Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

Page: 188
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstwanderer1920_1921/0196
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Aus dev jviufeumss und Sammlern)elt

Die moderne Abteilung dec Dttesdenet? Qalecie.

Dieser Tage ist, wie man uns aus Dresden schieibt, die
moderne Abteilung der Dresdner Galerie wieder eröffnet worden,
nachdem sie in den letzten Wochen wegen Neuordnung ge-
schlossen war. Wie bekannt, herrschte in dieser Abteilung eine
Raumnot, die in keiner Weise mehr bewältigt werden kann, außer
durch einen Neubau. Dieser aber ist infolge der staatlichen Geld-
not auf unbestimmte Zeit verschoben worden. So blieb dem Di-
rektor Posse, wenn er seine modernen Gemälde aufhängen
wollte, nichts anderes übrig, als mehr als zweihundert fiüher er-
worbene Bilder in die Vorratskammer zu verweisen, und mit den
übrigen die moderne Abteilung ganz neu anzuordnen. Sie bietet
nun in der Tat ein ganz verändertes Gesamtbild dar: von den
235 ausgestellten Gemälden sind seit 1910 gegen 120 neu erwor-
ben, darunter 30 erst im letzten Jahre. Dabei haben drei hervor-
ragende Sammler Dresdens, die Herren Oskar Schmitz,
AdolphRothermund und FriedrichLahmann die Ga-
lerie durch bedeutsame Leihgaben unterstützt. Die prächtige
Auswahl von rund dreißig Gemälden der Alt-Dresdner Schule
— Friedrich, Carus, Gille usw — aus Lahmanns Besitz ist schon
längere Zeit in der Galerie. Neu aber sind hier die Gemälde, die
Herr Schmitz aus seiner so großartigen Sammlung deutscher und
französischer Gemälde der Neuzeit zur Verfügung gestellt hat.
Darunter gehören sieben Gemälde von Delacroix, ein in Deutsch-
land ganz einzigartiger Schatz, und weiter bedeutende Werke von
G6ricault, von Liebermann — nicht weniger als 15 Stück — von
Schuch und von Trübner das Bildnis des Mädchens im grünen
Kleide auf rotem Grunde. Nicht minder bedeutsam ist die Leih-
gabe des Herrn Rothermund, der zugleich der Galerie zwei der
hervorragendsten Werke Liebermanns und der modernen deutschen
Kunst überhaupt: eine Judengasse und ein Krautfeld geschenkt
hat. Geliehen hat er u. a. die köstliche Dame in rosa von Manet,
ein Glanzstück seiner Sammlung. Die übrigen neuen Gemälde
der Galerie sind teils eigene Ankäufe, teils solche des Vereins
der Galeriefreunde, die die Galerie jederzeit in ihr Eigentum
übernehmen kann. Zu diesen Neuerwerbungen gehören Werke
von Lovis Corinth (Walchensee von 1920) von Beckmann (das
zartgetönte Bildnis einer Gräfin Hagen), Waldemar Rösler, van
Gogh, Degas, Karl Hofer und Kokoschka. Was die Galerie von
Werken der Modernsten, meist Dresdnern besitzt, ist in dem großen
linken Ecksaal des zweiten Obergeschosses zusammengehängt:
von Kokoschka zwei Leihbilder und die farbenglänzende Brücke
als Besitz der Galerie, von Franz Marc als Leihgabe der Witwe
das große Bild Tierschicksale, von Emil Nolde ein Stilleben, von
Felix Müller die Familie, von Heckei das Boot, ferner Werke von
Pechstein, Hofer, Pascin u. a. Die ägyptische Bilderreihe Max
Slevogts, diese „märchenhafte Hochleistung des deutschen male-
rischen Impressionismus“ die den oben genannten Moderneren den
Platz geräumt hat, kommt jetzt, in einem Kabinett eng zusammen-
gehängt, noch besser zur Geltung als bisher. Bedeutend ver-
mehrt ist auch die Sammlung von Werken älterer Dresdner
Meister — ganz abgesehen von der Sammlung Lahmann, die als
solche geschlossen aufgehängt ist: Caspar David Friedrich,

Kersting, Carus, Gille usw. sind nunmehr so weit vertreten, wie
kaum irgendwo. Namentlich fällt das große Prachtbild des Ein-
gangs zum Friedhof von Friedrich auf. Dazu kommt Ferdinand
v. Ray ski, von dem die Galerie jetzt nicht weniger als 14
Werke besitzt. Neu ist darunter das lebensgroße Bildnis des
Obersten von Berge in Kürassier-Uniform und das zwar etwas
photographenhaft gestellte aber sehr heiter und anmutig wirkende
Gesamtbild der Familie von Schröter an der Gartenfreitreppe des
Schlosses Bieberstein. Es ist durchaus richtig, daß Direktor Posse
von diesem Dresdner Meister so viel ankauft als nur möglich ist:
als Bildnismaler ist ihm keiner seiner deutschen Zeitgenossen
ebenbürtig.

