Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

Page: 161
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Kunff und lütffenfcbaft im neuen Staat Tbütnngen

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i-Ts macht sich so leicht niemand in Deutschland außer-
-*—' halb Thüringens einen rechten Begriff davon, welche
Schätze und Erzeugnisse der Kunst das schöne Land
birgt.

Die Lage im Herzen Deutschlands hat das Thüringer
Land zu einem geistigen Mittelpunkt Deutschlands werden
lassen. Die vielen kleinen Staaten, unterstützt durch
vereinzelte kunstliebende Glieder der ehemals regierenden
Häuser, hatten sich jeweils in bestimmter Richtung ent-
wickelt. Das neue Thüringen zieht nun allenthalben die
Blicke auf sich. Die Leipziger Jllustrierte Zeitung widmete
dem Lande eine Festnummer. Es beginnt eine neue
Epoche in unserer Geschichte. Der Staat als
Kunstwerk im höheren Sinne fesselt da gewiß
alle Kreise unseres Vaterlandes, denen Weimar und Jena
kein bloßer Name ist.

Wir denken geschichtlich, wenn wir der Hoffnung
Ausdruck geben, daß der neue Staat zu großer kultureller
Wirksamkeit berufen sein möge, um sein politisches
Dasein zu befestigen und zu vertiefen. Der Kultus-
minister von Thüringen muß künftig eine der ehren-
vollsten Stellen des ganzen Deutschen Reiches heißen,
von vielen mit Recht beneidet, zu edelster kultureller
Tätigkeit berufen, ein Träger und Hüter der geistigen
Tradition Weimars und Jenas. Aber noch mehr! Die
neue Zeit fordert neue Leistungen, die Vorbedingungen
dafür sind gegeben, es bedarf aber der Kräfte, die
Schätze zu heben. Auch für Kunst und Wissenschaft,
diesen heute so bedeutungsvollen Äußerungen des mo-
dernen Staates, bedarf es nunmehr mutiger und starker
Begabungen, deren geistige Spannkraft trotz der Schwierig-
keiten für die schwere, aber hohe Aufgabe wächst.

Heute ist, eine Folge der alten kleinstaatlichen Ent-
wicklung, in Thüringen noch zu vieles verzettelt, schwer
erreichbar und unbekannt. Selbstverständlich wird kein
geschichtlich empfindender Mensch daran denken, das,
was nicht nach Weimar und Jena gehört, mit aller Kraft
dorthin zu bringen. Das Münzkabinett bleibe in Gotha,
und Gera vergrößere den berechtigten Ruf seines Theaters
und seiner Volkshochschule. Indessen ist es nunmehr
notwendig, gewissermaßen einmal eine geistige In-
ventur Thüringens vorzunehmen und die künst-
lerischen und wissenschaftlichen Kräfte des Landes zu-
sammenzufassen, sie zu neuen Leistungen zu veranlassen,
sie dabei zu fördern und zu unterstützen und weiten
Zielen entgegenzuführen. Das deutsche Volk und wir
Thüringer sind doch beileibe kein alterndes Volk; es ist
an der Zeit, die geistige Müdigkeit, die sich bei den
einen der Zeitgenossen gezeigt hat, zu überwinden. Die
anderen werden von einer Fülle neuer künstlerischer und
wissenschaftlicher Gesichte verfolgt, angeregt und erregt.

Ein durchgeistigtes Prachtwerk „Thüringen“ sollte
Zeugnis ablegen von dem sachlichen und persönlich-
geistigen Eigentum des Landes. Auch ist der geeignete
Augenblick gekommen, um mit anderen Bundesstaaten
in Wettbewerb zu treten: für eine große thüringische
kulturelle Zeitschrift, einem Sammelpunkt der künstle-
rischen und geistigen — dazu gehören natürlich auch
die höheren politischen — Kräfte des Landes, bedarf es
bei der Fülle der kulturellen Überlieferung nur der
äußeren Anregung. Welche Möglichkeiten bieten sich
für die Zukunft, wenn einmal die gesamten geistigen
Strömungen zusammengefaßt werden und die Überzahl
der Zeitschriften und Zeitschriftchen im Traktätchenformat
verschwinden, die wenigen dienen und der Allgemeinheit
nichts nützen. Verleger von europäischem Ruf arbeiten
in Thüringen. Neben der Universität blühen Kunstinstitute,
Theater, Bibliotheken, Museen, Goethe - Schiller - Liszt-
Nietzsche-Archive ■— wer kann Thüringens köstliche
Besitztümer restlos aufzählen? Schrieb doch kürzlich
ein bekannter Berliner Gelehrter, daß er auf einer ein-
gehenden Studienreise mit größtem Erstaunen und un-
vergeßlicher Freude die bekannten und leider oft halb-
unbekannten Schätze Thüringens kennen gelernt habe.
Für einen wissenschaftlich-künstlerisch-politischen Gesamt-
gedanken in Thüringen gilt es die vorhandenen Kräfte
zu fördern und heranzuziehen. Wie der Mensch, lebt
auch der Staat nicht vom Brot allein, und die zum Teil
staatsmännisch hervorragenden Begabungen, die vor der
Geschichte die Verantwortung der Bildung des neuen
Staates Thüringen übernommen haben, werden ganz ge-
wiß dieser Seite des Staatslebens ihre Aufmerksamkeit
zuwenden. Wie die Zeiten des Witzblattprofessors un-
widerbringlich dahin sind, so sind heute für die Vertreter
von Kunst und Wissenschaft die Tage beschaulicher
Ruhe vorbei. Man kann das beklagen, aber man muß
es offen aussprechen. Nicht nur lebenswichtige Auf-
gaben für den Staat Thüringen sind es, die seiner harren,
sondern auch äußerst reizvolle. Und das schöne Land
verdient es wahrlich, daß seine Kultur weiter blüht, wo
in manchem Schlosse die Kunstwerke bis in die Wacht-
stube hineinhängen, wo auch Volkshochschulen gegründet
worden sind, die ernsten Geist pflegen. Staat und
Mäzenatentum werden freilich bald eine Ehe eingehen
müssen, soll besonders der wissenschaftliche Großbetrieb
in Jena nicht leiden. Der Geist von Jena und Weimar
aber verdichte sich zu einem thüringischen Staats-
gedanken und bilde einen wertvollsten Bestandteil
des deutschen Kulturlebens der Gegenwart im Herzen
Deutschlands und zugleich die feste und trag-
fähige Brücke zwischen dem Norden und Süden des
Reiches.

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