Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

Page: 406
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Uber die Gründung und den geschichtlichen Ent-
wickelungsgang der beiden während des 18. Jahr-
hunderts in der Stadt Braunschweig betriebenen Fayence-
fabriken sind wir im allgemeinen gut unterrichtet. *) Ebenso
können wir uns an der Hand noch zahlreich erhaltener
Proben eine ausreichende Vorstellung von ihren Leistungen
machen und dabei immer von neuem wieder feststellen,
wie ungleich jene waren, wie neben plumpen und ge-
schmacklosen Formen solche von großer Schönheit und
Originalität stehen, wie häufig unsichere und flüchtige
Malereien mit anderen von auffallender Sorgfalt und
Feinheit abwechseln. Trotz aller Ungleichheit ihrer
Qualität verdienen aber die Braunschweiger Fayencen
allein schon mit Rücksicht auf den starken Einfluß, den
sie auf die Erzeugnisse gewisser nord- und mittel-
deutscher Manufakturen ausgeübt haben, eine größere
Wertschätzung als ihnen bisher zu Teil geworden ist* 2),
und wenn sie sich auch technisch wie künstlerisch nicht
immer mit andern verwandten Erzeugnissen messen
können, haben sie doch bisweilen Leistungen aufzu-
zuweisen, die jenen nicht nur gleichstehen, sondern sie
sogar übertreffen.

Das gilt z. B. auch von einer großen mehrgliedrigen
Tüllenvase, die sich im Kestnermuseum zu Hannover be-
findet, wohin sie schon 1897 aus dem dortigen Kunst-
handel gelangte3) (Abb. 1). Aus fünf, mit kurzen röhren-
förmigen Tüllen besteckten Vasen, die, aufeinandergestellt,
nach oben hin immer kleiner werden, baut sich das Ganze
zu der stattlichen Höhe von 1,48 m auf. Sämtliche Vasen
zeigen dieselbe kugelige Form, doch ist die unterste
und größte mit 2 Vertikalhenkeln versehen, während die
oberste und kleinste von einer weiblichen Figur bekrönt
wird, die zugleich die Spitze des ganzen Aufbaues bildet.
Bemalt sind sämtliche Teile in Kobaltblau mit Land-
schaften, die durch allerlei Figuren, unter denen eine
Hirschjagd und äsendes Rotwild besonders auffallen, be-
lebt werden. Dabei ist es merkwürdig, wie die ringsum-
laufenden Darstellungen durch mächtige, in bestimmten
Abständen im Vordergrund angebrachte Bäume gewisser-
maßen wie in einzelne Abschnitte oder Teile zerlegt
erscheinen. Auch die Henkel sind in Blau staffiert und
die Tüllen ebenso mit Blatt- und Rankenwerk bemalt.

*) Vetgl. Chr. Scherer, Braunschweigisches Magazin 1896
Nr. 6 u. derselbe, die Chelysche Fayencefabrik zu Braunschweig
in „Quellen und Forschungen zu Braunschweig.“ Geschichte
VI S. 269 ff. Ferner O. Riesebieter in „Cicerone“ VI (1914) S. 369 ff.

2) Noch in dem vor kurzem erschienenen Werke von A. Stoehr,
Deutsche Fayencen u. Deutsches Steingut Berlin S. 343 lautet das
Gesamturteil nicht sonderlich günstig.

3) Herr Antiquätenhändler E. Backhaus in Hannover hat mich

zuerst auf diese Vase aufmerksam gemacht und mir näheres

darüber mitgeteilt; ihm verdanke ich auch die Photographie, der-

selben, wofür ich ihm an dieser Stelle nochmals meinen besten
Dank sagen möchte.

Vasen verwandter Art, mit Tüllen besetzt, die für
Blumen (Hyazinthen, Tulpen) bestimmt sind und daher
bouquetiers ä Jacinthes oder auch porte-bouquets ge-
nannt werden, sind ja in der Delfter Keramik keine Selten-
heit, und man braucht nur Havards Werk zu durch-
blättern, um hier verschiedenen Modellen, die solchen
Zwecken dienen, zu begegnen.4 *) Auch in der Deutschen
Fayenceindustrie, die sie offenbar von Delft übernahm,
kommen, wenn auch in anspruchsloserer Form, solche
Tüllenvasen vor;6) doch kenne ich hier kein einziges
Beispiel, das sich an Größe und Originalität mit unserem
Stück irgendwie messen könnte. Und doch gibt es ein
zweites Exemplar dieserTüllenvase, das jenes Hannoversche
Stück an Größe noch überbietet.

Im Herbst vorigen Jahres sah ich nämlich in der
Antiquätenhandlung „Altkunst“ in Berlin (Wilhelmstraße)
dieselbe Tüllenvase; doch waren es hier nicht fünf,
sondern sieben einzelne Vasen, aus denen sich der ganze
Aufsatz zusammensetzte, sodaß er die imponierende
Höhe von 2,16 m erreichte. (Abb. 2) Dazu kam, daß
die unterste Vase noch einen besonderen, ziemlich weit
ausladenden Fuß besaß, der dazu diente, dem ganzen
eine größere Standfestigkeit zu verleihen, und ferner daß
statt der bekrönenden Figur eine Büste0) die Spitze des
Aufbaues bildete. Im Übrigen aber stimmten beide Vasen
bis auf alle Einzelheiten in den Formen und der Be-
malung aufs genaueste überein, sodaß man sie für Gegen-
stücke halten würde, wenn nicht jener Größenunterschied
bestände. Indessen ließe sich dieser leicht durch die
Annahme erklären, daß zwei Teile der Ursprünglich
vollständigen Hannoverschen Vase, nämlich die beiden
Einzelvasen 3 und 4 (von unten gerechnet) des Berliner
Exemplars, im Laufe der Zeit zerstört oder abhanden
gekommen wären, womit die Tatsache, daß bei jener
der Fuß der Einzelvase 3 durch Hinzufügung eines Ringes
um den äußeren Rand offenbar zur besseren Aufstellung
auf der nächstfolgenden passend gemacht worden ist,
ganz im Einklang stehen würde. Doch wie dem auch
sei, mögen wir ein Gegenstück in ihnen zu erkennen
haben oder nicht, jedenfalls handelt es sich hier um
zwei hervorragende Erzeugnisse, der Fayencekunst, die
nach ihrer technischen wie künstlerischen Seite geradezu
als Glanzleistungen der Braunschweigischen Fabrik be-
zeichnet werden können.

Denn daß sie hier und nicht anderswo enstanden
sind, lehrt nicht allein die Herkunft beider Stücke, die

4) H. Havard, Histoire de le Faience de Delft Paris 1878 Fig. 8
— pl. XII — Fig. 101.

5) Vergl.z.B.ein AbtsbessingerModell bei Stoehr a.a O. Ab.201.

B) Ich möchte sie für die Büste des Herzogs August Wilhelm
von Braunschweig (1714—1721) halten.

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