Geheimrat Dr. von Bode zu seinen
Mitarbeitern zählen darf, wünscht dem berühmten 75 jährigen
Berliner Kenner, daß ihm seine bewunderungswürdige geistige
Rüstigkeit noch viele viele Jahre erhalten bleiben möge 1

*

Geheimrat Dr. v. Harnack (für die Generalverwaltung der
Preußischen Staatsbibliothek) und Professor Dr. Ludwig Darm-
staedter (für den Verein der Freunde der Preußischen Staats-
bibliothek) laden zur Besichtigung einer Beethoven-Aus-
stellung ein, die anläßlich des 150. Geburtstages des Ton-
dichters vom 11. bis 23. Dezember im Ausstellungssaal der
Preußischen Staatsbibliothek veranstaltet wird. Von
dieser bedeutsamen Veranstaltung wird hier noch zu sprechen sein.

*

Der Frankfurter Kunsthistoriker Dr. W. Müller-Wulckow
ist zum Direktor des Oldenburger Landesmuseums
ernannt worden, das in den Räumen des alten Oldenburger
Schlosses erstehen soll.

*

Im Kunstgewerbe-Museum zu Frankfurt a. M.
ist ein großer, von Kurt Albrecht von Unruh entworfener, von B.
von Bellersheim ausgefühlter Wandbehang ausgestellt. Ferner
wurde eine neue Sonder-Ausstellung „Kostbarkeiten der Bibliothek
J e i d e 1 s " eröffnet. Ausgestellt sind wertvolle Frühdrucke,
Handschriften sowie besonders kostbare Werke über Gold-
schmiedekunst. Die Bibliothek Jeidels, die einzige existierende
Spezialbücherei für Edelschmiedekunst ist dem ihr vor kurzem
drohenden Verkauf ins Ausland entgangen und durch die groß-
zügige Liberalität ihres jetzigen Besitzers der Frankfurter Kunst-
gewerbe-Bibliothek zur öffentlichen Benutzung wieder zur Ver-
fügung gestellt worden.

Uot?träge übet? Staatliche Sammlungen.

Man schreibt uns aus Dresden: Das sächsische Kultus-
ministerium hat die Initative zu einer Veranstaltung ergriffen, die
bemerkenswert ist. Auf seine Veranlassung werden die Direktoren
der staatlichen Sammlungen für Kunst und Wissenschaft in
Dresden je einmal im Jahre einen öffentlichen Vortrag
mit Lichtbildern aus dem künstlerischen oder wissenschaft-
lichen Gebiete ihrer Sammlung halten. Diese in Zwischeniäumen
von 3-4 Wochen einander folgenden Vorträge sind jedermann
zugänglich und unen'geltlich; sie finden jedesmal Sonntags statt,
und zwar von 11 12 Uhr im Hörsaal des Albertinums.

Der erste Vortrag, den Prof. Dr. Sponsel über das Grüne
Gewölbe halten wird, findet am 5. Dezember statt. Weiter sind
folgende Themen in Aussicht genommen: Das S ädtebild in der
graphischen Kunst (Prof. Dr. Singer), Die wichtigsten mineralo-
gischen Rohstoffe der Erde, ihr Vorkommen und ihre Gewinnung
(Prof. Dr. Rimann), Die Gemäldegalerie (Direktor Dr. Posse),
Die Rüst- und Kunstkammer im Historischen Museum (Prof. Dr.
Hänel), Zeitbestimmung und Uhr im Wandel der Zeiten (Geheim-
rat Prof. Dr. Pattenhausen), Antikensammlungen in alter und
neuer Zeit (Prof. Dr. Herrmann), Die Porzellansammlung, ihre
Entstehung und Bedeutung (Prof. Dr. Zimmermann), über ein
Thema aus dem Bibliotheks- und Buchwesen (Prof. Dr. Bollert).

Mit dieser Einrichtung wird gewiß einem Bedürfnis Rechnung
getragen, das sich schon lange geltend gemacht hat. Es fehlt

immer noch an Mitteln und Wegen, die Kunst ins Volk zu tragen,
zumal die bisher gebotenen Vorträge nur immer mit Geldkosten
verknüpft sind. Das Volk gibt zwar jetzt viel mehr Geld aus als
früher, aber es will einen besonderen Genuß dafür haben, eine
Art Genuß, die vom Kunstgenuß meist himmelweit entfernt ist.
Darum muß ihm die Kunst entgegengebracht werden, wenn es
nicht von selbst zu ihr hinkommt, d. h. es muß dem Volke die
Kunst in einer Weise geboten werden, daß sie ihm verständlich
und — ohne Kosten erreichbar wird. Durch solche Vorträge
würden sich wohl dann viele bewogen fühlen, die Sammlungen
zu besuchen, die heutzutage von der großen Menge noch arg
vernachlässigt werden, die oft gar keine Ahnung von den Schätzen
hat, die in ihrer nächsten Nähe sich befinden. Der Kunst, d. h.
der höheren Kunst steht das Volk noch immer ziemlich verständ-
nislos gegenüber. Darum auch sein Gefallen an der Scheinkunst!

