Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

Page: 336
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstwanderer1920_1921/0344
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Ttcec und Söttee als Amulette in Altägypten

oon

Wattev H- Dammann

Die in nachstehendem Aufsatz abgebildeten Stücke
gehören dem Hamburgischen Museum für Kunst und
Gewerbe. (Vgl. „Der Kunstwanderer“, 2. Dezember-
heft 1920.)

L)ei einer früheren Betrachtung altägyptischer Amulette
' konnten wir die vereinfachende und übertreibende
Darstellungweise beobachten, die den Künstler Ägyptens
in den Stand setzte, auch bei Bildwerken kleinsten Maß-
stabes zugleich denkmalhafte Großartigkeit und verblüffende
Naturtreue zu bewirken. Denn auch der Eindruck des
lebendig Naturgemäßen galt der späteren Kunst, der die
Amulette unserer Sammlungen fast ausschließlich an-
gehören, im Gegensatz zur Großbildnerei des Alten
Reiches als künstlerische Aufgabe. Diese nicht ganz
einfachen künstlerischen Beziehungen werden vor allem
dann sinnfällig, wenn es sich um Vergegenwärtigung
organischer Form, um Tier- und Götterbilder handelt;
jedoch kann hier auf die früheren Ausführungen ver-
wiesen werden.

Wenn unter den Amuletten Tiere erscheinen, so ist
damit fast immer die Anrufung einer Gottheit gegeben.
Entweder hat das Tier selbst göttlichen Rang, wie der
Stier (Apis in Memphis, Mnevis in Heliopolis, Buchis
in Hermontis) oder das Krokodil (der Gott Sobk).
Oder das Tier ist der sinnbildliche Hinweis auf die
Gottheit, der es dient. So gehört der Löwe fast immer
der Kriegsgöttin Sechmet, der Hundskopfaffe oder
der Ibis dem weisen Thoth, der Schakal dem Toten-
versorger Anubis, der Widder dem Stromgott Chnum,
die Katze der Liebesgöttin Bast, das Nilpferd der
Geburthelferin Toeris, der Sperber dem Horus, der
Geier der Reichs- und Wappengöttin Nechebt usw.
Über diese Gottheiten wird demnächst zu reden sein.
Bei einigen Tieren tritt jedoch der Bezug auf eine Gott-
heit, wenn er überhaupt vorhanden ist, neben den sonstigen
Symbolismen, die in Betracht kommen, zurück. Sehr
mannigfache Deutung läßt sich an das Bild der Schlange
oder des Schlangenkopfes anknüpfen. Nächstliegend
wäre der Gedanke an Schutz vor Schlangenbiß, was
namentlich auch für den im gewtirmdurchwimmelten Tal
der Unterwelt wandelnden Toten von großem Wert wäre.
Um ägyptisch zu denken, muß man dabei nicht nur
wirkliche Schlangen als Feinde voraussetzen, sondern
allerhand Schrecknisse, Gewittersturm, üble Dünste usw.,
die unter dem Bilde des Lindwurmes Apophis gedacht
werden. Als Besieger dieses Gewitterdrachen, speer-
bewaffnet über ihm stehend, wird der große Gott
Amon-Ra von Theben dargestellt — das formale und
wohl auch das gedankliche Urbild des Erzengels Michael
(während der Ritter Georg, dem Perseus verwandt, auf
Horus zurückzuweisen scheint). Die Furcht vor der Schlange
geht soweit, daß man in den Gräbern ihr Bild sogar in
der Schrift — Laut f und gequetschtes d als Unheil
heraufbeschwörend unschädlich zu machen suchte: man

schrieb diese Buchstaben zuweilen nicht mit glatten,
heilen Zeichen, sondern so, als wären sie zerstückelt,
zerhackt. Die Schlange ist zugleich Sinnbild der Macht.
So erscheint sie als die Dienerin, ja manchmal als die
Vertreterin des Sonnengottes, der sie, wie auch sein
Gegner Seth, oder wie der irdische Pharao, als Uraeus
vor der Stirn trägt. Von hier aus eröffnet sich durch
die Gleichung Schlange - Auge der Ausblick in weitere,
unentwirrbare theologische Spekulationen. Als Macht-
symbol ist die Schlange Uto in Buto die Wappengestalt
Unterägyptens, wie der Geier Nechebt die Oberägyptens.
Die politisch angestrebte Gleichsetzung beider Landes-
teile führte nun schließlich dazu, daß man Uto und
Nechebt entweder beide als Geier oder beide als Schlange
oder — Triumph der synthetischen Geisteskraft! — als
geflügelte Schlangen darstellte. Ferner steht die Schlange
irgendwie in einem besonderen Dienstverhältnis zur Isis;
und wie die Spätzeit schließlich jede männliche Gottheit
als Falken dachte, so konnte jede weibliche nun die
Schlangengestalt annehmen. Der ungebildete Gläubige
der Spätzeit wird von all diesem — und wahrscheinlich
noch von ganz anderem — etwas mitempfunden haben,
wenn er seinem Kinde oder seinen Abgeschiedenen ein
Schlangenbild um den Hals hängte. — Recht geheimnis-
voll sind auch Frosch und Kröte. Auf Grund einer
alten Natursage, der Frosch entstehe unmittelbar aus dem
nach der jährlichen Überschwemmung auf den Feldern
zurückbleibenden Nilschlamm, galt dies Tier als Sinnbild
des aus unbeseeltem Stoff aufwachenden Lebens und
somit der Auferstehung. Das Amulett wurde vielfach
mit Neujahrswünschen versehen und diente so als
Geschenk. Von sonstigen Tieren seien hier nur noch
Fisch und Vogel erwähnt. Der Fisch genoß ebenso
wie der Frosch noch in frühchristlicher Zeit große Ver-
ehrung, die, wohl von Alexandrien aus, sich bis ins
Abendland verbreitete. Dem christlichen Gedankenkreise
wurde er durch die griechische Unterlegung

IX(-)YE = lr(3fj'j; XpvjsTOi Hjvj Yl'j; Ywr/jp
eingekünstelt. — Ein sitzender Vogel mit Menschenkopf,
der die Seele darstellt, ist von Ägypten her auch in das
altgriechische Pandämonium eingedrungen.

Als Kunstschöpfungen oft noch fesselnder als die
Tierbilder sind die Götter- und Koboldamulette, von
denen hier nur die wichtigsten und häufigsten vorgeführt
werden sollen. Diese Amulette sind ebenfalls rund-
plastische Kleingestalten, meist mit Standplatte und Öse,
zum Stellen und Tragen, und mit einem Rückenpfeiler.
Der Werkstoff ist meistens Bronze oder Glasurware mit
irdenem oder steinernem Kern, seltener der nackte Stein.
Die sehr alten, sehr großen Gottheiten, wie Min von
Koptos, Ptah von Memphis, Amon von Theben, kommen
als Amulette selten oder garnicht vor. Als alltägliche
Nothelfer standen dem Volke die familiären Halbgötter
und Kobolde näher. Daß der Osiriskreis so volkstümlich

336
loading ...