Von der Anordnung hat Posse den Grundsatz der geschicht-
lichen Folge aufgegeben, weil er sich in der Reihe der kleinen
Kabinette ohne künstlerische Härten nicht durchführen ließ, wohl

aber hat er die Bilder nach ihrer inneren Zusammengehörigkeit
trefflich gruppiert, auch die Wandfarben mit sicherem Geschmack
so gewählt, daß sie die farbige Wirkung der Gemälde steigert,
im allgemeinen ist die Anordnung so, daß die 14 Rayskis in dem
großen Treppensaale in der Mitte, links die Gemälde von
1800—1870, rechts die von 1870 bis zur Gegenwart hängen. In
dem großen Ecksaale zur Linken sieht man das große Frauenbild
von Makart, ferner Bilder von Defregger, Haug u. a. Hier
wird einem recht klar, daß diese Malerei tatsächlich einer ver-
gangenen Zeit angehört hat und daß wir jetzt in einer ganz neuen
Welt der Kunst leben. Daß Posse ernstlich bestrebt ist, diesem
neuen Geiste in der Dresdner Galerie den gebührenden Raum zu
schaffen, davon liefert die wohlgelungene neue Anordnung der
modernen Abteilung den besten Beweis. Daß diese dabei etwas
das Gepräge einer wechselnden Ausstellung angenommen hat,
ähnlich wie in Berlin, ist durch die Raumnot gegeben, ein Zustand,
der nur durch den dringlich notwendigen Bau eines neuen Galerie-
gebäudes beseitigt werden könnte. P. Sch—nn.

Das Retcbsunctßbaffsmufeum in seinec
kulturellen Bedeutung.

Das neue Reichswirtschaftsmuseum in
Leipzig besitzt neben seiner v o 1 k s w i rt s c h a f 11 i c h e n
Bedeutung auch eine hohe kulturelle und historische.
Es bildet einen Markstein in der Geschichte der deutschen
Volkswirtschaft, zumal es aus dem Kriegswirtschaftsministerium
hervorgegangen ist, das einer einheitlichen Darstellung der wirt-
schaftlichen Ergebnisse des Krieges diente. Dazu kamen die
Sammlungen der Kriegsrohstoffabteilung des Kriegsministeriums,
sowie die der Kriegsorganisationen und Gesellschaften halbamt-
licher Art.

Das Reichswirtschaftsmuseum unterscheidet sich allerdings
wesentlich von den Museen anderer Art. Hier wird das Ergebnis
industrieller und gewerblicher Arbeit vor Augen geführt, die in
Deutschland vor allem während der Kriegszeit geleistet worden
ist, hier werden auch die Mittel und Wege des Wiederaufbaues
gezeigt, und zwar nicht bloß den Kenntnissen des Fachmannes
entsprechend, sondern auch dem Verständnis der Allgemeinheit
angepaßt. Und dies vor allem verleiht dem Unternehmen den
Charakter eines „Museums“.

Das neue Museum will ein Institut zur wissenschaftlichen
Bearbeitung industrieller Fragen sein, welchem Zwecke die
Studiensammlung, das Archiv und die Bücherei dienen. Dabei
werden die wirtschaftlichen Verhältnisse des Friedens und des
Krieges gleichsam gegenübergestellt. Auch der Wissenschaft ist
in vollem Maße Rechnung getragen. So stellt z. B. die Abteilung
Kohle eine bedeutsame Lehrsammlung der Energiewirtschaft dar,
reiches Demonstrationsmaterial liefert die Wärmewirtschaft, die
Stickstoffwirtschaft usw. Man gewinnt eine klare Übersicht über
die gesamte deutsche Technik, ihre Entwicklung, Werkzeuge und
Arbeitsgebiete, ähnlich wie das Deutsche Museum in München,
aber doch von anderen Gesichtspunkten zusammengestellt und
geordnet. Auch in diesem Museum wird eine Entwicklungs-
geschichte dargeboten, in deren Vordergrund allerdings weniger
das historische, als das wirtschaftliche Interesse steht. In dieser
Hinsicht stellt das neue Unternehmen ein ganz neuartiges Museum
dar, das vielleicht auch einmal für die Museumskunde und für
die Entwicklung des Museums selbst von Bedeutung wird. Denn
von eigentlichen „Wirtschafts“-Museen hat man noch nichts ge-
hört. Das wirtschaftliche Prinzip schien von dem Wesen des
Museums zu verschieden zu sein, als daß es in dem Rahmen
eines solchen dargestellt werden könnte. Und wenn man die
Aufgabe des Reichswirtschaftsmuseums allein darin erblicken
wollte, die neuen Verfahren und Verhältnisse, Materialien und
Produkte, sowie die wirtschaftlichen Gesichtspunke, aus denen
sie hervorgegangen sind, darzustellen, so könnte man mit größerer
Berechtigung lediglich von einer „Ausstellung“ sprechen. Hier
kommt es aber vor allen Dingen darauf an, die Beziehungen der
einzelnen wirtschaftlichen Darstellungen zueinander und zur
Gesamtheit, ihren volkswirtschaftlichen Zusammenhang vor Augen

188
loading ...