Man darf darauf gespannt sein, welchen Erfolg das neue
Unternehmen des sächsischen Kultusministeriums haben wird.
Sicherlich ist es von hoher kultureller Bedeutung und verdient
die Beachtung weitester Kreise. P. S.

i

KunftausftellurigerL

lurige Holländische Kunst in Bcttlin.

Im ehemaligen Kronprinzenpalais ist seit dem
9. Dezember die junge holländische Kunst zu Gaste. Es ist eine
Austausch-Ausstellung der „Kornscheuer“. Die Kornscheuer
(Coornschuere) ist, wie der Reichskunstwart Dr. Redslob sich
ausdrückt, „eine Stätte des Sammelns, eine Stätte des Austausches“
und sie „bekämpft die geistige Atmosphäre vor dem Krieg, die
dafür sorgte, daß ein Volk vom anderen nicht sein Heute, sondern
nur sein erstarrtes Gestern kennen lernte und daß die Jugend
Europas, eingeengt durch dieses verhängnisvolle System, auf
kulturellem Gebiet aneinander vorbei lebte, ja mehr noch, daß
ein Volk im anderen sein abgetanes Gestern verachtete.“

Dieser Gedanke der „Kornscheuer“, die von Const. J David
geleitet wird und für die Friedrich Marcus Huebner im Haag
propagandistisch wirkt, ist schön und edel. Ganz neu ist er nicht.
„Der Kunstwanderer“ hatte ihn schon in seinem 1. und 2. November-
heft von 1919 verfochten. Als wir damals zum ersten Mal auf
das Projekt einer englischen Austausch-Ausstellung in Berlin hin-
wiesen und die Meinung aussprachen, daß gerade die Kunst jene
schroffen politischen Gegensätze, wie sie zwischen den Völkern
bestanden haben, überbrücken könnte, sind wir heftig bekämpft
worden.

Heute sind also die jungen holländischen Künstler bei uns.
Der Anfang wäre gemacht. Wir treten mit hohen Erwartungen
an die Ausstellung heran, denn wir fühlen tief, was wir der
holländischen Kunst überhaupt verdanken: Wir denken an

Rembrandt und Hals, denken an Israels und van Gogh . . .
Offenbarungen freilich bringt diese Ausstellung nicht, aber Be-
gabungen sind da, wenn sie auch noch sehr von van Gogh leben.
Und so wie es in Deutschland der Fall ist, gibt es auch im
Holland von heute jene unvermeidlichen Mitläufer, die genau die
gleichen Spielereien malen. Nur einen kleinen Unterschied spürt
man in manchen von diesen kunstgewerblich bemalten Leine-
wanden: eine koloristisch stärkere Kultiviertheit, d. h. die üblichen
Mitläufer malen nicht ganz so schabionmäßig darauf los wie bei uns.

Jan T o o r o p ist natürlich kein Jüngling mehr. Aber Toorop,
der einst mit Ury zusammen bei Portaeis in Brüssel gewesen ist,
scheint doch für die jungen Holländer noch so etwas wie ein
Vorwärtsdränger. An Toorop nun schließt sich Kaes van Dongen
an, den man ja auch schon bei uns kennt, dessen flache Art uns
aber wenig zu sagen hat. Dagegen zeigt Lodewijk Schelfhout
in seinen Korsika-Aquarellen samtige Tonigkeit, Matthieu
Wieg man beachtenswerte Kompositionswerte, Elsa Berg
zarte Anklänge an den Belgier Khnopff. E. L. Schwarz strebt
koloristische Wirkungen an, die sich etwa für Glasfenster-
entwürfe nutzen ließen, und den geborenen Glasmaler Thorn
Prikker schätzt man bei uns schon längst.

Louis S a a 1 b o r n kubistelt zag und zahm, Leo G e s t e 1
„stürmt“, als wenn er zum Berliner Kreise des Herrn Waiden

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